Rione betrachtete Desjani ohne eine Gefühlsregung und nickte schließlich. »Sie hat völlig recht. Man würde glauben, dass wir, die Politiker, die Allianz an den Feind verkauft oder sie verraten haben – dass wir Ihnen den Rückzug befohlen haben.«
Aufgebracht atmete Geary mit einem lauten Schnauben aus. »Wie kommt es nur, dass mir mein Leben immer noch etwas schwerer gemacht wird, wenn Sie beide sich in einer Sache einig sind?«
»Das haben gute Ratschläge so an sich«, meinte Rione. »Falls Sie es noch nicht gemerkt haben, schlechte Ratschläge sorgen für gewöhnlich dafür, dass Sie sich nur kurze Zeit besser fühlen.«
Desjani hatte den Blick wieder auf ihr Display gerichtet. »Mit jeder Sekunde, die wir ungenutzt verstreichen lassen, kommen wir der Syndik-Falle ein Stück näher, aber wenn wir wenden und den Sprungpunkt ansteuern, dann werden die Syndiks die Falle zuschnappen lassen, sobald sie unser Manöver bemerken, während wir mit einer Meuterei konfrontiert werden. Im Moment weiß ich mir einfach keinen Rat.«
Geary tippte mit den Fingern auf die Armlehne und suchte nach Alternativen. »Besteht die Chance, dass wir das Hypernet-Portal erreichen, bevor die Syndik-Flotte am Sprungpunkt nach Mandalon angelangt ist? Dass wir also in diese Richtung fliegen, um das Portal kontrolliert abzuschalten?«
»Mal sehen.« Desjanis Finger tanzten über die Tastatur vor ihrem Display, als sie die erforderlichen Manöver durchrechnete, dann machte sie eine ermattete Geste. »Ja und nein. Wir könnten nur mit den Schlachtkreuzern hinfliegen, und indem wir maximal beschleunigen und maximal verzögern würden wir theoretisch dort eintreffen. Um aber nahe genug heranzukommen, damit wir den Selbstzerstörungsbefehl der Syndiks verhindern können, müssen wir erst noch das Minenfeld durchqueren. Wir würden jedes Schiff verlieren, das versucht, sich den Weg freizurammen. Wir könnten mit den Null-Feldern eine Schneise schlagen, doch dafür müssten wir erheblich langsamer werden.«
»Womit wir dann zu spät eintreffen würden.«
»Richtig, und zwar sogar dann, wenn die Syndiks bis dahin mit der Zerstörung des Portals warten.«
»Sie könnten doch diese Projektile abfeuern«, schlug Rione vor.
»Nein. Die Steine würden zwar das Portal zerstören, aber die Syndiks würden sie entdecken und hätten noch genügend Zeit, die Selbstzerstörung zu aktivieren, bevor die Steine auch nur in die Nähe kämen. Vielleicht würde es sie diese Flotte kosten, die sie so gern retten wollen, aber es würde garantiert unser Ende bedeuten, und ich kann mir vorstellen, dass es ihnen das wert wäre.«
Desjani nickte. »Was machen schon eine Flotte und ein Sternensystem mehr oder weniger aus? Das sind nur Posten in einer Bilanz. Es zählt nur, dass sie uns die Schuld geben können.«
Eine Umkehr stand nicht zur Diskussion. Ein Weiterflug brachte sie nur tiefer in die Syndik-Falle hinein. »Sie hatten mich ja gewarnt«, raunte er Rione zu. »Ich soll nicht anfangen zu glauben, dass ich wirklich Black Jack bin. Aber ich hab’s getan. Ich habe mich für so verdammt schlau gehalten. Aber die Syndiks haben von mir erwartet, dass ich irgendetwas tue, womit sie nicht rechnen, und sie haben auch für diesen Fall vorgesorgt.«
»Sie sind nicht der Einzige, der das übersehen hat«, stellte Rione schroff klar. »Aber Sie könnten der Einzige sein, der uns hier noch herausbringen kann.«
»Sie hat recht«, stimmte Desjani ihr zu.
