»>Liebe May, lieber Arno, inzwischen seid Ihr über den Inhalt meines Testaments und die damit verbundene Last in Kenntnis gesetzt worden, die ich Euch aufgebürdet habe. Mein größter Wunsch ist es, daß die Arbeit der Kommune, das Heilen, die Bereitschaft, eine Rückzugsmöglichkeit zu gewähren, und die Lehre des Lichts fortgeführt wird, und ich meine, daß diese Aufgabe bei Euch gut aufgehoben ist. Es tut mir sehr leid, daß ich nicht in der Lage bin, Euch die finanzielle Unterstützung zu hinterlassen, die Euch diese Aufgabe erleichtern würde. Sollte es unmöglich werden, ein so großes und altes Anwesen zu leiten und zu unterhalten, würde ich vorschlagen, es zu verkaufen und mit dem Geld ein kleineres Haus zu kaufen. Das übrige Kapital könntet Ihr vielleicht investieren und Euch somit ein zukünftiges Einkommen sichern. Außerdem übertrage ich Euch in vollem Vertrauen die Sicherheit und das Wohlergehen Tim Rileys. Meine Liebe an Euch beide. Gott schütze Euch. Wir werden uns wiedersehen.< Und dann ist das Schriftstück noch signiert«, schloß Mr. Clinch, »mit Arthur Craigie.«
Schweigen machte sich im Zimmer breit. Beide Legatare spürten, daß es ihnen absolut unmöglich war, eine adäquate Antwort zu finden. Vorgewarnt zog Mr. Clinch eine frische Zellstoffschachtel hervor, um dann rücksichtsvoll aus dem Fenster zu blicken. Als Miss Cuttle aufsprang, war er in Gedanken meilenweit entfernt. Mit dramatischer Geste bekundete sie ihre Zustimmung. Dabei bauschte sich ihr weites Cape auf. Von den vielen Metern in Falten gelegter, bernsteinfarbener Seide geblendet, griff Mr. Clinch nach seinem Tintenfaß und seinem Bilderrahmen, die es seiner Meinung nach vor dem Fall zu schützen galt.
»Wir werden die Wahrheit hüten. Das werden wir doch, nicht wahr, Arno?« fragte sie mit feuchten Augen.
»... oh...« Arno konnte kaum sprechen. All diese Verbindungen ... diese offizielle Verbindung seines Namens mit dem von May machte ihn schwindlig. Um jedweden Zweifel auf der Stelle auszuräumen, brachte er gequält, aber geistesgegenwärtig hervor: »Ja, ja.«
Mr. Clinch versprach, ihnen den Besitz umgehend zu überschreiben, geleitete sie dann durch den Flur zu der Dame mit dem Filzhut, die gerade Goldfische fütterte, und verabschiedete sich von ihnen mit einem letzten umwerfenden Lächeln.
Die Causton High Street hinunterfahrend, fragte May: »Meinst du, wir sollten auf dem Polizeirevier vorbeischauen?«
»Häh?« Arno war noch nicht wieder auf die Erde zurückgekehrt.
»Sie haben uns aufgetragen, sie über alle neuen Entwicklungen zu informieren. Meiner Meinung nach könnte der Inhalt des Testaments auch damit gemeint sein.«
»Nun...« Die Wahrheit war, daß Arno May so lange für sich allein haben wollte wie nur irgend möglich. Nur sie beide, eingezwängt in ihren kleinen, lauten Käfer. May, die hinter dem ^ Steuer ein Liedchen trällerte, und er, der alles, jede Sekunde des Zusammenseins mit ihr wie ein Schwamm aufsaugte.
»Die nächste links, nicht wahr?«
»Ich weiß es nicht.«
Es war die nächste links. Gewissenhaft parkte May ihr Auto auf dem Besucherparkplatz und stieg aus. Arno fragte: »Willst du deine Handtasche im Wagen lassen?«
»Himmel, nein. Vor so einer Unaufmerksamkeit wird man doch immer gewarnt.« May zog ihr besticktes Täschchen heraus und schloß die Tür ab. »Irgendein Polizist wird sie sehen, und dann kriege ich eine Verwarnung.«
»Ist gut möglich, daß er gar nicht da ist - Barnaby«, meinte Arno, als sie durch die große Glastür mit dem Aufdruck »Empfang« schritten. »Könnte sein, daß er unterwegs ist und in einem Fall ermittelt.«
»Dann werden wir ihm eben eine Nachricht hinterlassen«, schlug sie vor. Neben einem Schild, das die Besucher zum Läuten aufforderte, war ein weißer Knopf, auf den May lange drückte. »Ich habe nicht die geringste Lust, mit diesem jungen Mann mit der schrecklichen Aura zu sprechen. Solche Leute ziehen einen tagelang runter.«
Ein Constable näherte sich ihnen und musterte mürrisch Mays behandschuhte Hand. Sie nahm den Finger vom Klingelknopf, meldete ihr Anliegen, woraufhin sie zu dem CID-Block hinübergebracht und in Barnabys Büro geführt wurden. Troy, das fiel Arno angenehm auf, war nicht anwesend. Jede Form von Erfrischung ablehnend, verkündete May die Neuigkeiten. Nachdem sich der Chief Inspector von dem Schock erholt hatte, einer mobilen Ampel zu begegnen, fragte er seine beiden Besucher, ob sie mit dieser frohen Botschaft gerechnet hätten.
