Desjani lächelte ihn zuversichtlich an, als er sich in seinen Sessel sinken ließ. »Jetzt können wir nur noch hoffen, dass die Syndiks ausnahmsweise einmal ihren Kopf benutzen, anstatt Befehle zu befolgen.«
Wieder mussten Stunden vergehen, ehe irgendetwas geschehen konnte. Durch die Korridore der Dauntless konnte Geary nicht spazieren, weil er dort unweigerlich Besatzungsmitgliedern begegnet wäre, die ihm seine Nervosität hätten anmerken können. Da er sich aber auch nicht imstande sah, einfach nur weiter auf der Brücke zu sitzen, zog er sich in sein Quartier zurück, wo er unentwegt wie ein Tier in Gefangenschaft auf und ab ging. Dort hielt er sich auch auf, als sich Lieutenant Iger bei ihm meldete. »Da findet ungewöhnliche Aktivität im Komm-Netz der Syndiks statt, Admiral. Ein anderer Standort versucht Priorität über das Schiff am Sprungpunkt zu erlangen.«
»Wo ist dieser andere Standort?«
»Irgendwo auf der Primärwelt. Aber sie benutzen zahllose Relais, deshalb hat es eine Weile gedauert, bis uns das überhaupt aufgefallen ist.« Lieutenant Iger lächelte flüchtig. »Auf der Primärwelt hat man vor gut zwei Stunden Ihre Nachricht empfangen, Sir.«
Genug Zeit, um jemanden dazu zu veranlassen, die Initiative zu ergreifen, und das erst recht, da der Exekutivrat rund fünf Lichtstunden entfernt war und die Ereignisse auf dem Planeten nicht in Echtzeit mitverfolgen konnte. »Irgendetwas Offensichtliches haben Sie noch nicht empfangen?«
»Nein, Sir. Keine Übermittlungen über Revolten, über eine neue Führung oder irgendetwas anderes in dieser Art. Es gibt auch keine Anzeichen für irgendwelche Konflikte oder Truppenbewegungen. Aber unsere politik-analytischen Routinen schätzen, dass derjenige, der den Exekutivrat absetzen will, noch damit beschäftigt ist, sich die Unterstützung verschiedener Militärbefehlshaber und anderer wichtiger Personen zu sichern. Derjenige wird sich bedeckt halten, bis er weiß, wen er hinter sich hat, anstatt den Exekutivrat zu früh auf sich aufmerksam zu machen.«
Die Syndik-Führer hatten die Allianz-Flotte in eine Falle locken wollen, und nun hatten sie sich selbst in eine Falle manövriert. »Geben Sie mir Bescheid, sobald Sie mehr wissen.«
Die nächste Nachricht traf jedoch von Desjani ein. »Die Flotte bewegt sich in den Windschatten des Sterns«, verkündete sie triumphierend. »Wir sind in Sicherheit.«
»Bis auf die Eingreiftruppe.«
»Ja, Sir, aber Duellos kann gut auf sich selbst achten. Bislang keine Reaktionen von der Syndik-Flotte oder vom Schlachtschiff am Sprungpunkt.«
Alles schien nach Plan zu verlaufen, und sofort begann Geary zu überlegen, was er wohl jetzt wieder übersehen hatte.
Acht
»Das Schlachtschiff hat sich in Bewegung gesetzt«, meldete Desjani und beendete damit Gearys vergebliche Bemühungen, in seinem Quartier ein wenig Schlaf zu bekommen. Er fragte sich, ob sie in den letzten vierundzwanzig Stunden überhaupt einmal die Brücke verlassen hatte.
»Auf welchem Vektor?«, fragte er und versuchte die Müdigkeit abzuschütteln, die seinen Verstand, aber nicht seinen restlichen Körper erfasst hatte.
»Es sieht danach aus, dass sie Kurs auf die Primärwelt genommen haben.«
Was hatte das zu bedeuten? War an Bord eine Meuterei ausgebrochen, und man brachte nun die Mitglieder des Exekutivrats nach Hause, damit sie sich vor einer neuen Regierung für ihr Handeln verantworteten? Oder hatten sie immer noch alles fest im Griff und kehrten nur zurück, um zu belegen, dass sie Autorität besaßen, aber niemand sonst?
