»Vielleicht hat er es der Kommune vermacht?«
»So funktioniert das aber nicht. Man muß sich nicht einkaufen. Die Menschen kommen selbst für ihren finanziellen Unterhalt auf. Und außerdem hätte er das nie und nimmer getan. Er hätte mich nicht bei sich aufnehmen und großziehen müssen. Nachdem er sich dazu entschieden hatte, standen wir uns sehr, sehr nah. Ich war sein nächster Verwandter, und ich weiß, daß er mir das aus dem Verkauf des Hauses stammende Vermögen hinterlassen hätte. Auf alle Fälle eher mir als einer Horde Fremder.« Bei den letzten Worten hob sich seine Stimme erneut. Er legte eine Pause ein. Atmete tief durch und griff, um sich zu beruhigen, nach der dritten Zigarette.
»Wären Sie so freundlich, mir die letzte Adresse, die von EarPs Court, zu geben, Mr. Carter?«
Barnaby nahm wieder seinen Stift in die Hand.
»Barkworth Gardens 28. Leicht zu behalten, denn das entspricht meinem Alter.«
»Sie behaupten, Sie sind an jenem Morgen, an dem Ihr Onkel verstarb, bis mittags daheim geblieben. Waren Sie allein?«
»Teilweise ja. Gegen halb elf fragte Noeleen, eine Australierin, die nebenan wohnte, ob ich mit ihr Kaffee trinken möchte. Wir gingen dann in ihre Wohnung. Das Telefon befindet sich im Flur, und sie ließ die Tür offenstehen. Warum fragen Sie?«
Anstatt zu antworten, stellte Barnaby ihm noch eine Frage. »Was werden Sie nun tun, wo Ihre Tarnung aufgeflogen ist?«
»Wieso ist sie denn aufgeflogen?« Beide Männer warfen ihm erstaunte Blicke zu. »Im Haus gibt es weder einen Fernseher noch Radio.«
»Es steht in allen Boulevardzeitungen, Mr. Carter«, gab Troy zu bedenken. »Vielleicht wurde die Heirat auch plakatiert. Man muß keine Zeitung kaufen. Man muß nur irgendwo in der Nähe eines Verkaufsstandes sein.«
»Davon weiß ich nichts. Ich war heute morgen im Dorf, und mir ist nichts dergleichen aufgefallen. Wie auch immer - die Neuigkeit hält nur einen Tag vor, nicht wahr? Morgen ist alles Schnee von gestern. Ich denke, ich werde den Mund halten und die Daumen drücken.«
»Die Journalistenmeute wird jeden Augenblick über die Kommune herfallen«, prophezeite Barnaby. »Mit dem neuen Mord und Gamelins Tod. Es macht keinen Sinn, in deren Gegenwart zu behaupten, Sie seien Christopher Wainwright.«
»Mist. Ich denke, Sie haben recht. Dann hat Trixie das wahrscheinlich kommen sehen. Falls sie zurückkehrt -«
»Zurückkehrt? Was meinen Sie damit?«
»Sie ist davongelaufen.«
»Wie bitte?«
»Ist uns erst vor dem Mittagessen aufgefallen.«
»Und wieso, zum Teufel, haben Sie uns nicht darüber informiert?«
»Ach, das ist nichts Ernstes. Sie ist aus freien Stücken gegangen. Hat all ihre Sachen mitgenommen.«
»Es liegt nicht bei Ihnen zu entscheiden, was ernst ist und was nicht!« rief Barnaby entgeistert. »Sie alle sind angewiesen worden, den Ort nicht zu verlassen, ohne die Polizei davon in Kenntnis zu setzen.«
»Es ist ja nicht so, als hätte sie ihre Finger -«
»Sie ist Zeugin in einer Morduntersuchung, Mr. Carter. Und eine potentielle Verdächtige.«
»Eine Verdächtige... aber das ist doch... ich dachte...«
»Der Fall ist noch nicht abgeschlossen.« Er beobachtete, wie Wainwright diese Andeutungen aufnahm.
»Ich muß Suze da wegholen. Ihr die Wahrheit erzählen. Sie wird es begreifen. Warum ich mich als jemand anderer ausgeben mußte. Oder nicht?« Er klang unsicher. »Was die anderen von mir denken, ist mir schnurzegal.«
»Das ist eine närrische und unvorsichtige Haltung, Mr. Carter«, sagte der Chief Inspector. »Sollte etwas an Ihrem Verdacht in bezug auf den Tod Ihres Onkels dran sein - und ich sage Ihnen ganz ehrlich, daß es mich nicht überraschen würde, wenn dem so wäre -, dann hat jemand auf Manor House schon zwei Menschen auf dem Gewissen. Ich versichere Ihnen, daß es so jemandem nichts ausmachen wird, im Notfall noch einen dritten Mord zu begehen.«
»Aus welchem Grund sollte mich jemand umbringen wollen? Ich habe doch nichts rausgefunden.«
»Dann dürfte es klug sein, dies kundzutun. Und auch«, schloß Barnaby, »daß Sie auf sich aufpassen.«
In der Küche räumten die Beavers nach dem Mittagessen auf. Heather wusch und trocknete ab, Ken unternahm den Versuch, das Geschirr wegzuräumen, stellte sich aber umständlich an und stöhnte permanent.
