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Seine Herzfrequenz schoss sprunghaft in die Höhe, als ein langer grauer Schatten vor ihm über den Weg huschte. Dann fiel sie wieder, und er lächelte. Der kleine Adso war auf der Jagd. Vor ein paar Monaten war ein Nachbarsjunge mit einem Korb voller Katzenbabys vorbeigekommen, für die er ein Zuhause suchte, und Brianna hatte das graue genommen, das der Katze ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich sah, und ihm denselben Namen gegeben. Falls sie einen Wachhund bekamen, würden sie ihn Rollo nennen?, fragte er sich.

»Chat a Mhinister …«, sagte er. Pastors Katze ist eine Jagdkatze.

»Na dann, gute Jagd«, fügte er hinzu, während der Schwanz des Katers unter der Hortensie verschwand, und bückte sich nach dem halb gefalteten Blatt, das Brianna fallen gelassen hatte.

Nein, es war kein Papierflugzeug. Was war es nur? Ein Papierhütchen? Er konnte es nicht sagen, also steckte er es in seine Hemdtasche und ging ins Haus.

Er fand Brianna und Mandy im Wohnzimmer vor dem frisch angezündeten Kamin. Mandy hatte etwas Milch getrunken und sich trösten lassen und war in Briannas Armen schon wieder halb eingedöst. Sie blinzelte ihn schläfrig an und nuckelte an ihrem Daumen.

»Aye, was ist es denn, a leannan?«, fragte er sie leise und strich ihr die wilden Locken aus den Augen.

»Sie hat schlecht geträumt«, sagte Brianna betont beiläufig. »Ein böses Wesen hat versucht, in ihr Fenster zu steigen.«

Er hatte zwar genau zu diesem Zeitpunkt mit Brianna unter genau diesem Fenster gesessen, doch sein Blick wanderte automatisch zum Wohnzimmerfenster, in dem sich aber nur die häusliche Szene spiegelte, deren Teil er war. Der Mann in der Scheibe sah wachsam aus und hatte die Schultern hochgezogen, als wäre er zum Angriff bereit. Er stand auf und zog die Vorhänge zu.

»Komm«, sagte er und streckte die Arme nach Mandy aus. Sie schmiegte sich mit der sympathischen Langsamkeit eines Faultiers in seine Arme und steckte ihm ihren feuchten Daumen ins Ohr.

Brianna ging in die Küche, um ihnen Kakao zu holen. Bei ihrer Rückkehr brachte sie klappernde Keramik, den Duft heißer Schokolade und die Miene eines Menschen mit, der darüber nachgedacht hat, was er zu einem schwierigen Thema sagen soll.

»Hast du … Ich meine, angesichts der Natur des, äh, Problems … Hast du schon einmal daran gedacht, Gott zu fragen?«, sagte sie zögernd. »Direkt?«

»Ja, das habe ich«, versicherte er ihr, hin- und hergerissen zwischen Verärgerung und Belustigung über ihre Frage. »Und ja, ich habe ihn gefragt – mehrfach. Vor allem auf der Fahrt nach Oxford. Wo ich das hier gefunden habe.« Er wies kopfnickend auf das Stück Papier. »Was ist das überhaupt? Wozu du es gefaltet hast, meine ich …«

»Oh.« Sie griff danach und faltete es zielsicher zu Ende, dann hielt sie es ihm auf ihrer Handfläche entgegen. Einen Moment lang sah er es stirnrunzelnd an, dann begriff er, was es war. Himmel und Hölle nannten die Kinder dieses Spiel; es hatte vier Öffnungen, in die man seine Finger steckte. Dann konnte man Fragen stellen und abzählen, wo man das Spiel öffnete, sodass sich eine der Antworten auf der Innenseite zeigte – ja, nein, manchmal, immer.

»Wie passend«, sagte er.

Sie verstummten einen Moment und tranken ihren Kakao, während ihr Schweigen gefährlich am Rand einer Frage entlangbalancierte.

»Im Bekenntnis von Westminster steht auch, Gott allein ist Herr über mein Gewissen. Entweder schließe ich meinen Frieden damit«, sagte er leise, »oder eben nicht. Ich habe zu Dr. Weatherspoon gesagt, dass es doch ein bisschen merkwürdig ist, einen Chorleiter zu haben, der nicht singen kann. Er hat nur gelächelt und gesagt, er hätte gern, dass ich die Stelle annehme, damit er mich an der Leine hat, während ich nachdenke. Wahrscheinlich hat er Angst, dass ich sonst abtrünnig werde und nach Rom überlaufe«, fügte er als schwachen Scherz hinzu.

