Dann endlich kam eine Antwort von der Dungeon. »Wir lassen diese Syndik-Schiffe entkommen?«, fragte der Captain verblüfft.
»Das ist eine Falle!«, brüllte Geary ihn an. »Benutzen Sie Ihren Verstand! Die versuchen nicht zu entkommen, es werden auch keine Rettungskapseln ausgestoßen, mit denen die Händler sonst von Bord fliehen würden! Höchstwahrscheinlich sind diese Schiffe nichts anderes als eine riesige Sprengfalle! Bringen Sie Ihr Schiff sofort von da weg!«
Sekunden später begann die Dungeon endlich mit der Kursänderung, die sich unerträglich langsam abspielte, wobei ihr eigener Schwung sie immer noch an die Handelsschiffe heranführte.
Schweigend verfolgte Desjani die Flugbahn des Schweren Kreuzers, ihr Gesicht verriet keine Regung, aber zweifellos dachte sie in diesem Moment auch an Sutrah.
»Zehn Sekunden bis zur dichtesten Annäherung der Dungeon an die Handelsschiffe«, meldete der Ablauf-Wachhabende.
»Sie haben ihre Antriebssysteme gestartet«, sagte Desjani im nächsten Augenblick. Tatsächlich hatten die Handelsschiffe ihre Maschinen gestartet und Steuerdüsen bewegten die schwerfälligen Schiffe in dem Versuch nach oben, die Allianz-Flotte abzufangen, die über sie hinwegfliegen würde. »Sie sind alle gleichzeitig losgeflogen. Die Bedienung muss auf Automatik umgeschaltet worden sein, und die Schiffe müssen alle zusammengeschaltet sein. So koordiniert könnte ein Haufen Zivilisten niemals handeln.«
»Nicht mal dann, wenn ein Haufen Zivilisten es darauf anlegen wollte, diese Flotte anzugreifen«, pflichtete Geary ihr bei, während er die Sekunden mitzählte, bis die Dungeon außer Gefahr sein würde.
Wegen der Lichtsekunden, die den Rest der Flotte von der Dungeon und den Handelsschiffen trennte, sahen sie die Explosionen erst drei Sekunden später. »Die beiden Handelsschiffe, die der Flugbahn der Dungeon am nächsten sind, haben eine Überladung ihrer Antriebseinheit erlitten«, meldete der Ablauf-Wachhabende. »Es ist damit zu rechnen, dass die Dungeon in den Randbereich des gefährdeten Gebiets gerät und Schaden erleidet.«
»Die haben wohl gedacht, sie könnten Ihren alten Trick gegen Sie verwenden«, beschwerte sich Desjani.
»Vielleicht dachten sie, ein anderer hat das Kommando über die Flotte, oder aber Admiral Geary ist selbstzufrieden und nachlässig geworden«, warf Rione ein.
Was auch der Grund sein mochte, auf jeden Fall hatten die Syndiks das aus Schiffen improvisierte Minenfeld verändert, das Geary bei Lakota benutzt hatte. »Es ist keine schlechte Idee«, merkte er an, »die Schiffe durch eine automatische Steuerung miteinander zu verbinden, damit sie sich zu ihren Zielen begeben können, wenn die nicht zu ihnen kommen. Wir müssen die Augen offen halten, falls wir dieser Art von Taktik nochmals begegnen.«
»Nicht mal die Syndiks würden funktionstüchtige Kriegsschiffe einfach so wegwerfen«, sagte Desjani. »Aber von jetzt an werde ich wohl schneller das Feuer auf ein Handelsschiff eröffnen, wenn es mir zu nahe kommt.« Sie schaute auf ihr Display und stutzte. »Lieutenant Yuon«, rief sie einem der Wachhabenden zu. »Diese Explosionen erscheinen mir etwas zu heftig dafür, dass sie allein von einem überladenen Antrieb ausgelöst worden sein sollen. Stellen Sie fest, um wie viel stärker sie ausgefallen sind, und versuchen Sie herauszufinden, wie die Syndiks das angestellt haben.« Dann warf sie Geary einen warnenden Blick zu. »Wenn wir in Reichweite der Höllenspeere gelangen, könnten wir so nahe sein, dass es denen gelingt, einige unserer Schiffe zu beschädigen.«
»Das sehe ich auch so. Wir sollten kein Risiko eingehen.« Er hatte sich angewöhnt, Phantom-Flugkörper nur im äußersten Notfall einzusetzen, weil die Vorräte der Flotte auf dem langwierigen Flug nach Hause bedenklich geschrumpft waren, doch die Bestände waren bei Varandal wieder aufgestockt worden, und diese Flugkörper waren genau die richtige Waffe für diese Situation. Die Schilde eines Handelsschiffs dienten lediglich dem Zweck, Strahlung abzuhalten, es gab keine Panzerung und keine Verteidigungssysteme, außerdem bewegte sich diese Gruppe von Schiffen auf einem leicht zu berechnenden Kurs, der das Ziel verfolgte, die Allianz-Flotte abzufangen. Es war eine Arbeit von Sekunden, den Gefechtssystemen der Flotte den Auftrag zu erteilen, von ein paar Schiffen aus jeweils einen Flugkörper abzufeuern, um so die Gruppe aus Handelsschiffen zu zerstören. Bevor Geary aber genau diesen Befehl geben konnte, wurde er von Desjani abgelenkt, die von Herzen zu lachen begann.
