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  »Ich werde die Post holen gehen.« Chris trank aus. »Begleitest du mich, Suze?«

  »Ich möchte aber nicht.«

  »Wir werden uns über die Terrasse rausschleichen. Dort kann uns niemand sehen. Ich muß dir etwas erzählen.« Als sie sich nicht rührte, fügte er hinzu: »Wenn du dich hier drinnen versteckst, überläßt du ihnen den Sieg.«

  Suhami stand auf und folgte ihm. Nicht wegen der Anspielung, sondern weil ihr das leichter fiel, als einen Streit vom Zaun zu brechen. Ihre Gliedmaßen waren bleischwer. Trauer und Schuldgefühle zermürbten sie.

  Gemeinsam streiften sie durch den Kräutergarten und liefen dann quer über den Rasen. Der warme Kies unter ihren Füßen gab nach. Unkraut und Goldlack sproßen: jene winzigen senfgelben Blümchen, die nach Vanille und Ananas rochen. Der Weg war von Sonne und Wind ausgebleichten Herzmuscheln eingefaßt.

  Er nahm ihren Arm, der schwer und indifferent auf seinem eigenen ruhte. Urplötzlich überkam Chris eine Woge der Bestürzung. Er fürchtete nicht so sehr, daß ihr Verhalten dem Schock über den Mord oder den gestrigen Überfall zuzuschreiben war, sondern daß sich ihre Einstellung ihm gegenüber auf immer geändert hatte. Der Gedanke, sie zu verlieren, schnürte ihm die Kehle zu. Er hätte ihr viel früher die Wahrheit sagen müssen. Je länger er sie verschwieg, desto schlimmer wurde es. Er hatte ihr den Hof unter falschem Vorwand gemacht, aus Gründen, die ihm nicht nur entschuldbar erschienen, sondern auch lebenswichtig. Würde sie das verstehen? Er mußte daran denken, wie sie sich bei ihm darüber beklagt hatte, daß sie immer von allen belogen wurde.

  Er zögerte, wollte stehenbleiben, konnte sich aber nicht dazu durchringen. Fragte sich, wie er die Wahrheit sagen und ihr gleichzeitig die Notwendigkeit zu lügen begreiflich machen sollte. Am Ende sagte er gar nichts, sondern ging einfach weiter.

Kurz vor dem Mittagessen traf der Obduktionsbericht ein. Barnaby hatte die Blätter aus dem Ordner genommen, ehe Audrey das Büro verlassen hatte. Schnell überflog er das Gedruckte. »Irgendwelche Überraschungen?« fragte Troy und wurde mit einem Blick bedacht, den er als wohlwollend auslegte.

  »Craigie hat in letzter Zeit nicht geraucht, früher hingegen schon. Und nicht getrunken. Hat neun Stunden vor seinem Tod zum letzten Mal gegessen. Todesursache ist ein gerade ausgeführter Stoß mit dem Messer, der den rechten Ventrikel durchstieß. Damit ist die These, daß Gamelin von hinten zugestoßen hat, vom Tisch.«

  Als Barnaby eine Pause einlegte, verlagerte Troy sein Gewicht, um seine Irritation zu verbergen. Der alte Herr hatte die Angewohnheit, theatralische Pausen einzulegen, wann immer eine besonders krasse Enthüllung bevorstand. Das lag in der Familie. Da mußte man eben Zugeständnisse machen. Nichtsdestotrotz ging es Troy gegen den Strich, daß er immer gescholten wurde, zu Potte zu kommen, wenn er das versuchte. Pflichtschuldig gab er seinem Chef das Stichwort.

  »Ist das alles, Sir?«

  »Nicht ganz.« Barnaby legte den Bericht auf den Schreibtisch. »Er hatte Knochenkrebs.«

  »Krebs!« Was immer Troy auch erwartet haben mochte, das gewiß nicht. Barnaby hätte sich keine zufriedenstellendere Reaktion wünschen können. Troy setzte sich auf den Besucherstuhl. »Wie stand es um ihn - schlimm?«

  »Schlimmer ging’s nicht. Sie behaupten, daß er höchstens noch ein paar Monate zu leben hatte. Das erklärt selbstverständlich auch die Perücke.«

  »Wie bitte?«

  »Falls er sich einer Chemotherapie unterzogen hat, sind ihm wahrscheinlich die Haare ausgefallen.«

  »Aber würde er auf solch ein Hilfsmittel zurückgreifen? Sie wissen doch, wie die da oben sind. Würde er sich nicht eher irgendwelchen ominösen Strahlen aus dem Universum aussetzen oder sich Kräuter in die Nase stopfen?«

  »Denken Sie daran, er war im Hillingdon an dem Tag, an dem Riley aufgegabelt wurde. Gibbs sagte aus, daß Craigie regelmäßig das Krankenhaus aufsuchte. Ich nehme mal an, daß man den anderen damit seine Besuche erklärte.«

  »Sie meinen, er wollte sie nicht aufregen, solange es sich vermeiden ließ?«

  »Ganz genau.«

  »Dann ist er also doch ein Heiliger.« Enttäuscht zog Troy die Mundwinkel nach unten. Selbst seine ansonsten immer zu Berge stehenden Haarspitzen neigten sich ein klein wenig.

