»Was ist es dann?« Auf seinen Froschlippen machte sich ein Grinsen breit. »Werden diese Woche Millionäre umsonst gefickt? Nur zu - nimm es. Kauf dir ein neues Oberteil. Von deinem ist eh nicht mehr viel übrig.«
»Sie sind ein... Sie sind ein...« Als wolle sie sich schützen, schlang sie die verstriemten Arme um ihren Oberkörper. »Abscheulich ... Sie sind abscheulich.«
Ernsthaft überrascht stierte Guy zu ihr hinüber. »Jetzt kapiere ich gar nichts mehr.« Er legte seine Krawatte ab und machte sich daran, sein Hemd aufzuknöpfen. »Aber schon jetzt bin ich tödlich gelangweilt. Du kannst dir jetzt einen Drink machen und dich wieder normal benehmen oder abhauen. Wie du dich entscheidest, ist mir vollkommen schnuppe.«
Er verschwand im Badezimmer, drehte die Dusche an und kam noch mal zurück, um Hose und Unterhose abzustreifen. Krank vor Wut und Selbsthaß sah Trixie ihm dabei zu. Wie hatte sie es nur zulassen können, daß er sie anfaßte? Er war widerwärtig. Schwitzte am ganzen Leib, war überzogen mit diesen flachgedrückten, langen schwarzen Haaren. Selbst sein Gehänge war - wie sie jetzt bemerkte - ganz haarig, dunkel und glatt wie das Fell einer Ratte. Er zog die Socken aus.
Überwältigt und überrumpelt schloß Trixie die Augen, suchte Zuflucht in der Phantasie: Sie schenkte sich einen Scotch ein, knallte ihm das Glas auf die Lockenmähne und rammte ihm die Glassplitter in Mund und Augen. Im Besitz übermenschlicher Kräfte warf sie sich im Badezimmer auf ihn, packte ihn bei den seifigen schmierigen Schultern und drückte seinen Kopf so lange unter Wasser, bis keine Bläschen mehr aufstiegen. Dann kam ihr eine Idee. »Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen..., daß ich Aids habe«, rief sie durchs Zimmer.
Guy bedachte sie mit einem kurzen Blick, ehe er höhnisch auflachte. »Mann, o Mann. Schon vor meiner Geburt sind mir bessere Lügen eingefallen.«
»Es ist wahr.« Doch sie beide hörten, wie dünn ihre Worte klangen, daß in ihnen ein fast flehender Unterton mitschwang. Angewidert schüttelte Guy den Kopf.
Doch in diesem Moment kamen Trixie noch mehr blutige, vor atemberaubender Vernichtung triefende Szenen in den Sinn, und sie erdachte eine Waffe mit vernichtender Schärfe. Diesmal rein zufällig. Dann erinnerte sie sich an ihre Unterhaltung auf der Terrasse und an den Schatten, der beim Gespräch über seine Tochter über Guys Gesicht gezogen war. Sie setzte sich auf.
»Eigenartig, daß Suhami auf Windhorse lebt, nicht wahr? Mit ihrer Herkunft. Und all dem Geld... Man möchte meinen, sie hat daheim alles, was sie braucht.« Guys veränderter Gesichtsausdruck machte ihr angst, aber ihr Verlangen, es ihm heimzuzahlen, feuerte sie an. »Es wundert mich nicht, daß sie den Meister abgöttisch liebt. Ich nehme an, er ist so ’ne Art Vaterfigur. Ein bißchen seltsam ist das allerdings schon. Zumal sie ja einen Vater hat.«
Die letzten Worte brachte sie nur stammelnd hervor. Die Art und Weise, wie Guy auf sie zukam, machte ihr angst. Es kostete sie große Mühe, sich nicht kleinzumachen, sich nicht in den Kissen zu verstecken. Er hielt ihr sein Gesicht vor die Nase. Sie konnte die großen Poren erkennen, die roten Äderchen, die widerspenstigen Haare auf seiner Nase.
»Ich werde jetzt duschen gehen. Den Geruch der Gosse abwaschen. Wenn ich rauskomme, will ich, daß du verschwunden bist. In fünf Minuten - okay?« Sein leises, bedrohliches Flüstern war so haßerfüllt, daß sein Atem auf ihrer Haut brannte.
Als die Badezimmertür zufiel, löste sich Trixies letztes Fünkchen Courage in Luft auf. Mit zittrigen Beinen erhob sie sich, taumelte zum Schminktisch hinüber. Im Spiegel sah sie, daß ihre Wangen feucht waren. Daß sie geweint hatte, war ihr nicht bewußt gewesen. Wie war das nur möglich? Zu weinen, ohne es mitzukriegen. Ein Seufzer voller Selbstmitleid kam ihr über die Lippen und wurde sofort unterdrückt, obwohl ihn niemand hören konnte.