»Die Syndiks haben die Schiffe zu dicht platziert«, sagte sie. »Es hätte mehr bewirkt, wenn wir genau auf sie zugeflogen wären, aber so…« Wieder lachte sie und zeigte auf das Display.
Der Abstand zwischen den beiden Handelsschiffen, die sich selbst zerstört hatten, und den anderen war zu gering, sodass durch die Explosionen eine Kettenreaktion ausgelöst wurde, die von einem Schiff aufs nächste übersprang. Eine sich rasch ausdehnende Welle der Zerstörung griff um sich, wodurch sich das Minenfeld der Syndiks innerhalb weniger Augenblicke selbst auslöschte.
»Ich schätze, dann können wir uns den Einsatz unserer Flugkörper ja sparen«, kommentierte Geary zufrieden, doch dann sah er mit Schrecken mit an, wie die Dungeon sich trudelnd aus dem Randbereich der Explosionswelle der ersten beiden Handelsschiffe zurückzog. Geary verkniff sich einen Fluch, als er den automatischen Schadensbericht sah, der von dem Schiff übertragen wurde. Als die Dungeon die Detonationen bemerkte, war es für eine Kurskorrektur längst zu spät, und so war die Hecksektion auf einer Seite in Mitleidenschaft gezogen worden. Fester, als es eigentlich nötig gewesen wäre, betätigte Geary die Komm-Taste. »Dungeon, ich benötige schnellstens einen vollständigen Schadensbericht und eine Schätzung, wie lange die Reparatur des defekten Antriebs dauern wird.« Dann schaltete er auf einen anderen Kanal und rief die Tanuki.
Captain Smyth, der bei Varandal das Kommando über die Hilfsschiff-Division von einer sichtlich erleichterten Captain Tyrosian übernommen hatte, reagierte Sekunden später: »Ja, Admiral?«
»Ich benötige Ihre Einschätzung für den Umfang der Schäden an der Dungeon und für die voraussichtliche Reparaturdauer«, erklärte er ihm. »Die ersten Berichte deuten an, dass die Schäden zu schwer sind, als dass die Dungeon sie allein beheben kann. Wenn das zutrifft, will ich wissen, wie lange Sie benötigen, den Antrieb wenigstens so weit wiederherzustellen, dass das Schiff mit der Flotte mithalten kann.«
»Selbstverständlich«, antwortete Captain Smyth gut gelaunt. »Ich melde mich umgehend bei Ihnen.«
»Das nenne ich eine lässige Haltung«, merkte Desjani an. »Selbst für einen Ingenieur.«
»Stimmt«, musste Geary ihr beipflichten. »Aber er scheint gewillt zu sein, Befehle zu befolgen. Tyrosian hat passable Arbeit geleistet, aber es hat ihr nie Spaß gemacht, und zeitweise schien ihr das Ganze über den Kopf zu wachsen.«
»Das ist noch milde ausgedrückt.«
»Captain?«, meldete sich Lieutenant Yuon zu Wort. »Die Überladung der Antriebseinheiten ist um gut fünfzig Prozent stärker ausgefallen, als es bei einem Handelsschiff der Fall sein sollte. Die Analysen lassen darauf schließen, dass die Syndiks die Frachträume mit Sprengstoff vollgepackt hatten.«
»Die wollten uns erwischen, während wir noch der Meinung gewesen wären, dass wir uns außerhalb des Gefahrenbereichs befinden«, überlegte Desjani. »Gut, das Problem hat sich ja nun erledigt.« Sie lächelte, als auch noch die am äußersten Rand des Minenfelds befindlichen Schiffe von den Explosionen erfasst und zerstört wurden. Zurück blieb nur ein langsam in alle Richtungen treibendes Trümmerfeld. »Schön, nicht wahr? Es gibt nur eine Sache, die schöner ist als Syndik-Schiffe in die Luft zu jagen: zusehen, wie sie sich gegenseitig selbst zerstören.«