  »Wir werden uns in dieser Angelegenheit noch mit dem Krankenhaus in Verbindung setzen, doch ich halte es für ratsam, nicht mehr davon auszugehen, daß die Perücke Teil eines großangelegten Betrugs war.«

  Troy setzte eine bedeutungsschwangere Miene auf. Er zuckte mit den Achseln, schürzte die Lippen, nickter Besonnen, aber nicht überzeugt. »Und welchen Einfluß hat dies Ihrer Meinung nach auf den Mord, Chief?«

  »Keine Ahnung. Sollte es Craigie gelungen sein, seine Krankheit geheimzuhalten, möglicherweise gar keinen.«

  »Der Mörder hat bestimmt nichts davon gewußt. Wer riskiert schon, für Jahre ins Gefängnis zu wandern, wenn er einfach in aller Seelenruhe abwarten kann, bis der Betreffende ins Gras beißt.«

  »Das gilt nur, falls Zeit keine Rolle spielte.«

  »Richtig. Andererseits... he... was ist damit? Da er wußte, daß seine Tage gezählt waren, und weil er keine Lust hatte, all den Schmerz und die vielen Prozeduren über sich ergehen zu lassen, begeht unser Held Selbstmord.«

  »Vom psychologischen Standpunkt aus gesehen, klingt das meiner Ansicht nach ganz einleuchtend. Aber er hätte niemals so gehandelt, weil das für die anderen ein Maximun an Leid und Verwirrung bedeutet hätte. Ich sehe ihn als jemanden, der seine Angelegenheiten in Ordnung bringt und dann eine Überdosis nimmt, nachdem er eine Nachricht an seine Zimmertür geklebt hat. Sie wissen schon - bitte nicht stören. Ruft einen Krankenwagen.«

  »Okay. Nehmen wir mal an... ähm... jemand weiß Bescheid, ja? Er mußte es jemandem sagen, um die Zukunft der Kommune nicht zu gefährden, und er - oder sie - kann es nicht ertragen. Kann den Gedanken nicht ertragen, daß der arme alte Obi zunehmend wirrer im Kopf wird. Und beschließt, ihn aus Barmherzigkeit umzubringen. Ein kurzer Stoß mit dem Messer, und schon wandelt ein Seeliger weniger auf der Erde, schon steht einer mehr vor der Himmlischen Pforte.«

  »Da habe ich denselben Einwand. Diesen Ausweg würde keiner von denen wählen.« Barnaby tippte auf den Bericht. »Unnötig gefährlich und aufwendig. Die würden ihm was ins Müsli rühren.«

  »Wahrscheinlich.« Da jede seiner Theorien abgeschmettert wurde, musterte Troy ziemlich gereizt den Bildschirm. Es geschah einigen Leuten ganz recht, wenn sie es mit einem Holzkopf zu tun hatten, der nur einmal pro Jahr eine vernünftige Idee auftischte.

  »Tut mir leid, Gavin.«

  »Was?« Troy gab sich verwundert. »Oh - ist schon in Ordnung. Ich habe einfach nur laut nachgedacht, wissen Sie. So wie sie das auch immer tun. Nun«, sagte er und erhob sich, »ich denke, ich werde heute etwas früher zum Mittagessen gehen, es gibt wahrscheinlich Fisch, wie immer am Ende der Woche. Ich werde ihn mal probieren. Soll gut für das Gehirn sein.«

  »Die alten Chinesen waren gerissen. Sie stopften ihren Verdächtigen den Mund mit Reis voll. Spuckte der Verdächtige ihn aus, hieß das, seine Speicheldrüse war nicht ausgetrocknet, virgo - er sagte die Wahrheit.«

  »Und was, wenn er tatsächlich keinen Reis mochte?«

  »Bringen Sie mir ein paar Sandwiches mit.«

Mit einer hellgrünen, vollgepackten Plastiktüte kehrten Chris und Suhami in die Küche zurück und schütteten die Post auf  den Tisch. Zwei kleine Päckchen und rund ein Dutzend Briefe.

  Janets flinke Finger schoben sie hin und her. Kein Brief für sie. Als ihr Heathers teilnahmsvoller Blick auffiel, stand sie schnell auf und machte sich daran, die Kaffeetassen einzusammeln.