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»Wenn ich … in das Archiv in Boston zurückgehen würde, wo ich die Zeitung gefunden habe – meinst du, es hätte sich dort ebenso verändert?«

»Ja, das glaube ich.«

Sie schwieg lange und starrte auf das Blatt in seiner Hand. Dann sah sie ihn gebannt an.

»Du hast gesagt, als dir der Gedanke gekommen ist. Was hat dich denn darauf gebracht?«

»Deine Mutter.«

Es war ein paar Monate vor ihrem Abschied aus Fraser’s Ridge gewesen. Weil er eines Nachts nicht schlafen konnte, war er in den Wald gegangen und rastlos hin und her gelaufen, bis er Claire in einer Bodenmulde voller weißer Blumen knien sah, die sie wie Nebel zu umschweben schienen.

Er hatte sich dazugesetzt und ihr zugesehen, wie sie einzelne Stängel abbrach und die Blätter in ihren Korb legte. Er sah, dass sie die Blüten nicht anrührte, sondern etwas abrupfte, das darunter wuchs.

»Man muss sie nachts sammeln«, sagte sie nach einer Weile zu ihm. »Am besten bei Neumond.«

»Ich hätte nicht gedacht –«, begann er, brach aber abrupt ab.

Sie lachte, ein leiser, belustigter Zischlaut.

»Du hättest nicht gedacht, dass ich etwas auf solchen Aberglauben gebe?«, fragte sie. »Warte nur, lieber Roger. Wenn du erst so alt bist wie ich, fängst du vielleicht selbst an, den einen oder anderen Aberglauben ernst zu nehmen. Was diesen hier angeht …« Ihre Hand bewegte sich, ein heller Fleck in der Dunkelheit, und brach mit einem leisen, saftigen Geräusch einen Stängel ab. Die Luft wurde plötzlich von einem durchdringenden Aroma erfüllt, das den sanfteren Duft der Blumen mit Schärfe überlagerte.

»Manche Insekten legen ihre Eier auf den Blättern bestimmter Pflanzen ab, verstehst du? Die Pflanzen sondern stark riechende Substanzen ab, um das Ungeziefer abzuwehren, und die Konzentration dieser Substanzen ist am stärksten, wenn die Pflanze sie am nötigsten hat. Zufälligerweise haben diese insektiziden Substanzen obendrein eine große Heilwirkung, und das, was dieser Pflanze hier am meisten zu schaffen macht« – sie hielt ihm einen der gefiederten Stängel unter die Nase, frisch und feucht –, »sind Mottenlarven.«

»Ergo produziert sie spät in der Nacht mehr von dieser Substanz, weil die Raupen dann zum Fressen kommen?«

»Richtig.« Der Stängel verschwand wieder, und er hörte Musselin flüstern, als sie die Pflanze in ihren Beutel steckte.

»Andere Pflanzen werden durch Motten befruchtet. Diese wiederum …«

»… blühen bei Nacht.«

»Aber die meisten Pflanzen werden am Tag von Insekten geplagt und beginnen daher in der Morgendämmerung, ihre nützlichen Sekrete freizusetzen; die Konzentration nimmt im Tagesverlauf zu – doch wenn die Sonne zu heiß wird, verdunsten einige der Aromen in den Blättern, und die Pflanze stellt die Produktion ein. Also pflückt man die meisten aromatischen Pflanzen am späten Vormittag. Und so lehren die Schamanen und Kräuterkundler ihre Schüler, die eine Pflanze bei Neumond zu ernten und die andere um die Mittagszeit – und schon ist es Aberglaube, hmm?« Ihr Tonfall war ziemlich trocken, aber belustigt.

Roger hatte sich auf die Fersen gehockt und ihr zugesehen. Jetzt, da sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er ihren Umriss gut erkennen, obwohl ihm die Einzelheiten ihres Gesichtes verborgen blieben.

Sie arbeitete noch eine Zeit lang weiter, dann ging sie ebenfalls in die Hocke und räkelte sich. Er hörte ihren Rücken ächzen.

»Ich habe ihn einmal gesehen, weißt du.« Ihre Stimme war gedämpft; sie hatte sich von ihm abgewandt und tastete unter den tief hängenden Zweigen eines Rhododendronbusches umher.

»Ihn gesehen? Wen denn?«

»Den König.« Sie hatte etwas gefunden; er hörte die Blätter rascheln, als sie daran zog, und dann zerbrach der Stiel mit einem Knacken.

»Er hat die Soldaten im Lazarett in Pembroke besucht. Mit uns hat er auch gesprochen – mit den Schwestern und Ärzten. Er war ein stiller Mann, sehr würdevoll, aber er strahlte gleichzeitig Wärme aus. Ich könnte dir kein Wort von dem wiederholen, was er gesagt hat. Aber es war … eine bemerkenswerte Inspiration. Einfach nur, dass er da war.«

»Mmpfm.« War es der heraufziehende Krieg, fragte er sich, der ihr solche Dinge ins Gedächtnis rief?

