Nach der Unterhaltung saß Geary da und betrachtete einen Moment lang sein Display. »An alle Einheiten: Stellen Sie sich darauf ein, dass wir in eineinhalb Tagen zum nächsten Sprungpunkt aufbrechen. Sorgen Sie dafür, dass Sie bis dahin zur Abreise bereit sind.«
Smythe musste sich sofort an die Arbeit gemacht haben, das Schiff der Aliens an die Schlachtschiffe anzukoppeln, denn nur ein paar Minuten später meldete sich der befehlshabende Offizier der Reprisal. »Bei allem Respekt, Admiral, aber ich muss auf das Schärfste protestieren, dass mein Schiff als Schlepper benutzt wird!«
»Ich kann Ihre Bedenken verstehen, Captain«, sagte Geary und brachte alle Diplomatie ins Spiel, die er besaß. Laut Rione war das nicht gerade viel, weshalb er nur hoffen konnte, dass es genügen würde. »Ich habe diese Entscheidung auf Grundlage des Auftretens der Reprisal während des jüngsten Gefechts getroffen. Es ist von äußerster Wichtigkeit, dass wir das Schiff der Aliens unversehrt nach Hause schaffen, und ich weiß, der Reprisal kann ich vertrauen, dass uns das auch gelingt, ganz gleich, welchen Bedrohungen wir auch begegnen mögen. Sie werden die letzte und stärkste Verteidigungslinie für das Superschlachtschiff sein.«
Der Offizier zögerte. »Dann ist das eine… eine ehrbare Position?«
»Auf jeden Fall.« Und das war nicht mal gelogen, denn wenn es hart auf hart kommen sollte, war es gut zu wissen, dass so standfeste Schiffe wie diese vier Schlachtschiffe die letzte Bastion rings um das Schiff der Bärkühe bildeten.
Innerhalb der nächsten Minuten gingen fast wortgleiche Beteuerungen an die Befehlshaber der Relentless, Superb und Splendid. Dann wandte er sich an die Dreadnaught, die Orion, die Dependable und die Conqueror, um sie wissen zu lassen, dass ihnen die Ehre zuteil wurde, als Eskorten für ihre Schwesterschiffe und das erbeutete Kriegsschiff zu operieren.
»Jane«, sagte er zu seiner Großnichte. »Sie haben das Kommando über diese Eskorte. Ihre Aufgabe ist es, das erbeutete Kriegsschiff zu beschützen.«
Captain Jane Geary nickte bestätigend. »Ich habe verstanden, Admiral.«
»Sie haben hier gute Arbeit geleistet. Niemand wird je wieder Ihre Tapferkeit, Ihren Kampfgeist oder Ihr Können infrage stellen.«
»Vielen Dank, Admiral.«
Und einmal mehr versteckte sich Jane Geary hinter dienstlicher Höflichkeit, um zu verhindern, dass das Gespräch in irgendeiner Weise persönlicher werden konnte.
Es dauerte fast einen halben Tag, ehe es eine Rückmeldung von den Gesandten gab. »Wir haben eine Abmachung«, sagte Rione. »Allerdings werde ich mich noch einmal gegen Ihre Entscheidung aussprechen, dass wir uns auf dem Rückflug von Schiffen der Spinnenwölfe begleiten lassen.«
»Schiffen? Ich dachte, es geht um ein Schiff.«
»Das liegt an einer Fehlinterpretation durch General Charban und mich«, erklärte Rione. Es schien ihr nicht allzu viel auszumachen, sich einen Fehler erlaubt zu haben, aber vielleicht hatten die Verhandlungen sie auch in einem Maß ihrer Kräfte beraubt, dass es ihr im Moment einfach völlig egal war. »Sie wollen sechs Schiffe mitschicken.«
»Sechs Schiffe.« Geary rieb sich nachdenklich das Kinn. Sechs Alien-Schiffe, die ins von Menschen kontrollierte Gebiet gebracht wurden? Andererseits konnte er nichts dazu sagen, welche Gefahren unterwegs noch auf sie lauerten. Wenn sie von einem einzelnen ihrer Schiffe begleitet wurden, und diesem Schiff stieß etwas zu, wie sollten sie das dann den Spinnenwölfen erklären?