»Überhaupt nicht.« May schien entsetzt, ja beinah schockiert zu sein.
Arno sagte: »Auf diese Idee wären wir nie gekommen.«
Barnaby hielt es durchaus für möglich, daß sie die Wahrheit sprachen. Die beiden kamen ihm tatsächlich wie ein ganz und gar undurchtriebenes Pärchen vor. Lächelten nicht verlogen, gaben keine falschen Erklärungen ab, alles Eigenschaften, die der menschlichen Rasse bei der Erledigung der Tagesgeschäfte bestens vertraut sind. May holte den Brief heraus und beobachtete ihn beim Lesen. Nachdem er den Inhalt überflogen hatte, dankte er ihr, schrieb die Telefonnummer auf und gab ihn wieder zurück. Sie erwarteten seinen Kommentar. May, unschuldig und ruhig, mit ausdruckloser Miene, was bei ihr eine Seltenheit war. Arno stolz, doch angesichts der Konfrontation mit der staatlichen Autorität ein wenig verschüchtert.
»Glauben Sie, daß jemand anderer über Mr. Craigies Pläne Bescheid wußte?«
»Ich bin sicher, daß dem nicht so war«, verkündete May. »Wenn er uns nicht informiert hat, wo wir doch die Nutznießer sind, wem sonst sollte er es erzählen?«
»Dann könnte man sozusagen von einer günstigen Wendung sprechen«, deutete Barnaby mit einem Lächeln das Testament.
»Es ist«, meinte May ernst, »eine große Verantwortung.«
»Wir betrachten das Testament nicht als persönliches Geschenk«, fügte Arno erklärend hinzu. »Sondern eher als etwas, das uns im Vertrauen überlassen wurde.«
Barnaby runzelte die Stirn. Dieser Satz erinnerte ihn an etwas. Stimmte ihn nachdenklich. Wo hatte er ihn schon mal gehört? Einen Augenblick dachte er angestrengt nach, gab dann aber auf. Er hatte den Eindruck, daß Arno noch etwas sagen wollte und zog ermutigend die Augenbrauen hoch.
Arno interpretierte die Mimik richtig, schwieg aber beharrlich. In Wirklichkeit hatte er die Absicht gehabt zu fragen, ob es bei der Ermittlung irgendwelche Fortschritte gab. Ob die Polizei ihrem Ziel, der Ergreifung des Mörders, schon näher gekommen war. Aber dann mußte er an Mays Auslegung denken, die davon überzeugt war, daß ihr geliebter Meister durch übernatürliche Vorgänge von der Erde entfernt worden war, und hielt den Mund.
Barnabys Räuspern veranlaßte seine Besucher, den Blick auf ihn zu richten. »Ich habe Neuigkeiten für Sie. Etwas, das sich bei der Obduktion ergeben hat.« Er erläuterte die Natur und das fortgeschrittene Stadium der tödlichen Krankheit. Eigentlich hatte er angenommen, daß diese Nachricht eine tröstende Wirkung haben würde. Falls etwas das schreckliche und brutale Ende durch einen Mord mildern konnte, dann doch gewiß die Entdeckung, daß dieser kurze, gewalttätige Akt dem Opfer ein schmerzensreiches Schicksal erspart hatte.
Nach einer Weile legte May die Hand auf die Stirn und sagte: »Wie typisch, daß er uns darüber nicht in Kenntnis gesetzt hat. Was für ein tapferer Mann.«
»Ja.« Arno nickte zustimmend. Und gelangte zum selben Schluß, zu dem auch Barnaby gekommen war. »Das war wahrscheinlich der Grund, warum er so oft ins Krankenhaus gegangen ist. Und warum er hinterher so erschöpft war.«
»Begreifen Sie nun, Inspector«, fragte May, »wie recht ich gehabt habe? Das erklärt wirklich alles.«