»Reden Sie nur«, konterte der Captain der Sapphire. »Das da ist Black Jack, schon vergessen? Wenn er sagt, dass ein errungener Sieg das Verlangen nach Ehre befriedigt, dann stelle ich seine Worte nicht infrage. Wie kann irgendeiner von Ihnen so etwas tun?«
»Black Jack war auch nur ein Mensch«, sagte Jane Geary in einem Tonfall, als hätte sie das schon Dutzende Male gesagt. Nach allem, was Geary über seine Großnichte wusste, hasste sie schon ihr Leben lang die Legende rund um Black Jack, die sie und ihren Bruder gezwungen hatte, zur Flotte zu gehen und in die Fußstapfen des legendären Großonkels zu treten. »Wir tun weder uns noch dem Flottenbefehlshaber einen Gefallen, wenn wir nicht die notwendigen Fragen aufw-«
»Das hier ist keine Diskussionsrunde!« Dass Geary das gesagt hatte, wurde ihm erst bewusst, als alle Anwesenden verstummten und sich zu ihm umdrehten. »Ich habe das Kommando, und mein Plan wird befolgt werden. Hat sonst noch jemand eine Frage?«
Niemand wollte sich äußern. Als die Offiziere einer nach dem anderen verschwanden und schließlich nur noch Tanya Desjani bei ihm war, musste Geary noch immer mit sich ringen, um seine Wut unter Kontrolle zu bringen.
»Ich habe versucht mit ihr zu reden«, sagte Desjani. »Sie war höflich zu mir, mehr auch nicht. Als ich dann einen kleinen Scherz wagte, ich würde ja jetzt zur Familie gehören, da bekam ich das Gefühl, dass ihre Laune noch unter den Nullpunkt gesunken war.«
»Ich begreife das nicht.«
»Ich glaube, ich komme allmählich dahinter.« Tanya stand auf und kniff für einen Moment die Lippen fest aufeinander. »Sie hasst es, eine Geary zu sein. Ihr Leben lang hat sie es gehasst, in Ihrem Schatten zu stehen…«
»Es war niemals mein Schatten!«
»Also gut, in Black Jacks Schatten. Auf jeden Fall hat sie es gehasst, aber immerhin war sie eine Geary. Jeder sah in ihr einen Teil der Legende, auch wenn es ihr nicht gefallen hat. Aber jetzt…« Sie hob die Schultern. »Jetzt sind Sie wieder da. Sie sind Black Jack persönlich — nein, versuchen Sie gar nicht erst, das gleich wieder abzustreiten — und allein durch Ihre Anwesenheit rauben Sie ihr die Luft zum Atmen. Sie ist jetzt nur noch Jane. Und nun bin ich auch noch Ihre Partnerin, ich bin auserwählt, um an Ihrer Seite zu sein. Was bleibt da noch für sie übrig?«
Eine Weile stand er schweigend da. »Sie versucht, sich zu beweisen.«
»Richtig. Weil sie glaubt, dass ihr alles genommen worden ist, was sie einmal war. Etwas muss diese Leere füllen. Sie hat sich verändert, seit sie auf Ihrer Heimatwelt war. Was glauben Sie, was die Leute dort zu ihr gesagt haben? Wie oft musste sie sich Vergleiche anhören, nicht mit einer Legende, sondern mit dem Mann selbst? Jetzt will sie beweisen, dass sie auch eine Geary ist.«
Er starrte auf das Schott vor sich, sah aber nicht dessen Oberfläche, sondern die Gesichter anderer Captains, die vor ihr versucht hatten, zu Ruhm und Ehre zu gelangen. Captain Midea bei Lakota mit der Paladin auf dem Weg in den Untergang. Captain Falco, der die Triumph, die Polaris und die Vanguard bei Vidha in den Tod führte. Captain Kila, die bei Padronis kaltblütig die Vernichtung der Lorica arrangierte und dabei auch noch versuchte, die Dauntless zu zerstören. Jeder von ihnen hatte sich für einen Helden gehalten, und die Schiffe mitsamt ihren Besatzungen hatten dafür mit ihrem Leben bezahlt.
Es gab eine Möglichkeit, das zu verhindern.
»Das halte ich für keine gute Idee«, sagte Tanya.