Sie hörte, wie er sich einseifte und dabei rumplanschte. In einer samtbezogenen Schachtel lagen Gesichtstücher. Sie schnappte sich ein paar und rieb damit ihr Gesicht ab. Sie hatte viel zuviel Make-up aufgetragen. Hektisch und unprofessionell, ehe sie die Treppe hinuntergelaufen war. Die Erinnerung an vorhin ließ sie zusammenzucken. Trixie versuchte den Schaden, den die Tränen und der Schweiß angerichtet hatte, zu korrigieren, was kein Kinderspiel war, denn sie hatte ihre Handtasche vergessen und - das fiel ihr jetzt erst auf - infolgedessen kein Geld dabei.
Wie sollte sie heimkommen? Der Gedanke, sich an den Chauffeur zu wenden und sich zuvor an der Rezeption nach dessen Zimmernummer zu erkundigen, ließ sie erneut erschaudern. Zweifellos würde er sie ohne Gamelins Erlaubnis nirgendwohin bringen. Trixie mußte an ihre Eingebung im Wagen denken - daß der Mann über sie gelacht hatte. Wahrscheinlich hielt er sie für eine Art Prostituierte. Womöglich hielt jeder sie dafür! Von Scham überwältigt, wandte Trixie sich von ihrem Spiegelbild ab.
Das Wasser lief immer noch. Zwei Minuten waren gewiß schon verstrichen. Wie würde er reagieren, wenn er zurückkam und sie immer noch da war? Sie unter Gewaltanwendung rauswerfen, das würde er tun. Ihm war es doch scheißegal, ob er eine Szene machte. Reichtum bedeutete, daß man sich niemals entschuldigen mußte.
Da fiel ihr die Fünfzigpfundnote ein, die auf den nach liebloser Kopulation stinkenden Kissen lag. Daß sie kurz mit dem Gedanken spielte, sie zu nehmen, ekelte sie an. Das Geld war nicht als Entschädigung für den Sex gedacht, sondern für die blau angelaufenen Brüste, die Rückenschmerzen, die wundgescheuerten, tauben Gliedmaßen. Instinktiv, vielleicht um sich vor diesem verführerischen, aber unehrenhaften rationalen Gedanken zu schützen, riß sie den Geldschein entzwei. Dann noch mal und noch mal und noch mal, in so kleine Schnipselchen wie nur irgend möglich. Gerade als sie sie in die Luft werfen wollte, fiel ihr Blick auf die aus der Innentasche ragende Brieftasche. Sie zog sie raus und stopfte die Schnipsel hinein. Diese kindische Beschäftigung verschaffte ihr kurzzeitige Befriedigung. Sie malte sich aus, wie er in irgendeinem eleganten Restaurant nach seiner Kreditkarte suchte und eine Konfettiwolke freisetzte.
Beim Verstauen der Brieftasche stieß Trixie auf einen harten, klobigen Gegenstand, der ihre Neugier weckte. Sie griff danach. Ein Röhrchen aus sehr dickem braunem Glas. Sie drehte den folienbezogenen Deckel ab. Auch ohne das Schild hätte sie gewußt, was der Inhalt war. Glycerol Trinitrate. Ihr Vater hatte diese Tabletten immer dabei gehabt, um den Tod in Schach zu halten. Er hatte sie nie in einem anderen Zimmer zurückgelassen, wenn er duschen ging. Trixie schüttete die Tabletten in die Hand, schraubte den Deckel auf und steckte das Röhrchen dahin zurück, wo sie es gefunden hatte. Das Wasser wurde abgestellt.
Sie stand einfach nur da und betrachtete die weißgestrichene Tür, hinter der es kurz klapperte. Ein Bügel, der gegen Holz schlug. Er zog den Bademantel an. Er würde rauskommen und sie hier finden. Sie war nicht innerhalb von fünf Minuten verschwunden, sondern stand hier, mit seinen lebenswichtigen Pillen, mit einem kleinen Häufchen schweißgetränktem weißem Kies in der Hand. Dann lautes Surren. Ein Rasierapparat. Erleichtert spürte Trixie, wie ihre Lebensgeister zurückkehrten. Andererseits hatte die Bedrohlichkeit des eigenen Tuns bei ihr zu einer Art inneren Anspannung geführt. Womöglich war der Diebstahl von Tabletten sogar kriminell. Sie mußte sie wieder in das Röhrchen legen. Urplötzlich kam ihr der Diebstahl wie kompletter Wahnsinn vor.
Gerade als sie sich in Bewegung setzte, ertönte in dem Raum das schrille Klingeln eines Telefons. Guy schaltete den Rasierapparat aus. Und Trixie floh.
Im Buchenwald, der an die hinter dem Haus liegenden Felder grenzte, lief Janet wütend auf und ab, trat nach Blätterhaufen, stampfte auf am Boden liegende Zweige. Der dunkle Wald mit seinem düsteren, lichtundurchlässigen Astdach paßte hervorragend zu ihrer Laune. Tränen tropften ungleichmäßig. Ab und an kam ihr ein eigenartiger Ton über die Lippen. Ein Geräusch, das wie eine Mischung aus Husten und Stöhnen klang.