»Danke.« Geary rieb sich die Augen und spielte ernsthaft mit dem Gedanken, das medizinische Personal der Flotte um ein Schmerzmittel zu bitten, das nur von Ärzten verschrieben werden durfte. »Captain Desjani, mein Gefühl sagt mir, wenn in der nächsten halben Stunde nichts geschieht, dann sollten wir unsere Position verlassen und auf einen Abfangkurs zum Schlachtschiff gehen, das dann immer noch vier Lichtstunden entfernt ist. Was meinen Sie dazu?«
»Ich meine dazu, wenn wir versuchen zu warten, bis wir uns sicher fühlen, werden wir die Gelegenheit versäumen, diese Situation zu unseren Gunsten zu lösen. Das Syndik-Schlachtschiff sieht erst in vier Stunden, dass wir uns von der Stelle gerührt haben. Dessen Reaktion sehen wir dann in weiteren vier Stunden, aber die Primärwelt wird schon viel früher sehen, dass wir uns in Bewegung gesetzt haben. Die ist nur zehn Lichtminuten von uns entfernt. Wenn man dort bemerkt, dass wir Kurs auf das Schlachtschiff genommen haben, wird vielleicht jemand, der den Exekutivrat absetzen will, mit uns reden wollen. Sie werden uns auf ihrer Seite haben wollen, und so abstoßend für mich auch der Gedanke ist, mich mit einem Syndik zu verbünden, brauchen wir jemanden, der die Bedrohung durch das Hypernet-Portal abstellen kann.«
»Warum machen wir uns dann nicht sofort auf den Weg?«
»Das klingt nach einer hervorragenden Idee, Admiral. Da kann ich nur zustimmen.«
Geary bedachte sie mit einem mürrischen Blick und überlegte, ob er Tulevs Meinung dazu einholen sollte. Es konnte nicht verkehrt sein, die Meinung von jemandem zu hören, der einen anderen Blickwinkel auf die Lage hatte, vor allem wenn es sich um jemanden wie Tulev handelte, der sehr bodenständig und vernünftig war. Aber gerade wollte er ihn rufen, da ging ihm ein Gedanke durch den Kopf. »Captain Desjani, haben Sie bereits mit Captain Tulev darüber gesprochen?«
»Ja, Sir.«
»Und würde mir Captain Tulev den gleichen Rat geben wie Sie?«
»Ja, Sir.«
Er konnte weiterhin verärgert bleiben, er konnte es aber auch mit Humor nehmen. Seine Verärgerung hatte ihm bislang nicht weitergeholfen, also konnte er es mit einem Lachen versuchen. »Danke, Captain Desjani.« Er warf einen Blick in den rückwärtigen Bereich der Brücke, wo Senator Sakai wieder ganz entspannt in seinem Sessel saß, aber alles sehr wachsam mitverfolgte. »Wir werden versuchen, die politischen Spielchen zu enthüllen, die sich momentan abspielen, Senator.«
Sakai nickte. »Ich nehme an, Sie beziehen sich damit auf die politischen Spielchen der Syndiks, oder, Admiral?«
»Ja, genau.« Es war gut zu wissen, dass Sakai Sinn für Humor hatte. Geary überprüfte das Steuersystem, dann rief er die Flotte. »An alle Einheiten in der Hauptformation der Allianz-Flotte: Hier spricht Admiral Geary. Drehen Sie null eins drei Grad nach Steuerbord und null zwei Grad nach oben. Beschleunigen Sie dann bei Zeit vier eins auf 0,1 Licht.«
Er schaltete um: »Captain Duellos, unsere Flotte geht auf Abfangkurs zum Schlachtschiff der Syndiks, das seinen Platz am Sprungpunkt nach Mandalon verlassen hat.«
Bei Zeit fünf eins befahl Desjani der Dauntless die Kurs- und Geschwindigkeitsänderungen, dann musste sie gähnen. »Mindestens ein Tag, vielleicht sogar eineinhalb, bis wir mit dem Schlachtschiff zusammentreffen. Ich glaube, ich lege mich hin, um mich auszuruhen.«
»Gute Idee.« Nachdem nun die Entscheidung getroffen worden war, hatte die Anspannung auf der Brücke spürbar nachgelassen – was eigentlich absurd war, hatte er doch soeben befohlen, dass die Flotte ihre geschützte Position hinter dem Stern verließ. Dennoch fühlte er selbst sich auch gleich etwas ruhiger. »Vielleicht kann ich jetzt ja auch eine Weile schlafen.«
»Dann sollten Sie sich aber beeilen«, riet Desjani ihm. »In einer halben Stunde könnten wir schon eine Nachricht von der Primärwelt erhalten.«
»Damit kann ich leben.«
Wie sich herausstellte, ereignete sich bereits nach zehn Minuten etwas. Geary hatte soeben sein Quartier betreten, da meldete sich der Komm-Wachhabende der Dauntless bei ihm. »Admiral, wir haben eine Nachricht vom Syndik-Schlachtschiff erhalten.«
Das Bild zeigte diesmal keinen CEO, sondern einen Syndik-Offizier des Militärs, der mit ernster Miene redete: »An die Allianz-Flotte: Beachten Sie, dass dieses Schlachtschiff und die begleitenden Schweren Kreuzer einem Befehl des neuen Exekutivrats der Syndikatwelten folgen. Wir sind im Begriff, die Mitglieder des alten Exekutivrats nach Prime zu bringen, dem zweiten Planeten in diesem System. Diese Mitglieder haben keinen Zugriff auf irgendwelche Kommunikations- oder Sendeausrüstung. Wir…« Der Syndik musste sich sichtlich zwingen, ehe er weiterreden konnte: »Wir bitten Sie darum, nicht in unseren Transit einzugreifen.«
Das musste dem Mann sehr schwer gefallen sein, aber das musste aufgenommen und gesendet worden sein, noch bevor das rebellierende Syndik-Schlachtschiff hatte sehen können, wie deren Flotte beidrehte und auf Abfangkurs ging. Würde eine weitere Nachricht folgen, dann vielleicht mit der noch viel schwieriger über die Lippen kommende Bitte an die Allianz-Flotte, das Schlachtschiff vor der Syndik-Flotte zu beschützen?
