Geary schwieg eine Zeit lang, bis er sich sicher war, dass ihn seine Stimme nicht im Stich lassen würde. »Danke, Commander. Behalten Sie diese Einschätzung bitte bis auf Weiteres für sich. Wir erwägen die möglichen Optionen des Gegners, keine tatsächlichen Szenarien.«
»Verstanden, Sir.« Neeson rieb sich mit einer Hand über die Mundpartie. »Sir, wenn die Syndiks so etwas machen sollten…«
»Ja, das wissen wir«, unterbrach Geary ihn und beendete die Verbindung, dann wandte er sich wieder an Desjani und Rione, während sich Sakai bescheiden im Hintergrund hielt, aber aufmerksam zuhörte. »Es ist machbar. Wenn die Syndiks die Berechnungen durchgeführt haben, dann können sie mit einem Tastendruck aus der Schutzvorrichtung einen Zünder für eine verheerende Bombe machen.«
»Es würde aber immer noch Zeit vergehen, bis das Signal das Portal erreicht«, gab Desjani zu bedenken.
Rione hatte die Augen geschlossen, offenbar musste sie um Fassung ringen. »Würden wir irgendwelche Warnsignale sehen?«
»Wir würden sehen, wie das Portal zu kollabieren beginnt, aber wenn wir uns in dem Moment nicht dicht vor einem Sprungpunkt befinden, hilft uns das auch nicht«, ließ Geary sie wissen. »Aber wenn das der Notfallplan der Syndiks ist, warum haben sie ihn nicht längst in Gang gesetzt?«
Wieder musterte Desjani ihr Display, dann nickte sie verstehend. »Weil sie diese Schiffe nötig haben.« Sie schaute zu Geary. »Die Syndik-Führer benötigen die Kriegsschiffe in dieser Flotte. Das ist ihre letzte nennenswerte Streitmacht. Ohne diese Schiffe verlieren sie die Fähigkeit, den nötigen Druck auszuüben, der die Syndikatwelten zusammenhält. Sie wollen nicht, dass ihre Flotte hier zerstört wird.«
»Darum hat sich die Flotte auch nicht auf den Weg zum Hypernet-Portal gemacht, nachdem der Hinterhalt fehlgeschlagen war«, erkannte Geary. »Cresida sprach davon, dass niemand weiß, was mit einem Schiff im Transit passiert, wenn eines der Portale zerstört wird. Eine Möglichkeit ist die, dass das Schiff ebenfalls vernichtet wird, aber sie hielt es für am wahrscheinlichsten, dass es irgendwo entlang der zurückzulegenden Route in den Normalraum zurückkehrt.«
»Lichtjahre vom nächsten Stern entfernt?«, fragte Desjani. »Irgendwann würden sie irgendwo ankommen, wo sie den Sprungantrieb schließlich wieder benutzen können, aber das würde Jahrzehnte dauern, und bis dahin hätte niemand einen Nutzen von den Schiffen. Also werden die Syndiks nicht versuchen, ihre Flotte durch das Portal aus dem System zu schaffen. Sie hätten mühelos den Sprungpunkt nach Tremandir erreichen können, auch den nach Corvus, ohne dass wir sie hätten aufhalten können. Stattdessen haben sie eine Position erreicht, von der aus sie ungefährdet zum Sprungpunkt nach Mandalon gelangen können.«
»Aber warum hat die Flotte nicht den Sprungpunkt nach Corvus benutzt? Wieso ist Mandalon ein besseres Ziel als Corvus? Hat es nur damit zu tun, dass der Exekutivrat mit seinem Schlachtschiff dorthin entkommen will? Und warum fliegt die Flotte nicht direkt zu diesem Sprungpunkt, sondern nähert sich auf dem Weg dorthin auch noch unserer Position?«
»Sie wollen, dass wir diese Flotte verfolgen. Sie wollen, dass wir tiefer in das System vordringen.« Desjani machte eine nachdenkliche Miene. »Zeitverzögerungen. Sehen Sie sich die Geometrie des Ganzen an. Als wir in diesem Sternensystem eintrafen, waren wir nur etwas mehr als zehn Lichtstunden vom Sprungpunkt nach Mandalon und gut drei Lichtstunden vom Hypernet-Portal entfernt. Die Syndik-Führer auf dem Schlachtschiff konnten nur sehen, was wir zehn Stunden zuvor gemacht hatten. Jedes Signal an das Hypernet-Portal hätte… etwa sieben Stunden benötigt, um dort anzukommen. Dann hätte die Schockwelle drei Stunden benötigt, um unsere Position nahe dem Sprungpunkt nach Zevos zu erreichen. Ihre Informationen über uns wären zehn Stunden alt gewesen, und es hätte weitere zehn Stunden gedauert, bis ihr Überraschungsangriff uns erreicht hätte.«
