Hier und da auf dem Display flammten neue Schadenswarnungen auf, da für viele der veralteten Systeme die Belastung des Gefechts zu viel geworden war. Doch zumindest hatte der regelrechte Ausbruch von Ausfällen nachgelassen. Die gemeldeten Probleme waren zwar nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen konnte, aber wenigstens löste sich die Flotte nicht vor seinen Augen in ihre Bestandteile auf.
Tulevs Formation passierte die feindliche Armada an einer Seite und nahm die Kriegsschiffe so unter Beschuss, dass zwei weitere von ihnen nicht länger einsatzfähig waren. Bei den Superschlachtschiffen zeigte diese Attacke jedoch kaum Wirkung, weshalb die Armada der Bärkühe unverdrossen weiter auf Badayas Streitmacht zuhielt und dabei kontinuierlich beschleunigte, um den Abstand zu verringern. Badaya konnte wegen der Probleme mit dem Antrieb der Titan und der Incredible nicht schneller als etwa 0,06 Licht fliegen.
Geary ließ seine Formation Kurs auf die Unterseite der feindlichen Streitmacht nehmen. Immer wieder ging ein Zittern durch die Dauntless, da die Kiks sie mit schwerem Sperrfeuer belegten, das zu einigen Treffern und etlichen Beinahetreffern führte. Mit halbem Ohr bekam er die Schadensmeldungen mit, die bei Desjani eingingen. An manchen Stellen hatten die Schilde versagt, die leichte Panzerung des Schlachtkreuzers war getroffen und hier und da durchschlagen worden, aber es war nicht zu Systemausfällen gekommen. Auf seinem Display wurden ähnliche Meldungen von den anderen Schiffen seiner Formation aufgelistet. Keines von ihnen war schwer getroffen worden, dennoch hatten viele Einheiten umfangreiche Schäden erlitten.
Eines der Bärkuhschiffe hinkte hinter seiner Formation her und verlor trudelnd den Anschluss, woraufhin es einem Schwarm der Spinnenwolfschiffe zum Opfer fiel. Auch andere feindliche Kriegsschiffe waren beschädigt worden, doch das genügte alles nicht, um den Feind zur Umkehr zu bewegen.
Badaya verfügte noch über zwei Schlachtkreuzer, die sich in guter Verfassung befanden, und jetzt lösten sich die Inspire und die Formidable vom Rest der Formation, um der Kik-Armada entgegenzufliegen.
Geary verschaffte sich einen Überblick über die Situation. Tulevs Formation flog einen weiten Bogen, der viel Zeit kosten würde. Seine eigene Formation näherte sich dem Feind von unten, was aber auch zu lange dauern würde. Badaya war auf einen Kurs gegangen, der ihn vom Gegner wegführte, weil er nur so möglichst viel Zeit schinden konnte, ehe man ihn eingeholt hatte. Und dann waren da noch die acht Schlachtschiffe auf der anderen Seite des Feindes, die darum bemüht waren, zu Badaya zurückzukehren. In aller Eile ließ Geary sich von den Gefechtssystemen verschiedene Manöver berechnen, dann stieß er auf eine Lösung, die zwar verzweifelt, aber umsetzbar war. »Dependable, Conqueror, hier spricht Admiral Geary. Gehen Sie mit maximaler Geschwindigkeit auf einen Abfangkurs zum Feind.«
In zwei Minuten würden die beiden Schlachtschiffe wenden und beschleunigen und dabei ihre schwerer beschädigten Schwesterschiffe zurücklassen. Womöglich würde das die Bärkühe ablenken, doch das hielt Geary für eher unwahrscheinlich. Wichtig war nur, mit allem auf die Armada loszugehen, was ihm zur Verfügung stand. »Captain Tulev, ich übernehme die Steuerkontrolle über Ihre Unterformation.«
Ihm blieb keine Zeit, das erst von den Gefechtssystemen durchrechnen zu lassen, keine Zeit, um die ständig wechselnden Entfernungen und die damit verbundenen Zeitverzögerungen zu berechnen. Er musste sich ganz auf sein eigenes Geschick verlassen, auf seine eigene Erfahrung und auf die einzigartige Fähigkeit des menschlichen Gehirns, solch komplexe Situationen aus dem Stegreif zu lösen. »Captain Badaya, bei Zeit eins sieben schicken Sie alle Ihre Eskortschiffe los und befehlen ihnen, mit 0,15 Licht auf Abfangkurs zur feindlichen Formation zu gehen.«
Desjani hatte die Bewegungen innerhalb der Flotte bemerkt und sah stirnrunzelnd auf ihr Display. »Was haben Sie vor?«
»Ich werde mit dem Hammer zuschlagen. Wenn ich das nicht mache, verlieren wir alle beschädigten Schiffe und die unversehrten Hilfsschiffe in Badayas Formation.« Neben der Incredible, Titan und Illustrious schloss das auch die Kupua, die Alchemist, die Cyclops, zwei Schwere und mehrere Leichte Kreuzer sowie Zerstörer mit ein.
