Armus und einige andere Captains zeigten sich anfangs verwundert, dass Rione das Wort ergriff, doch als sie mit ihren Ausführungen endete, war von diesem Unverständnis nichts mehr zu sehen. »Das ist natürlich gut«, kommentierte Armus das Gehörte. »Sieht unser Geheimdienst das auch so?«
»Ja«, bestätigte Geary, dem klar war, dass die Offiziere der Flotte auf das Wort eines Politikers nichts gaben. »Dieser Plan ist nicht hundertprozentig endgültig. Wenn das Portal bei Indras nicht mehr existiert oder wenn es keine Schutzvorrichtung besitzt, werden wir es nicht benutzen können. Sollte das der Fall sein, müssen wir tiefer ins Syndik-Gebiet vordringen, bis wir ein Portal finden, das wir nehmen können.«
Der Captain der Dependable gab ein Zeichen, dass er das Wort ergreifen wollte. »Admiral, möglicherweise haben die Syndiks keines ihrer Portale mit dieser Schutzvorrichtung versehen. Ich habe gehört, dass diese Flotte die Schockwellen der kollabierenden Portale bei Sancere und Lakota ausgehalten hat. Warum können wir nicht versuchen, eines der Portale zu benutzen, auch wenn es keine Schutzvorrichtung aufweist?«
Geary merkte sofort, dass keiner der Offiziere, die Lakota miterlebt hatten, hinter diesem Vorschlag stand, dennoch war nachvollziehbar, warum jemand, der nicht mit dabei gewesen war, diese Frage stellen würde. »Unser nächstes Ziel ist Kalixa. Ich glaube, wenn Sie sehen, was von diesem System noch übrig ist, dann werden Sie die Antwort auf Ihre Frage kennen. Möchte sonst noch jemand etwas sagen?«
Captain Kattnig von der Adroit stand auf. »Ich möchte die Schlachtkreuzer der Fünften Schlachtkreuzerdivision als freiwillige Vorhut für jede zukünftige Aktion gegen die Syndiks anmelden.«
Die anderen Befehlshaber schauten sich an, manche missbilligend, während viele andere durchaus Verständnis für ein solches Anliegen hatten. Geary ließ sich mit seiner Antwort ein wenig Zeit. »Captain, die Angriffsformation dieser Flotte wird von der jeweiligen Situation abhängen, in der wir uns befinden. Ich versichere Ihnen, bei allen Gefechten wird jedem Schiff in dieser Flotte eine wichtige Rolle zukommen.«
Kattnig nickte respektvoll. »Das verstehe ich, Admiral, aber meine Schlachtkreuzer hatten bislang noch keine Gelegenheit, sich unter Ihrem Kommando zu beweisen, und sie würden das gern nachholen.«
»Ich werde es im Gedächtnis behalten, Captain.« Die Bitte lag im Rahmen der offensiven Einstellung innerhalb der Flotte, daher gab es keinen Grund, ein solches Anliegen rundweg abzulehnen. Kattnig setzte sich wieder hin, und Geary ließ seinen Blick über die übrigen Offiziere wandern. »Da wäre noch eine Sache.« Er hatte lange darüber nachgedacht, wie er das am besten anfangen sollte, und hoffte, alles richtig vorbereitet zu haben. Desjani warf ihm einen zuversichtlichen Blick zu. Sie kannte seine Rede, er hatte sie an ihr getestet und sie hatte ein paar Vorschläge für einige kleinere Änderungen vorgebracht.