Er drehte sich zu ihr um. »Was wäre keine gute Idee?«
»Ihr das Kommando zu entziehen.«
»Woher…«
Sie beugte sich vor und legte den Zeigefinger auf seine Brust. »Ich weiß, an wen Sie denken. Sie meinen, sie ist wie Midea? Ich kannte Midea wesentlich länger als Sie. Jane Geary ist nicht mal annähernd so wie Midea. Sie verhält sich ein bisschen übermütig, und sie drängt darauf, in Aktion treten zu dürfen, aber sie ist nicht dumm.«
»Und was ist mit Falco?«
»Falco? Falco war der Inbegriff der Ignoranz. Ihn hat es nicht gekümmert, wie viele Schiffe und Besatzungsmitglieder dabei draufgehen mussten, damit er seine Siege erringen konnte.« Sie kniff ein wenig die Augen zusammen. »Ihnen geht noch jemand durch den Kopf.«
»Sie können tatsächlich meine Gedanken lesen, wie?« In diesem Augenblick erschien es ihm durchaus möglich, dass sie wirklich dazu in der Lage war.
»Reden Sie keinen Unsinn. An wen denken Sie noch?«
»Kila.«
Sekundenlang starrte Desjani ihn zornig an. »Niemand verdient es, mit diesem Miststück verglichen zu werden, und erst recht nicht Ihre eigene Großnichte. Merken Sie sich das, Admiral. Ich bin ein Albtraum für jeden unfähigen Offizier, das wissen Sie ganz genau. Jane Geary ist nicht unfähig, sondern intelligent. Im Augenblick fehlt ihr nur eine starke Hand, die sie führt. Sie sind ihr Vorgesetzter, also führen Sie sie.«
»Jawohl, Ma’am.«
»Das ist nicht witzig, Admiral. Und jetzt kommen Sie, wir müssen den Kiks eine Lektion erteilen, dass man sich nicht mit der Allianz-Flotte anlegt.«
»Da fällt mir was ein«, sagte Geary und ließ eine lange Pause folgen, bis Desjani ihn schließlich ansah. »Wieso haben Sie mich nicht auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, dass die Bärkühe sich auf die Spinnenwölfe konzentrieren könnten, wenn sich unsere Flotte in drei Unterformationen aufteilt?«
»Weil Sie das längst wussten. Ich wusste, Sie würden nicht zugeben, dass Sie wissen, so etwas könnte passieren. Aber Sie wissen, ich beherrsche meinen Job gut genug, um das zu erkennen. Und ich weiß, Sie wissen genug über Taktiken, weshalb Sie das genauso schnell wie ich erkannt haben.«
Es dauerte ein paar Sekunden, ehe Geary sich durch ihre Antwort gearbeitet hatte. »Tanya, ich hatte es bis zu dem Moment nicht gesehen, als in der Konferenz darauf hingewiesen wurde.«
»Wirklich nicht?« Sie musterte ihn, dann zuckte sie mit den Schultern. »Tut mir leid, Admiral. Sie sind ein guter Taktiker, und das wissen Sie. Ich gehe davon aus, dass Sie Dinge wissen, die offensichtlich erscheinen. In diesem speziellen Fall dachte ich, Sie sind einfach nur so diplomatisch, dass Sie nicht sagen wollten: ›Besser die hässlichen Gestalten als wir.‹«
»Sie müssen mich auf solche Dinge aufmerksam machen, anstatt davon auszugehen, dass ich das alles längst weiß.«
»Damit Sie mir an den Kopf werfen können, dass Sie das alles natürlich wissen?«, hielt Desjani dagegen.
»Das habe ich einmal gesagt!«
»Bei allem Respekt, aber das habe ich anders in Erinnerung, Sir.«
»Ich… Tanya, wieso zum Teufel kannst du manchmal meine Gedanken lesen, und dann wieder hast du keine Ahnung, was mir gerade durch den Kopf geht?«
»Dass du das sagen würdest, habe ich gewusst! Nein, ich kann nie deine Gedanken lesen. Können wir jetzt damit anfangen, ins Gefecht zu ziehen?«
»Ja.« Im Gegensatz zu dieser Diskussion hatte er wenigstens eine Chance, die Schlacht zu gewinnen.
Er nahm seinen Platz auf der Brücke der Dauntless ein und versuchte, an nichts anderes zu denken als an den bevorstehenden Kampf. Wir schießen diese Eskorten kampfunfähig, notfalls werden wir sie auch vernichten, und sobald die Superschlachtschiffe nicht mehr von ihnen geschützt werden, nehmen wir sie uns der Reihe nach vor. Es klang alles so leicht und mühelos. Es in die Tat umzusetzen, würde dagegen verdammt schwer werden.
Allein schon sein Versuch sich zu konzentrieren, wurde prompt durch ein Signal seiner Komm-Einheit gestört, das ihm anzeigte, dass jemand versuchte ihn anzurufen. Zumindest das funktionierte.
Nein, es funktionierte doch nicht, denn der eingehende Anruf kam von Captain Vente, dem offenbar endlich aufgefallen war, dass er seit dem Verlust der Invincible völlig aufs Abstellgleis geschoben worden war. Eine Nachricht von Captain Vente hätte automatisch blockiert werden müssen.