»Ich bin durchaus in der Lage, mir selbst Tee einzuschenken.«
»Aber sicher.« Ohne an Janets Äußerung Anstoß-zu nehmen, wich Heather zurück und bedachte sie mit einem liebevollen Lächeln. »Vielleicht etwas Toast?«
»Nein, danke.« Allein bei der Vorstellung wurde Janet schon übel. Sie fürchtete, krank zu werden.
»Du könntest etwas Butter nehmen - sozusagen als besonderen Leckerbissen.«
»Nein, danke, Heather.«
»Gut.« Heathers fein gestimmte Antenne registrierte einen Anflug von Verzweiflung. Sie rieb die Handflächen aneinander, sammelte all ihre therapeutischen Kräfte, nahm sie dann langsam auseinander in dem Wissen, daß nun ein starker Strom belebender Energie zwischen ihren Händen hin und her sprang. Sie schlich sich hinter Janet und fing an, ihre Hände dicht über den Schultern der anderen Frau zu bewegen. Mit der Tasse in der einen, dem Teebeutel in der anderen Hand fuhr Janet herum und brüllte: »Tu das nicht!«
Heather trat einen Schritt zurück. »Ich wollte dir doch nur helfen.«
»Bei was helfen, gütiger Gott?«
»... nun...«
»Du hast keine Ahnung, nicht wahr?« Heather erwiderte nichts, sondern schwieg würdevoll, teilnahmsvoll. »Bist du jemals auf die Idee gekommen, Heather, daß du möglicherweise überhaupt nicht in der Lage bist, eine richtige Diagnose zu stellen?«
Mit rotem Gesicht murmelte Heather: »Ich sehe doch, daß du unglücklich bist.«
»Dann bin ich eben unglücklich. Warum sollte ich das nicht sein? Oder du - oder irgendwer anders, wo wir schon darüber sprechen. Das ist Teil des Lebens. Was bringt dich auf die Idee, daß Unglücklichsein einfach ausgelöscht werden kann? Oder daß es uns besser ginge, wenn dem so wäre?«
»Das ist lächerlich. Indem man sich scheußlich fühlt, ist es noch niemandem gelungen, daß die betreffende Seele strahlend und holistisch wird.«
»Um Himmels willen, woher willst du das wissen? Du weißt soviel darüber, wie man eine strahlende, holistische Seele kriegt... wie ich weiß, wie man Miss World wird.«
»Ich bin wirklich sehr froh, daß du mir das mitgeteilt hast.«
»O Gott -« Janet schleuderte den Teebeutel in die Schachtel. »Sich mit dir zu unterhalten gleicht einem Faustkampf mit einem Marshmallow.«
»Ich sehe, daß du ziemlich gestreßt bist, Jan.«
»Soll ich dir mal erzählen, was mich streßt, Heather? Mehr noch als alles andere in diesem deprimierenden, lieblosen alten Universum. In diesem Tal der Tränen. Soll ich dir das erzählen?«
»Ich wünschte, du tätest es, meine Liebe.« Heathers Miene hellte sich auf.
»Ich kann es auf den Tod nicht ausstehen, Jan genannt zu werden.«
»Gut. In Ordnung. Jetzt haben wir etwas, worüber wir uns unterhalten können. Denk nur immer daran, daß stets die Regel gilt: Du bist okay, ich bin okay.«
»Nun, Heather, eigentlich finde ich ganz und gar nicht, daß du okay bist. Eigentlich würde ich sogar so weit gehen und dich als zu fett für dein Alter und als Nervensäge beschreiben.«
»Du vermißt Trixie -«
»Oh, halt den Mund. Halt den Mund!«
Janet rannte davon. Durch die Seitentür, über die kaputte Steinplatte, die Terrassenstufen hinunter, quer über den Rasen. Sie lief zum Obstgarten, wo sie sich zwischen die Stiefmütterchen fallen ließ. Unter ihrem Rücken knickten die ersten kleinen grün-rot gestreiften Blümchen um. Die warme Luft und die angenehme Atmosphäre standen in krassem Widerspruch zu ihren Qualen. Die Worte »Frieden, Licht und Liebe« schmerzten wie spitze Dolche.