»Als ich das erste Mal das Kommando über diese Flotte übernahm«, begann er, »befanden wir uns in einer verzweifelten Situation. Wir kämpften wie jemand, der nichts mehr zu verlieren hatte. Je näher wir auf unserem Weg der Heimat kamen, waren wir von der Verzweiflung der Hoffnung erfüllt und auch von der Bereitschaft, alles zu riskieren, um nach Hause und damit zu den Menschen zurückzukehren, die wir lieben. Jetzt ist die Situation eine völlig andere. Wir werden nicht länger von Verzweiflung getrieben. Dafür müssen wir jetzt kämpfen, um nicht behäbig zu werden, um nicht zu selbstsicher zu werden und zu glauben, dass die schwersten Kämpfe hinter uns liegen und wir einen schmerzlosen Sieg erringen werden. Am Sprungpunkt hier bei Atalia haben wir mühelos den Sieg davongetragen. Aber wären wir unbeschwert ans Werk gegangen und hätten wir nicht die Skepsis erfahrener Kämpfer walten lassen, dann wäre diese Flotte geradewegs auf die Handelsschiffe der Syndiks zugeflogen, und viele von uns hätten die Falle nicht überlebt, in die uns der Gegner hat locken wollen.«
Er hielt kurz inne, damit seine Worte wirken konnten. »Ich weiß nicht, wie die nächste Falle aussehen wird, die die Syndiks uns stellen werden, aber wir müssen die Augen offen halten. Wir müssen so verbissen und verzweifelt kämpfen, wie wir es auf dem Heimflug getan haben, denn jeder in der Allianz glaubt, dass wir diesem Krieg ein Ende setzen können. Wir dürfen diese Menschen nicht enttäuschen, also müssen wir tapfer, umsichtig, klug und energisch handeln – so wie wir das bislang auch gemacht haben.«
Wieder ließ er eine Pause folgen, vergewisserte sich, dass ihm jeder zugehört hatte, und sah, wie die meisten zustimmend nickten. »Vielen Dank«, fügte Geary schließlich hinzu. »Wir kehren ins Heimatsystem zurück und ziehen einen Schlussstrich unter den Krieg. Das wäre alles.«
Die Offiziere brachen in lauten Jubel aus und standen auf, um vor ihm zu salutieren. Dann lösten sich die virtuellen Teilnehmer der Besprechung in Luft auf, zurück blieben nur die ebenfalls virtuell anwesenden Senatoren Costa und Sakai sowie Rione, außerdem die real im Raum befindlichen Tanya Desjani und Geary. Costa sah ihn auf eine überraschte und skeptische Weise an, wobei er ihr anmerkte, dass sie beide Reaktionen eigentlich vor ihm verbergen wollte. Senator Sakai nickte Geary höflich zu. »Eine gute Rede«, meinte er mit leiser Stimme. »Ist das der wahre Plan, den Sie hier präsentiert haben?«
»Ja, ich würde meine Commander nicht in die Irre führen. Wenn ich ihr Vertrauen verliere… nun, ich nehme an, Sie wissen, was dem Schweren Kreuzer Dungeon kurz nach unserem Eintreffen in diesem System beinahe widerfahren wäre. Diese Offiziere müssen wissen, dass sie auf mich zählen können.«
»Sobald die Syndik-Verteidiger in ihrem Heimatsystem ausgeschaltet sind«, fuhr Sakai fort, »werden Senatorin Costa, Co-Präsidentin Rione und ich die Verhandlungsführung übernehmen.«
Rione machte mit einem Finger eine knappe Geste, die Geary verriet, dass er über diese Sache im Augenblick nicht diskutieren sollte. »Ja, natürlich, Senator.«
Nachdem sich auch die Bilder von Costa und Sakai aufgelöst hatten, musste Rione lachen. »Haben Sie Costas Miene gesehen?«
»Ja. Was ist mit ihr los?«
»Ihr ist soeben deutlich geworden, dass sie ihre Konkurrenz unterschätzt haben könnte. Damit sind Sie gemeint. Costa hat geglaubt, sie könnte jeden Offizier zur Seite drängen, aber jetzt sind ihr daran Zweifel gekommen.« Wieder musste Rione lachen.
»Was ist mit dem anderen?«, wollte Geary wissen.
»Sakai?« Rione wurde wieder ernst. »Er hält die Augen offen. Er ist hier als Vertreter jenes Teils des Großen Rats, der Black Jack am heftigsten misstraut. Das dürfen Sie nie vergessen. Ich weiß, Sie hatten genug damit zu tun, die Reaktionen Ihrer Offiziere zu beobachten, deshalb konnten Sie auch nicht bemerken, wie Sakai Ihren Captain die ganze Zeit über betrachtet hat. Er weiß, wenn es hart auf hart kommt, muss er versuchen, über den Umweg des Captains an Sie heranzukommen. Ich glaube, ihm ist erst jetzt bewusst geworden, wie schlecht die Chancen in diesem Fall für ihn stehen würden.«
Desjani stand auf, ihre Miene verriet keine Gefühlsregung. »Ich sollte jetzt besser gehen.«
Rione hob abwehrend eine Hand. »Meinetwegen müssen Sie nicht aufbrechen, ich wollte mich jetzt sowieso zurückziehen.« Mit diesen Worten verschwand auch ihr Bild.
»Können wir sie nicht in Kalixa zurücklassen?«, fragte Desjani.
»Nein. Hat Senator Sakai mit Ihnen gesprochen?«