Desjani hatte sich aber bereits eine andere mögliche Erklärung ausgedacht. »Vielleicht wollen sie uns hinter dem Stern hervorlocken«, überlegte sie. »Wir sollen versuchen sie abzufangen, dann eilen sie zurück zum Sprungpunkt und entkommen, während das Hypernet-Portal kollabiert.«
Er rieb sich die Augen, dann musterte er kurz das Display über dem Tisch. »Wir müssen uns gar nicht rühren. Die Eingreiftruppe kommt mit dem Schlachtschiff zurecht.«
»Nicht wenn die Flotte sich einmischt.«
Wie auf ein Stichwort hin blinkten Warnsymbole auf dem Display auf, da die Syndik-Flotte ihre Vektoren geändert hatte. Ungeduldig wartete Geary, bis endlich klar war, auf welchem Kurs sie mit welcher Geschwindigkeit unterwegs war. Die voraussichtliche Flugbahn näherte sich der Allianz-Flotte, schwenkte dann aber weg und verschmolz mit dem Kurs des Schlachtschiffs. »Mussten Sie das unbedingt aussprechen?«, fragte er Desjani.
Sie lächelte ihn freudlos an. »Es war so vorhersehbar. Entweder sind die Syndiks unterwegs zur Primärwelt, um da aufzuräumen und die Rädelsführer festzunehmen, und deshalb wollen sie von der Flotte begleitet werden. Oder aber der Exekutivrat wurde unter Arrest gestellt, und nun will die Flotte die Führer retten.«
Ein weiterer Kurs verschmolz mit dem der Flotte und dem des Schlachtschiffs. »Die Eingreiftruppe wird das Schlachtschiff erreichen, kurz bevor es von der Flotte abgefangen wird.«
»Und wir sitzen hier fest.«
»Tut mir leid.«
»Dafür habe ich was gut bei Ihnen.«
Er reagierte mit einem gleichermaßen freudlosen Lächeln. »Ist vermerkt. Ich finde, wir sollten unsere Position noch nicht verlassen, sondern einige Stunden länger warten, bis wir Gewissheit haben, dass man uns nicht nur aus der Deckung holen will.«
»Das wird der Flotte nicht gefallen, Sir. Wir halten uns hinter dem Stern versteckt, während sich die Syndiks nähern.«
»Mir gefällt das auch nicht. Aber falls die Syndik-Führer uns ködern wollten, werden sie diesmal keine Sekunde zögern, den Befehl an das Hypernet-Portal zu senden, sobald wir uns weit genug hinter dem Stern hervorgewagt haben.« Dummerweise konnte diese Logik ihn dazu zwingen, unendlich lange hinter dem Stern zu verharren. »Tanya, wenn Sie das Gefühl bekommen, dass ich zu lange damit zögere, diese Flotte von der Stelle zu bewegen, dann sagen Sie es mir.«
»Das mache ich doch immer, Sir.«
Eine weitere Stunde verging, die Geary damit verbrachte, immer unruhiger und ungehaltener zu werden. Seinen Komm-Status hatte er auf Ausruhen eingestellt, damit niemand außer Desjani, Rione oder Duellos mit ihm Kontakt aufnehmen konnte. Für den Augenblick sah er sich nicht in der Lage, sich Ratschläge von Leuten wie Badaya anzuhören.
Allerdings war da noch CEO Boyens. Würde er helfen können? Nein, nach seiner eigenen Aussage war er vor mehr als zehn Jahren in die Grenzregion versetzt worden. Selbst wenn wir ihm vertrauen könnten – was wir nicht können –, weiß er nichts darüber, wer in diesem System wichtig ist.
Schließlich kehrte Geary auf die Brücke zurück und nahm mit finsterer Miene im Sessel des Flottenbefehlshabers Platz, während die Wachhabenden auf ihren gut geschulten Überlebensinstinkt hörten und alles taten, um ihn ja nicht auf sich aufmerksam zu machen.
»Admiral«, meldete sich Lieutenant Iger mit einem fröhlichen Lächeln auf den Lippen, das schnell wieder verschwand, als er den Ausdruck in Gearys Augen bemerkte. »Sir, es spielt sich sehr viel Kommunikationsverkehr zwischen dem Schlachtschiff und der Primärwelt ab.«
»Und was bedeutet das?«, wollte Geary wissen. Als ihm bewusst wurde, wie schroff er mit Iger gesprochen hatte, bemühte er sich um einen normalen Tonfall. »Wissen Sie, über was sie sich unterhalten?«
»Nein, Sir. Aber in den Übertragungen findet sich ein sehr interessanter Hinweis. Die Nachrichten von der Primärwelt haben im Syndik-Net Vorrang vor der Kommunikation, die vom Schlachtschiff ausgeht.«
»Was ist mit der Flotte? Mit wem redet sie?«
Lieutenant Iger schüttelte den Kopf. »Wir konnten zwar Übermittlungen von der Primärwelt an die Flotte feststellen, aber wir haben nichts entdeckt, was in die entgegengesetzte Richtung gesendet wird. Unsere Schiffe und Erkundungssatelliten sind nicht in der richtigen Position um etwas dazu sagen zu können, ob auch eine direkte Kommunikation zwischen der Flotte und dem Schlachtschiff stattfindet.«