Die Inspire und die Formidable, die sich zu schnell bewegten, um von den Bärkühen zuverlässig erfasst zu werden, schlugen auf den Feind ein, doch es genügte nicht, um wenigstens ein oder zwei Kriegsschiffe außer Gefecht zu setzen.
»Captain Duellos«, befahl Geary. »Stimmen Sie die Flugbewegungen der Inspire und der Formidable mit denen der Dependable und der Conqueror ab. Nehmen Sie den nächsten Feindbeschuss zusammen mit ihnen vor.«
Desjanis Blick zuckte auf ihrem Display hin und her. »Sie lassen uns alle zusammenkommen. Wir werden die Armada fast simultan angreifen. Meinen Sie, das wird genügen?«
»Das will ich doch hoffen.« Er blickte sein Display aufmerksam an. Badayas Gruppe aus beschädigten Schiffen bewegte sich nach wie vor steil aufwärts, seine Kreuzer und Zerstörer bremsten ab, um sich hinter ihren Kameraden zurückfallen zu lassen und sich dem herannahenden Feind entgegenzustellen. Die Armada der Bärkühe flog eine Kurve und näherte sich von rechts unten, um Badaya zu erreichen. Tulev war auf einem weiten Bogen unterwegs, an dessen Ende er die Kiks vorfinden würde, während Gearys eigene Unterformation leicht aufwärts flog, um sie ebenfalls zu erwischen. Links vom Feind kam unterdessen Duellos mit seiner kleinen Streitmacht herbeigeeilt. »An alle Einheiten: Wir müssen das Vorrücken der feindlichen Armada zum Stillstand bringen. Greifen Sie die Formation an, sobald Sie nahe genug sind, und setzen Sie auch kinetische Projektile ein.«
»Wenn irgendwas sie dazu bringen wird umzukehren, dann die Projektile«, meinte Desjani.
»Wenn sie nicht umkehren und wir treffen sie mit so vielen Steinen, dann werden sie es nicht bis zu Badaya schaffen.« Wie sehr war der feindliche Commander darauf versessen, an die ramponierten Allianz-Schiffe heranzukommen? Gab es bei den Bärkühen das gleiche Phänomen wie bei den Menschen, sich so sehr auf ein Ziel zu fixieren, dass man von den Hindernissen auf dem Weg zu diesem Ziel keine Notiz nahm?
»Wissen Sie«, sagte Desjani ruhig und gelassen, während die verschiedenen Gruppen auf den Feind zurasten, »die Kiks haben eine wichtige Tatsache nicht berücksichtigt.«
»Und zwar?«, fragte Geary, ohne den Blick von seinem Display abzuwenden.
»Die wissen nicht, wie verrückt Menschen sein können. Wären wir vernünftig, hätten wir längst die Flucht ergriffen, und Badayas Formation wäre längst in alle Richtungen verstreut. Sie könnten uns jagen und vernichten. Aber wir sind verrückt, und deshalb bleiben wir zusammen und schießen ihnen den Hintern weg.«
Geary lächelte und sah mit an, wie Badayas Kreuzer und Zerstörer kinetische Projektile in Richtung des Feindes abfeuerten.
Die Bärkuhschiffe veränderten leicht ihre Position, da sie versuchten, dem Steinhagel auszuweichen. Vermutlich wäre ihnen das auch gelungen, immerhin konnten ihnen noch so viele kinetische Projektile den direkten Weg versperren, das All war weit genug, um auszuweichen. Allerdings hatte jetzt auch Tulev die Armada erreicht und schickte ebenfalls eine Steinlawine auf den Weg, sodass die Bärkühe sich mit einem Mal einem Kreuzfeuer ausgesetzt sahen. Und dann kam auch noch Duellos’ kleine Formation ins Spiel, die ebenfalls Steine auf den Feind abfeuerte.