»In zwanzig Stunden konnten wir schon weit weg sein«, stimmte Geary ihr zu. »Die Flotte hätte kehrtmachen und aus diesem Sternensystem springen können, während das Signal der Syndiks noch zum Portal unterwegs gewesen wäre. Also haben sie versucht, die Zeitverzögerung zu verringern und uns tiefer ins System zu lotsen, damit wir weiter von den Sprungpunkten entfernt sind. Deshalb haben die Flotte und ihr verdammter CEO uns geködert. Wir sollen den Syndik-Schiffen folgen, ohne auf andere mögliche Gefahren zu achten, bis wir so weit von allen Sprungpunkten in diesem System entfernt sind, dass wir nicht mehr entkommen können, wenn das Portal zusammenbricht und sich die Schockwelle ausbreitet.«
Sakai schüttelte den Kopf. »Aber den Syndik-Führern muss doch klar sein, welche Folgen es nach sich zieht, wenn sich herumspricht, dass sie ihr eigenes System vernichtet und jeden hier lebenden Syndik-Bürger ermordet haben. Die Angst vor Vergeltungsakten vonseiten der eigenen Regierung hat dazu beigetragen, die Syndikatwelten zusammenzuhalten, aber wenn den Menschen klar wird, dass sie trotz ihrer Loyalität von ihren eigenen Führer einfach ausgelöscht werden können, könnte das eine Revolte nach sich ziehen.«
»Die Syndik-Führer würden uns die Schuld geben«, erwiderte Rione. »Sie würden erzählen, dass die Allianz ein weiteres Hypernet-Portal zerstört hat, nachdem sie das bei Sancere und Kalixa schon mal üben konnte. Dabei ist unsere Flotte von der eigenen Waffe mit vernichtet worden. Genügend Syndik-Bürger würden diese Version glauben wollen, um nicht eine Revolte anzetteln zu müssen.«
»Aber sogar die Syndiks wissen inzwischen, dass diese Flotte unter dem Kommando von Admiral Geary keine grausamen Akte gegenüber Zivilisten begeht«, wandte Desjani fast beleidigt ein.
»Das stimmt«, räumte Rione ein. »Aber es wäre für sie nur ein schwacher Trost, wenn die Bürger der Syndikatwelten ihren Führern diese Geschichte nicht abnehmen, nachdem diese Flotte bereits ausradiert worden ist.« Sie wandte sich Geary zu. »Können wir noch entkommen? Bleibt noch Zeit, um umzukehren und durch den Sprungpunkt zu fliehen, durch den wir hergelangt sind?«
»Wahrscheinlich nicht«, antwortete Geary, der sich fragte, wie lange die Syndiks wohl zögern würden, bevor sie das Portal kollabieren ließen. »Wir sind bei 0,1 Licht bereits mehr als vierzehn Stunden vom Sprungpunkt nach Zevos entfernt. Der Sprungpunkt nach Mandalon ist nicht viel näher. Wenn sie das Portal zerstören, sobald sie sehen, dass wir umkehren, dann müssten wir schon extrem viel Glück haben, wenn wir unversehrt aus dem System entkommen wollen.«
»Dann fliegen Sie schneller! Wenn sie sowieso wissen, dass wir kehrtmachen…«
»Ich kann die Flotte nicht auf der Stelle wenden lassen, und ich kann nicht jedes Schiff genauso beschleunigen lassen wie einen Zerstörer oder einen Schlachtkreuzer. Es könnte funktionieren, wenn wir es auf der Stelle versuchen würden, aber ich habe da meine Zweifel.« Er hielt inne und fragte sich, ob es trotz aller Bedenken vielleicht genau das war, was er tun musste – ob es womöglich die einzige Chance war, die der Flotte blieb, wenn sie überleben wollte.
»Aber Sie können diese Flotte nicht einfach kehrtmachen lassen und sie zum Sprungpunkt schicken!«, wandte Desjani mit einem energischen Kopfschütteln ein. Sie sprach leise, aber eindringlich. »Das wäre nicht wie bei Lakota, wo wir sagen konnten, dass wir einen anderen Teil der Syndik-Streitkräfte angreifen wollen. Es wäre eine grundlose Flucht aus diesem System. Unsere Flotte glaubt an Sie, Admiral Geary, aber stellen Sie diesen Glauben bitte nicht auf eine solche Weise auf die Probe. Das würde gegen alles verstoßen, woran unsere Flotte sonst noch glaubt.« Ihr Blick wanderte zu Rione. »Und weil niemand akzeptieren wird, dass Sie so etwas tun würden, wird man stattdessen glauben, dass die Politiker Ihnen den Rückzug befohlen haben. Dass man Sie dazu gezwungen hat und dass Sie nachgegeben haben. Muss ich Ihnen noch erklären, was das nach sich ziehen könnte?«