»Das ist doch gut«, sagte sie, ohne aus den Tiefen ihres Kakaos aufzublicken.

Wieder Schweigen. Und der Schatten von Jerry MacKenzie, RAF, kam herbei und setzte sich in seiner mit Webpelz gefütterten Fliegerjacke an den Kamin und sah zu, wie das Licht im tintenschwarzen Haar seiner Enkeltochter spielte.

»Dann wirst du –« Er konnte das leise Plop hören, mit dem sich ihre Zunge von ihrem trockenen Gaumen löste. »Dann wirst du also nachsehen? Ob du herausfinden kannst, wohin dein Vater gegangen ist? Wo er … sein könnte?«

Wo er sein könnte. Hier, dort, damals, heute? Sein Herz tat plötzlich einen Satz, als er an den Vagabunden dachte, der im Turm kampiert hatte. Gott … nein. Das konnte nicht sein. Es gab keinen Grund, das zu glauben, keinen. Nur Wunschdenken.

Er hatte viel darüber nachgedacht, auf dem Weg nach Oxford, zwischen seinen Gebeten. Was er sagen würde, was er fragen würde, falls er die Gelegenheit bekam. Er hätte gern alles gefragt, alles gesagt – doch eigentlich gab es nur eines, was er seinem Vater sagen konnte, und das schnarchte in seinen Armen wie eine betrunkene Hummel.

»Nein.« Mandy wand sich im Schlaf, stieß einen kleinen Rülpser aus und sank wieder an seine Brust. Er sah nicht auf, sondern hielt die Augen fest auf das dunkle Labyrinth ihrer Locken gerichtet. »Ich könnte es nicht riskieren, dass meine Kinder ihren Vater ebenfalls verlieren.« Seine Stimme war fast verschwunden; er spürte seine Stimmbänder knirschen wie ein Motorgetriebe, um die Worte an die Luft zu zwingen.

»Es ist zu wichtig. Man vergisst nie, wie es ist, einen Vater zu haben.«

Briannas Augen glitten zur Seite, das Blau kaum mehr als ein Funke im Feuerschein.

»Ich dachte … du warst doch noch so jung. Erinnerst du dich denn an deinen Vater?«

Roger schüttelte den Kopf. Die Kammern seines Herzens zogen sich fest zusammen, doch was sie umschlossen, war Leere.

»Nein«, sagte er leise und beugte sich mit dem Kopf über seine Tochter, um den Duft ihrer Haare einzuatmen. »Aber ich erinnere mich an deinen.«

Kapitel 22

Schmetterling

Wilmington, Kolonie North Carolina

3. Mai 1777

Ich konnte sofort sehen, dass Jamie wieder geträumt hatte. Sein Gesicht hatte ein zerstreutes, nach innen gewandtes Aussehen, als sähen seine Augen etwas ganz anderes als den Black Pudding auf seinem Teller.

Wenn ich ihn so sah, hätte ich ihn am liebsten sofort gefragt, was er gesehen hatte – ein Wunsch, den ich aber unterdrückte, weil ich Angst hatte, er könnte einen Teil des Traums vergessen, wenn ich ihn zu früh ansprach. Wenn ich ehrlich war, war ich außerdem grün vor Neid. Ich hätte alles darum gegeben zu sehen, was er sah, ob es nun real war oder nicht. Das war außerdem nicht wichtig – es war eine Art von Verbindung, und die durchtrennten Enden der Nerven, die mich einmal mit meiner Familie verbunden hatten, blitzten und brannten wie Elektrokabel bei einem Kurzschluss, wenn ich diesen Ausdruck in seinem Gesicht sah.

Ich konnte es nicht ertragen, nicht zu wissen, was er geträumt hatte, obwohl es – wie bei Träumen üblich – nur selten eindeutig war.

»Du hast von ihnen geträumt, nicht wahr?«, sagte ich, als das Serviermädchen gegangen war. Wir waren spät aufgestanden, weil uns der lange Ritt nach Wilmington am Vortag ermüdet hatte, und wir waren die einzigen Speisenden im kleinen Vorderzimmer des Wirtshauses.

Er sah mich an und nickte langsam, eine kleine Falte zwischen den Augenbrauen. Das machte mir Sorgen; normalerweise war er friedvoll und glücklich, wenn er hin und wieder von Brianna und den Kindern träumte.

»Was?«, wollte ich wissen. »Was ist passiert?«

Er zuckte mit den Achseln, die Stirn nach wie vor gerunzelt.

»Nichts, Sassenach. Ich habe Jem gesehen und die Kleine –« Bei diesen Worten breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht. »Gott, was für ein freches kleines Ding! Sie erinnert mich an dich, Sassenach.«