»Ein Journalist hat die Königin gefragt, ob sie mit ihren Kindern aufs Land gehen würde, in die Evakuation – so haben es schließlich viele Leute gemacht.«

»Ich weiß.« Roger sah plötzlich zwei Kinder vor seinem inneren Auge: ein Mädchen und einen Jungen, die mit schmalen Gesichtern schweigend an einem vertrauten Kamin hockten. »Wir hatten zwei von ihnen bei uns zu Hause in Inverness. Wie seltsam, ich hatte sie bis heute völlig vergessen.«

Doch sie beachtete ihn nicht.

»Sie hat gesagt – vielleicht nicht wortwörtlich, aber sinngemäß –, ›Nun, die Kinder können mich nicht verlassen, und ich kann den König nicht verlassen – und natürlich verlässt der König London nicht.‹ Wann ist dein Vater umgekommen, Roger?«

Was auch immer er zu hören erwartet hatte, es war nicht das. Im ersten Moment kam ihm die Frage so zusammenhanglos vor, dass er sie nicht verstand.

»Was?« Doch er hatte sie verstanden. Er schüttelte den Kopf, um das surreale Gefühl zu zerstreuen, und antwortete: »Im Oktober 1941. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das genaue Datum noch weiß – doch, ich weiß es, der Reverend hatte es in seinem Stammbaum notiert. Am einunddreißigsten Oktober 1941. Warum?« Warum in Gottes Namen, hätte er am liebsten gesagt, doch er bemühte sich ja, weniger zu fluchen. Er unterdrückte also den Impuls, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen, und wiederholte sehr ruhig: »Warum?«

»Du hast doch gesagt, er wäre in Deutschland abgeschossen worden, oder?«

»Über dem Kanal auf dem Weg nach Deutschland. So hat man es mir gesagt.« Er konnte zwar ihre Gesichtszüge schwach im Mondlicht sehen, doch ihre Miene konnte er nicht erkennen.

»Wer hat es dir gesagt? Weißt du das noch?«

»Der Reverend wahrscheinlich. Oder es war meine Mutter.« Das unwirkliche Gefühl löste sich auf, und er wurde allmählich wütend. »Ist das wichtig?«

»Wahrscheinlich nicht. Als wir dir das erste Mal begegnet sind – Frank und ich, in Inverness –, hat der Reverend gesagt, dein Vater wäre über dem Kanal abgeschossen worden.«

»Ja? Hm …« Sein ja und? blieb unausgesprochen, doch sie hörte es trotzdem, denn ein leises Prusten klang von den Rhododendren herüber.

»Du hast recht, es ist nicht wichtig. Aber der Reverend und du, ihr habt beide gesagt, dass er eine Spitfire geflogen ist. Ist das richtig?«

»Ja.« Roger wusste nicht genau, warum, aber in seinem Nacken regte sich ein beklommenes Gefühl, so als stünde jemand hinter ihm. Er hustete, um eine Ausrede dafür zu haben, dass er den Kopf abwandte, sah aber nichts hinter sich als den in Mondlicht getauchten, schwarz-weißen Wald.

»Ich weiß es genau«, sagte er und fühlte sich merkwürdig angegriffen. »Meine Mutter hatte ein Foto von ihm und seinem Flugzeug. Dolly hieß das Flugzeug; der Name stand auf seiner Nase, und daneben war ein Püppchen mit schwarzen Locken und einem roten Kleid gemalt.« Das wusste er mit Sicherheit. Nach dem Tod seiner Mutter hatte er lange mit diesem Foto unter seinem Kissen geschlafen – das Studioporträt seiner Mutter war zu groß, und er hatte Angst, dass jemand das Fehlen des Bildes bemerken würde.

»Dolly«, wiederholte er, und plötzlich kam ihm ein Gedanke.

»Was? Was ist denn?«

Er winkte ungelenk mit der Hand.

»Es – nichts. Ich – mir ist nur gerade klar geworden, dass mein Vater wahrscheinlich meine Mutter so genannt hat. Dolly. Als Kosename. Weißt du? Und gerade musste ich an die schwarzen Locken denken – das Porträt meiner Mutter … Mandy. Mandy hat die Haare meiner Mutter.«

»Oh, gut«, sagte Claire trocken. »Ich fände es schrecklich, wenn ich allein dafür verantwortlich wäre. Sag ihr das, wenn sie älter wird, ja? Alle Mädchen mit Locken hassen ihre Haare – zumindest anfangs, wenn sie gern aussehen würden wie alle anderen.«