Auf dem Dach stand eine Unmenge von Kaminen, aber es gab nur drei rußige Schornsteine mit jeweils vier Töpfen. Ihre Nähe störte Christopher. Die toten Schornsteine vermittelten ihm den Eindruck von Zusammenhalt. Auf der einen oder anderen Öffnung saß eine Art Haube. Bei einem Windstoß drehten sich mehrere von den Dingern knarzend in seine Richtung. Sein Gefühl von Unsicherheit verstärkte sich noch. Auf einmal kam er zu der unsinnigen Überzeugung, daß die Hauben lebende Organismen beherbergten, die ihn beobachteten. Er versuchte sich zu beruhigen und begann langsam zum gegenüberliegenden Dachrand zu schreiten. Es war unmöglich, einen geraden Weg einzuschlagen. Das Dach setzte sich aus drei steil abfallenden Abschnitten zusammen, von schmalen Trampelpfaden durchschnitten. Zwischen zweien der Pfade bäumte sich das große, von Eisenstreifen eingefaßte Oberlicht auf.
Auf den engen Wegen kam man nur voran, wenn man vorsichtig einen Fuß vor den anderen auf die blauschwarzen, verbogenen Bleiplatten setzte. Genau so verfuhr Christopher. Auf der anderen Seite angekommen, spähte er über den Dachrand. Nun befand er sich direkt über dem zersplitterten Pflasterstein. Die Delle in der Dachrinne verriet ihm, an welcher Stelle der Metallgegenstand hinuntergepurzelt war. Und eine helle, runde, fleckenlose Stelle sagte ihm, wo er die längste Zeit gelegen hatte. Sie war gut einen halben Meter von der Dachrinne entfernt, auf einer ganz ebenen Fläche. Ihm erschien es unmöglich, daß ein Objekt von dieser Größe und diesem Gewicht sich aus eigenem Antrieb in Bewegung gesetzt haben sollte. Selbst für eine einzelne Person hätte es nicht leicht sein können, das Ding zur entsprechenden Stelle zu rücken, geschweige denn über den Rand zu hieven. Und doch mußte es genau so passiert sein.
Sollte dem so gewesen sein - Christopher richtete sich schnell auf und schaute sich um -, wie war es dieser Person dann gelungen, sich so schnell aus dem Staub zu machen? War jemand derart flink, daß er über das Dach gehen, das Oberlicht schließen, die schmalen Treppenstufen überwinden und nach unten laufen konnte und alles innerhalb von dem kurzen Zeitraum zwischen dem Herunterstoßen des Metallklotzes und Christophers Rückkehr in die Halle? Er konnte sich dies - ehrlich gesagt - nicht vorstellen.
Erneut knarzten die Schornsteinaufsätze und erinnerten Christopher daran, daß er sich zuvor beobachtet gefühlt hatte. Vielleicht war er auf eine Erklärung gestoßen. Falls der potentielle Mörder (denn als was sollte man sonst einen Menschen bezeichnen, der einen großen Brocken Eisenerz auf einen Menschenkopf warf?) gar nicht vom Dach herunter war, sondern geblieben war und sich versteckt hatte... Sich womöglich immer noch versteckt hielt.
Schlagartig wurde er sich des leeren Raums hinter seinem Rücken bewußt. Nichts als Luft. Sauerstoff, Stickstoff, Kohlendioxid. Keiner dieser Stoffe hatte die Macht, ihn aufzufangen. Eigentlich - wenn man genauer darüber nachdachte -waren sie nur zum Durchfallen geeignet. Gerade, als er am dringendsten auf sie angewiesen war, merkte er, wie seine Knie weich wurden.
Geschwind legte er die Distanz vom Dachrand zum nächsten Schornstein zurück. Keine Menschenseele verbarg sich dahinter. Auch hinter dem zweiten nicht. Leise und mit pochendem Herzen näherte er sich dem dritten. Vier gedrehte gelbe Stangen, rußüberzogen. Behutsam auftretend, begann er mit der Umkreisung. Nach der Hälfte überfiel ihn das Bedürfnis, laut zu lachen. Diese Vorgehensweise hatte er sich in einer Reihe von schaurigen Filmen abgeguckt, in denen die komische Hauptperson auf Zehenspitzen um einen Baum kreist und von einem Mann im Gorillakostüm verfolgt wird. Aber hier oben war niemand. Muß durch das Oberlicht geklettert sein, schloß Christopher, während ich mir die Dachrinne angesehen habe.