Er dachte noch darüber nach und überlegte, wie er einen solchen Befehl wohl am besten formulieren sollte, als sich der Komm-Wachhabende erneut meldete und diesmal eine Nachricht von der Primärwelt ankündigte.
Geary sah eine Gruppe von CEOs, die unter freiem Himmel auf dem Rasen vor einer Gruppe von flachen Gebäuden zu stehen schienen. Sie trugen ihre übliche, makellos gearbeitete Kleidung, doch zur Abwechslung hatte keiner von ihnen dieses affektierte, unehrliche Lächeln aufgesetzt. »An Admiral Geary und die Vertreter des Großen Rats der Allianz«, begann einer der CEOs zu reden. »Wir sind die Mitglieder des neuen Exekutivrats der Syndikatwelten. Wir haben uns mit Ihren Vorschlägen beschäftigt und sind bereit, mit Ihnen über deren Annahme zu verhandeln, um die Feindseligkeiten einzustellen. Wir haben alle mobilen und fixen Streitkräfte im System angewiesen, von allen offensiven Maßnahmen abzusehen, und wir bitten Sie im Gegenzug, von allen offensiven Maßnahmen gegen alle Personen und Einheiten der Syndikatwelten abzusehen, die unsere Autorität anerkannt haben.«
Mit noch ernsterem Tonfall fuhr der CEO fort: »Die Programmierung für die Umkehr der von Ihnen als Schutzvorrichtung bezeichneten Einheit wurde aufgehoben. Das Hypernet-Portal kann jetzt nicht mehr dazu benutzt werden, dieses System und Ihre Flotte zu vernichten. Wir können gut verstehen, dass Sie Erklärungen von Führern der Syndikatwelten mit Misstrauen behandeln. Unser eigener Standort befindet sich auf der Oberfläche unserer Welt. Während wir auf Ihre Antwort warten, werden wir als Geiseln unserer Zusicherung hier bleiben, dass Ihrer Flotte nichts geschehen wird.«
Das klang vielversprechend. Es hatte tatsächlich etwas bewirkt, die Flotte in Bewegung zu setzen.
Auf seinem Bildschirm tauchte Riones Bild auf. »Ich habe die Mitteilung gesehen. Wir können nicht mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie sich tatsächlich auf der Planetenoberfläche befinden. Das könnte eine Simulation in einem Raum sein, der sich tief im Inneren dieser Welt befindet. Aber ich habe eine Analyse vorgenommen, wonach nicht mal in einer sehr tief unterirdisch gelegenen Kammer die Überlebenschancen nennenswert sind, wenn das Hypernet-Portal mit einer verstärkten Energie-Entladung kollabiert. Die Syndiks sind zwar hinterlistig, aber ihre Ingenieure beherrschen ihr Fach so gut wie unsere, und das wissen sie auch.«
»Dann heißt das, wir können ihnen vertrauen?«
»So sehr, wie man jedem Syndik vertrauen kann. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass diese CEOs höhere moralische Standards haben als ihre Vorgänger oder dass sie weniger egoistisch sind. In diesem Fall sind diese Ichbezogenheit und der Überlebenswille vorteilhaft für uns. Sie mussten diese Vorrichtung abschalten, um ihr eigenes Leben zu retten.« Rione nahm eine förmlichere Haltung an. »Admiral Geary, ich bitte um Erlaubnis, dass die anwesenden Vertreter des Großen Rats der Allianz direkte Verhandlungen mit den CEOs des neuen Exekutivrats der Syndikatwelten aufnehmen.«