»Wenn ich nur an das Sprossentimbale denke.« Sie klang ziemlich gereizt.
»Du hast es doch nicht weggeworfen?« Ken war außer sich. Essen wegzuwerfen war eine unverzeihliche Sünde. Alles, sogar der Staubsaugerbeutelinhalt, kam auf den Komposthaufen - der auf Windhorse einen nahezu ikonenähnlichen Status hatte. Voller Hingabe kümmerte man sich um ihn, harkte und schichtete ihn mit einer langen Mistgabel um. Mischte etwas Limone darunter. Arno mit seinen Gummistiefeln übernahm stampfend die Funktion eines sanften Kompressors. Würmer wurden besonders geschätzt, und einige dieser glitschigen Wesen, die ganz bescheiden ihr Tagwerk verrichteten, mußten entsetzt feststellen, daß sie aus terra firma gerissen und durch die Luft geschleudert wurden, um auf einem Haufen verrottender Eierschalen zu landen, ob ihnen das nun gefiel oder nicht.
»Sei nicht dumm«, erwiderte Heather. »Wir können es zum Abendessen aufwärmen.« Sie goß das Abwaschwasser in den Ausguß. Auch Spülwasser wurde nicht einfach weggeschüttet. Das ganze Abwasser (bis auf das aus der Toilette) wurde durch eine aufwendige Rohrkonstruktion in den Kräutergarten geleitet, der undankbarerweise nicht in dem Maß aufblühte, wie sie sich das vorgestellt hatten. »Oh, sei vorsichtig. Hier - laß mich...«
Ken drohte umzufallen, als er sich auf die Zehenspitzen stellte, um die Teller wegzupacken. »Tut mir leid... recht herzlichen Dank. Fällt mir heute nicht so leicht, meine Mitte zu finden.«
Während Heather den Ysoptee einschenkte, kam sie noch einmal auf das Thema zu sprechen, über das sie sich vergangene Nacht bis in die Morgenstunden unterhalten hatten. »Hast du weiter darüber nachgedacht«, erkundigte sie sich, »was wir tun werden, falls...«
Ken schüttelte den Kopf. Er trank etwas Tee und schürzte dabei die Oberlippe wie ein Hase, um den Schnauzbart nicht zu benetzen. »Heute wird sich was ergeben.«
Es bestand keine Notwendigkeit, weiter darauf einzugehen. Beide wußten, daß mit »was« ein Testament gemeint war.
Als dieses Thema in der Gruppe diskutiert worden war, hatten Heather und Ken sich relativ mißbilligend und weltfremd gegeben. Zu ihrer Meinung befragt, hatten sie einen Standpunkt vertreten, der ihrer selbstlosen und vorsichtigen Art widersprach. Doch später, ä deux, hatten sie einander eingestanden, daß Fakten Fakten waren, egal wie brüchig alles war. Mittlerweile war diese Unsicherheit nicht mehr aus ihrem Leben wegzudenken.
Sie waren auf Windhorse sehr zufrieden und hatten sich schnell daran gewöhnt, unter einem festen Dach zu schlafen, sich mit warmem Wasser zu waschen, sich in beheizten Räumen aufzuhalten. Keiner von ihnen verspürte das Bedürfnis, das Hippiedasein wiederaufzunehmen, das sie noch so lebhaft in Erinnerung hatten. Sie entsannen sich, wie sie in undichten Wohnwägen, in dreckigen Bussen durchs Land gezogen waren. Wie sie von der Polizei aufgespürt und von ihr oder hartherzigen Landbesitzern, für die die Worte »füreinander sorgen und miteinander teilen« keinerlei Bedeutung hatten, nicht gerade freundlich vertrieben worden waren. Müde waren sie von einem verrauchten Zelt ins nächste gezogen, hatten sich um kaum wärmende Lagerfeuer geschart, umgeben von hungrigen Hunden und weinenden Kindern. Sie hatten Eis für die Teezubereitung gehackt, Ladendiebstähle begangen - was Ken ganz besonders verhaßt gewesen war - und nächtliche Gewaltausbrüche ertragen, wenn die ortsansässigen Barbaren ihnen lautstark auf die Pelle rückten. Einmal war Heather von ohrenbetäubenden Motorradgeräuschen aufgeschreckt worden und hatte entdecken müssen, daß brennende Stoffetzen auf ihrem Kopfkissen lagen.