Schon im Gehen begriffen, erregte etwas zwischen den Schornsteinaufsätzen seine Aufmerksamkeit. Etwas, das aus einem Spalt ragte. Sah aus wie das Ende einer Metallstange. Er zog daran, bis das Ding sich löste. Und hielt ein Radkreuz in der Hand.
Als Christopher endlich wieder unten war und zu Mays Zimmer gelangte, war es proppenvoll. Noch im Türrahmen zählte er kurz durch. Alle waren anwesend.
Er sah sich mit einer höchst dramatischen Szene konfrontiert. Ziemlich malerisch und in gewisser Hinsicht viktorianisch beredt. Wie eine jener allegorischen Andeutungen der Sterblichkeit, auf denen ein alter Patriarch in seinen letzten Atemzügen abgebildet war, umgeben von weinenden Familienangehörigen, einem alten Faktotum und einem rührselig dreinblickenden Hund.
May lag auf einer Chaiselongue und sah für ihre Verhältnisse einigermaßen blaß aus. Jemand hatte einen pfauenblauen Fransenschal über ihre Knie drapiert. Hinter ihr stand der Meister. Sein weißes Haar strahlte im Sonnenlicht; seine Hand ruhte auf ihrer Stirn. Suhami kniete neben ihr. Tim hatte sich auf einem Fußschemel niedergelassen. Mit ringenden Händen beugte sich Arno (er rang sie wirklich, als wringe er Wäsche aus) über sie. Janet und Trixie hielten sich ein wenig abseits und erweckten den Eindruck, zur Gruppe zu gehören und auch wieder nicht.
Die Beavers kauerten am Fuß der Couch. Heather hatte ihre Gitarre mitgebracht und schlug leise, zuckersüße Akkorde an. Ken sagte: »Hier gibt es viel zu heilen«, ehe er zuerst seinen magnetischen Kristall berührte und dann mit ernster Miene nach Mays Fußsohle griff.
»Es geht mir gut«, betonte May. »Unfälle passieren. Macht keinen Wirbel.«
Heather begann die Saiten ihres Instruments mit mehr Inbrunst zu zupfen und rezitierte dann einen Vierzeiler, der sie alle auffahren ließ.
»Oh, Zenitene Strahlen kosmischer Macht ergießt aus dem himmlischen Turm gleißend helles Leuchten in einem goldenen Schauer und stärkt unsere sternengeborene Blume.«
Erneut berührte Ken seinen Kristall und betrachtete einen nach dem anderen mit einer Grabesmiene. Schließlich blieb sein Blick an der Vorhangschabracke hängen, als beschuldige er sie, wichtige Informationen zurückzuhalten. Eine Weile später wandte er sich wieder an die liegende Gestalt: »Jetzt bist du tief eingehüllt in Jupiters Psi-Sonde und badest in seinem wundersam heilenden Einfluß.«
»Nun, das weiß ich.« May zupfte am Seidenschal. »Wir alle sind permanent eingebettet in wundersam heilende Strahlen, welcher Ursprungs auch immer. Ich brauche jetzt meine Medizin und etwas Arnika für die blauen Flecken. Beides liegt in diesem kleinen Muschelkästchen. Wäre vielleicht jemand so nett... ?«
Umgehend setzte sich Arno in Bewegung. Er händigte ihr das Erbetene aus mit der Frage: »Möchtest du vielleicht auch etwas Oxymol, May?«
»Warum nicht? Honig kann nie schaden. Danke, Arno.«
Hocherfreut, die Wünsche seiner Herzdame erfüllen zu dürfen, eilte Arno von dannen. Er würde den wohlriechendsten Honig - war da nicht noch etwas Mount Hymettus übrig? - und dazu einen frischen, leichten Honig in einer hübschen Tasse geben. Sollte er noch ein paar Blumen pflücken? Unter derlei Umständen durften die Regeln sicherlich ein wenig lockerer ausgelegt werden.
Gerade als er die Küche betreten wollte, hielt er inne. Die hintere Tür stand immer noch offen. Arno trat über die Türschwelle, inspizierte den geplatzten Pflasterstein und den Metallbrocken und begutachtete den Lavendel, der von Mays Sturz plattgedrückt worden war. Einige Zweige waren abgeknickt. Als er sah, wie knapp sie dem Tod entgangen war, überkam ihn eine leise, tiefsitzende Furcht. Er stellte sich eine Welt ohne sie vor. Ohne Wärme und Farbe, ohne Licht, Musik, Sinn... Harmonie...