»Diese sechs Schiffe werden uns durch das Gebiet der Spinnenwölfe sowie durch ihr Hypernet begleiten«, ergänzte Charban. »Danach werden sie bei uns bleiben, während wir auf Heimatkurs gehen.«
»Wissen die bereits, wohin wir wollen?«
»Sie wissen, wir wollen nach Midway, Admiral. Das mussten wir ihnen sagen, um ihre Durchflugerlaubnis zu erhalten.«
Konnte er jetzt noch einen Rückzieher machen? Nein, auf keinen Fall. Und je länger er darüber nachdachte, umso besser gefiel ihm die Vorstellung, im Falle eines Falles von sechs Schiffen der Spinnenwölfe unterstützt zu werden. »Gut, ich bin einverstanden. Haben sie ihr Klebeband bereits erhalten?«
»Nein«, antwortete Rione. »Das werden wir persönlich überreichen.« Sie musste Gearys Reaktion darauf bemerkt haben. »Die Spinnenwölfe bestehen darauf, dass wir uns mit ihnen treffen, um ihnen unser ›Geschenk‹ als Gegenleistung für ihre Versprechen zu überreichen. Dazu gehört auch so etwas wie eine… eine Umarmung, wenn ich das richtig verstanden habe.«
»Eine Umarmung? Bei den Vorfahren, Victoria, Sie können…«
»Ich behaupte ja nicht, dass ich mich darauf freue, aber jede Frau hat schon einmal unangenehme Erfahrungen gemacht, wenn sie mit einem Mann ausgegangen ist«, sagte sie. »Ich tue einfach so, als wäre ich noch Single und eine gute Freundin hätte versucht, mich mit irgendeinem schrecklichen Mann zu verkuppeln. Eine schlaffe Umarmung, vielleicht noch ein Hauch von einem Wangenkuss, eine vage Zusicherung, sich demnächst mal zu melden — und dann kann ich schon wieder heimkehren.«
»Wir werden beide zugegen sein«, sagte General Charban. »Wir benötigen ein Shuttle, damit wir uns mit einem ihrer Shuttles treffen können. Wir beide als die Passagiere auf dieser, zwei von ihnen auf der anderen Seite. Wir treffen uns in der Luftschleuse.«
»Kann deren Luftschleuse mit unserer verbunden werden?«, wollte Geary wissen.
»Sie scheinen das nicht für ein Problem zu halten, Admiral.«
»Und wie viel Klebeband benötigen Sie?«
»Gesandte Rione meint, wir sollten ihnen eine Kiste voll anbieten.«
Eine ganze Kiste Klebeband, einer Flotte weggenommen, die schon viel zu lange von zu Hause weg war und die in letzter Zeit kaum etwas anderes machte, als Schäden an den Schiffen zu flicken. Geary drehte sich zu Desjani um, die allem Anschein nach Mühe hatte, ein Kichern zu unterdrücken. »Habe ich was Witziges versäumt, Captain?«, fragte er.
»Nein, Admiral.« Doch bevor sie ihn ansah, zuckte ihr Blick einmal kurz zu Rione.
In diesem Moment wurde ihm alles klar. Ihre alte Rivalin Rione würde sich von einem Spinnenwolf umarmen lassen müssen.
»Manchmal können Sie richtig gehässig sein«, flüsterte er ihr zu. »Können Sie eine Kiste Klebeband erübrigen?«, fragte er dann in normaler Lautstärke.
»Eine ganze Kiste? Eine volle Kiste? Wohl eher nicht«, gab sie zurück, als würde es sie kaum interessieren. »Wann benötigen Sie die?«
»Jetzt sofort.«
»Alles klar.« Desjani drehte sich zu ihrem Komm-Wachhabenden um. »Master Chief Gioninni soll sich umgehend melden. Die Allianz-Flotte benötigt wieder mal seine besonderen Talente.«
Eine halbe Stunde später verließ ein Shuttle die Dauntless, an Bord die Pilotin und ein Marine-Wachmann auf dem Flugdeck, während sich Rione und Charban im Passagierbereich aufhielten. Charban hielt in seinen Händen eine volle, ungeöffnete Kiste mit zwanzig Rollen Klebeband. Der Versorgungsoffizier der Dauntless hatte Captain Desjani wissen lassen, dass im Verlauf einer langen und gründlichen Suche keine ungeöffnete Kiste Klebeband aufgetaucht war. Im Gegenzug hatte Desjani jedoch kein Wort darüber verlauten lassen, dass Master Chief Gioninni fünfzehn Minuten zuvor mit einer solchen Kiste unter dem Arm im Shuttlehangar eingetroffen war, wo General Charban ihn bereits erwartet hatte.
Als das Shuttle den Hangar der Dauntless verließ und Kurs auf die Formation der Spinnenwölfe nahm, löste sich dort ein Schemen von der Spinnenwolf-Flotte und kam auf den Treffpunkt zugeschossen. »Sogar ihre Shuttles sind richtige Rennmaschinen«, stellte Desjani fest.