»Hören Sie endlich auf, einer Meinung zu sein!«, herrschte Geary die beiden an. Er wusste, sie hatten beide recht, aber in diesem Moment hören zu müssen, wie sie sich gegenseitig recht gaben, das war einfach zu verrückt. »Wir sind so weit vom Sprungpunkt entfernt, dass wir nicht mit Sicherheit sagen können, ob die Flotte sich in Sicherheit bringen könnte, selbst wenn wir sofort kehrtmachen. Ein Rückzug wird uns nicht helfen, wenn die Syndiks uns tatsächlich die Falle gestellt haben, die wir vermuten. Wir können aber auch nicht einfach nach wie vor in diesem Teil des Systems bleiben, was bedeutet, dass wir uns weiter der primären Welt und der Syndik-Flotte nähern, während wir nach einer anderen Lösung suchen. Solange die Syndiks glauben, dass wir tiefer ins System eindringen, und solange sie eine Chance sehen, ihre Flotte unversehrt hier rauszuholen, werden sie mit der Zerstörung des Hypernet-Portals noch warten. Sehen Sie beide das auch so?«
Desjani zuckte mit den Schultern. »Ich hätte eigentlich schon sterben sollen, als ich das letzte Mal in diesem System war. Wenn es diesmal passieren soll, dann würde ich lieber im Kampf sterben. Oder zumindest bei der Verfolgung des Feindes.«
Rione benötigte einen Augenblick, ehe sie sagte: »Ich wüsste keine Alternative, Admiral Geary, aber ich hoffe, einem von uns fällt bald etwas ein.«
»Dann werden wir den Syndiks zeigen, was sie von uns sehen wollen«, erklärte er, berechnete ein Manöver, um den Abfangkurs zu verändern, damit sie dichter an die Syndiks herankamen, und sendete den Befehl an die Flotte. »Soll ich dem CEO eine Antwort übermitteln?«
»Was wollen Sie ihm denn sagen?«
»Nichts, was meine Mutter als jugendfrei bezeichnet hätte.«
»Dann lassen Sie ihn lieber noch eine Weile zappeln. Bevor wir uns an diesen CEO wenden, müssen wir erst entschieden haben, was wir ihm sagen wollen.«
Das hing wiederum ganz davon ab, was sie unternehmen würden. Er wünschte, er hätte eine Ahnung davon, was das sein sollte. »Ich muss einen Spaziergang machen, um nachzudenken«, verkündete er und stand auf. Wenn sie mit ihren Vermutungen richtig lagen, würde vorläufig nichts passieren, und wenn er noch weiter einfach nur dasaß, würde er irgendwann noch durchdrehen. Ein Spaziergang erzeugte zumindest die Illusion einer sinnvollen Betätigung, die es seinem Verstand erlaubte, sich auf die Suche nach einer Antwort zu konzentrieren.
Rione machte einen Schritt nach hinten. »Sie haben noch immer eine Lösung gefunden.«
»Das hatte nur damit zu tun, dass es bislang immer Alternativen gab, zwischen denen ich wählen konnte. Im Moment will mir nicht mal eine einzige einfallen.«
Zu Gearys Überraschung präsentierte ihm Desjani ein verkniffenes Lächeln. »Sir, haben Sie jemals den Text auf der Widmungsplakette der Dauntless gelesen?«
»Ich habe ihn gesehen.« Die eingravierten Informationen an einem Schott nahe dem Herzen des Schiffs gaben Auskunft darüber, wann der Stapellauf der Dauntless stattgefunden hatte, wann sie in Dienst gestellt worden war und welche anderen Schiffe zuvor diesen Namen getragen hatten, als jedes Kriegsschiff der Menschen ausschließlich auf der Erde zu Wasser unterwegs gewesen war.
»Auch das Schiffsmotto?«
»Das ist in irgendeiner alten Sprache verfasst«, antwortete er. Er wusste längst nicht mehr, wie oft er sich vorgenommen hatte, jemanden danach zu fragen oder nachzusehen, was die Worte bedeuteten, aber es war immer irgendetwas dazwischengekommen, das ihn dann doch wieder davon abgehalten hatte.
»In einer sehr alten Sprache, die so wie der Name Dauntless von Schiff zu Schiff weitergegeben wurde. Jeder Befehlshaber erfährt, was es bedeutet. ›Nil Desperandum‹, das heißt so viel wie ›niemals verzweifeln‹.« Sie schüttelte den Kopf. »Es gab eine Zeit, da dachte ich, dieses Motto verhöhnt uns. Das war, als wir das letzte Mal den Syndiks in ihrem Heimatsystem gegenüberstanden, als unsere Vernichtung beschlossene Sache zu sein schien und wir keinen Ausweg mehr sahen. Dann haben Sie das Kommando über die Flotte übernommen, und seitdem gab es für mich keinen Grund mehr zu verzweifeln.«