Sie dachte: Ich kann nicht hierbleiben. Ich muß weiterziehen. Noch mal in einer Kommune zu wohnen kommt nicht in Frage. Ich bin offenbar nicht in der Lage, in einer Gruppe zu leben. Dies hatte sie mehrmals versucht (manchmal hatte Janet das Gefühl, ihr ganzes Leben habe aus nichts anderem als fortwährender Landstreicherei bestanden), und es hätte nie funktioniert. All diese Kommunen wie Windhorse boten »Liebe« und erwarteten dafür im Gegenzug, daß man sich ohne zu murren unterordnete. Die meisten setzten ein spirituelles Leben gleich mit dem permanenten Vortäuschen, netter zu sein, als man in Wahrheit war. Für Janets Dafürhalten hatte es damit allerdings mehr auf sich.
Nacheinander hatte sie sich allen orthodoxen Religionen ausgeliefert in der Hoffnung, der Glaube wirke so ansteckend wie eine tropische Krankheit. Im Lauf der Zeit hatte sie sich als immun herausgestellt. Hin und wieder jedoch war es vorgekommen, daß ein Gedicht oder Musik, die Begegnung mit jemandem, der anscheinend den Durchblick hatte, daß all das, was sie gelesen und gedacht oder absorbiert hatte, ein großes zufriedenstellendes Ganzes ergab. In diesen kostbaren Momenten legte sich für kurze Zeit dieses geheimnisvolle, nicht zu fassende Durcheinander in ihrem Kopf und nahm klar und deutlich Gestalt an. Unglücklicherweise hielt dieser Zustand nie lange vor. Bis zum Einbruch des Abends hatte Janet - wie Penelope mit ihrem Schleier - all die Gewißheiten des Tages abgestreift und war so verwirrt und einsam wie eh und je.
Man hatte ihr klargemacht, daß solch eine Wankelmütigkeit weit davon entfernt war, gesund zu sein (Heather behauptete, die Seele setze bei einer negativen Einstellung Warzen an), aber sie wußte nicht, was sie dagegen unternehmen sollte. Wer immer postuliert hatte, Religion sei die Wissenschaft der Angst, hatte gewußt, wovon er sprach. Sie war sich darüber im klaren, daß man mit Gott nicht verhandeln konnte, wer oder was auch immer Gott war.
Unglücklich hing sie ihren Gedanken nach, bis ihr Blick auf die unter der Tür durchgeschobene Tüte fiel, die heute grün und orange war. Die Post! Janet rappelte sich auf und holte sie.
Die Tüte war ziemlich voll. Sie überflog die Briefe, und sofort fiel ihr der lange blaue Umschlag auf. Ohne ihn umzudrehen, wußte sie, daß er an Trixie adressiert war. Den Rest überfliegend - nichts für sie -, stopfte Janet die Briefe wieder in die Tüte und eilte ins Haus zurück. Die Tüte warf sie auf den Tisch in der Halle und rannte auf ihr Zimmer.
Nachdem Heather Ken geholfen hatte, sein Bein hochzulegen, damit das Blut fließen konnte, schenkte sie allen anderen in der Küche Tee ein. Die Kommune hatte aufgehört, sich im Eßzimmer zu versammeln. Dort wurde nicht mal mehr das Abendessen, früher der Höhepunkt des Tages, eingenommen.
An die tägliche Routine auf Windhorse, die noch vor kurzem von großer Bedeutung gewesen war, hielt sich kaum noch jemand. Die Mitglieder standen morgens auf (oder auch nicht), wann es ihnen behagte, und frühstückten im Stehen. Die Flugblätter waren nicht verschickt worden; keiner hielt sich an die Aufgabenverteilung, die bislang streng eingehalten worden war. Entweder hatten sie keine Lust oder vergaßen oder ignorierten ihre Pflichten. In der Waschküche stapelte sich die Dreckwäsche, die sortiert werden mußte, und das unablässige traurige Gebimmel von Calypsos Glocke erinnerte sie daran, daß selbst die Ziege am Ende ihrer Kraft war. Die Mitte hatte nicht gehalten.’ Es gab keinen Zweifel daran, daß alles in rasendem Tempo auseinanderfiel.
Heather reichte ein großes Glas Honig herum und schilderte Janets Unfreundlichkeit, sorgsam darauf bedacht, nicht den leisesten Hauch von Kritik anklingen zu lassen.
»Ich merkte schon, daß sie sich aufregte... und ich wollte ihr doch nur Beistand leisten - wißt ihr? Sie auf angenehmere Gedanken bringen. Nichts da - sie hat sich einfach von mir abgewandt.« Als sie Kens Honig auflöste und ihm die Tasse brachte, stand in Heathers kleinen Augen das Wasser. Ken nickte ihr dankbar zu und drückte die Hand seiner Frau. Heute morgen war seine Nase ein wenig abgeschwollen und nicht mehr ganz so rot, sondern braungelb. Die kleinen Schnitte heilten gut ab.