»Aber Duellos wird seine Geschwindigkeit extrem drosseln müssen, sonst kreuzen sich ihre Wege bei 0,3 Licht. Wie viele Treffer will er da landen?«
Desjani gab die Frage an die Gefechtswachhabende weiter, die den Kopf schüttelte. »Der Ausgleich der relativistischen Störung würde nicht ausreichen, Admiral. Die Trefferwahrscheinlichkeit liegt bei maximal fünf Prozent, vermutlich aber noch weit darunter.«
»Er bremst ab«, meldete Desjani.
Auf seinem Display sah Geary die gleiche Information. Vor einer Stunde und fünf Minuten hatte Duellos seine Schiffe so drehen lassen, dass die Antriebseinheiten nach vorn wiesen, um die Geschwindigkeit so schnell zu drosseln, wie es die Struktur der Schiffe und die Trägheitsdämpfer erlaubten.
»Duellos hat bis zuletzt gewartet«, erklärte sie bewundernd. »Auf diese Weise sollte er eine passable kombinierte Geschwindigkeit erreichen, um die Schiffe zeitig wieder drehen zu lassen, damit sie im Vorbeiflug auf die Syndiks feuern können.«
Geary musste zugeben, dass die vertraute Kastenformation der Syndiks diesmal sehr geschickt aufgebaut war. Der CEO hatte die Schiffe zu einem flachen Kasten angeordnet, dessen Breitseite nach vorn zeigte. Jede Ecke setzte sich aus drei Schlachtschiffen zusammen, in der Mitte bildeten alle sechzehn Schlachtschiffe einen kompakten Pulk, sodass die kombinierte Feuerkraft die leichtere Panzerung und die schwächeren Schilde wettmachte. Die einundsechzig Schweren Kreuzer waren so verteilt, dass sie die ohnehin schlagkräftigen Schlachtschiffe an den Ecken sowie die Schlachtkreuzer in der Mitte ideal ergänzten. Dazwischen verteilt fanden sich die Schwärme von Leichten Kreuzern und Jägern. Es gab schlichtweg keine Schwachstelle, die von den Schlachtkreuzern der Eingreiftruppe mit Erfolg massiv unter Beschuss hätte genommen werden können. »Sieht so aus, als hätte Duellos einen Winkel gewählt, um eine der unteren Ecken zu erwischen.«
Desjani nickte. »Sie neigen dazu, auf obere Ecken zu schießen, deshalb wird er das wohl gemacht haben, um die Syndiks zu verwirren.«
»Ich neige zu den oberen Ecken?« Ein Verhaltensmuster zu entwickeln, war eine gefährliche Sache, weil der Feind mit diesem Wissen Gegenmaßnahmen ergreifen konnte.
»Ja, darüber wollte ich sowieso noch mit Ihnen reden.«
»Danke. Nächstes Mal weisen Sie mich auf so etwas früher hin.« Er sagte es in einem unbeschwerten Tonfall, aber innerlich war Geary verkrampft. Was Duellos getan hatte, war inzwischen eine Stunde her, und es gab nichts, was Geary noch hätte tun können, um in das Geschehen einzugreifen. Das wusste er zwar, doch es machte das Ganze nicht einfacher – vor allem als er sah, wie Duellos’ Formation in einer Weise auszufransen begann, die ihm nicht geplant erschien. »Was ist… die Adroit! Wohin will denn die Adroit?« Kattnig übernahm genau das, was sie alle befürchtet hatten: Er scherte aus und flog direkt auf die Syndik-Flotte zu, anstatt dem Kurs zu folgen, den Duellos vorgegeben hatte.
Aber im nächsten Moment verwandelte sich Gearys Verärgerung in Unglauben, als die Flugbahn der Adroit deutlicher wurde. »Was soll denn das?«
Nach ihrem verdutzten Tonfall zu urteilen, empfand Desjani ganz genauso: »Die Adroit dreht ab, sie entfernt sich von der Syndik-Formation.« Entsetzt drehte sie sich zu Geary um. »Er ergreift die Flucht vor dem Gefecht.«
Hilflos musste Geary mitansehen, wie die übrigen vier Schlachtkreuzer in der Division der Adroit zunächst versuchten, ihr zu folgen, dann aber auf neue Vektoren einschwenkten, da jeder der Befehlshaber versuchte, das letzte Flugmanöver zu kompensieren.
In dem extrem kurzen Zeitraum, der ihnen für eine Reaktion zur Verfügung stand, gelang dieser Versuch nicht jedem.
»Verflucht!«, zischte Desjani, als die Eingreiftruppe an der Syndik-Flotte vorbeischoss, während sich die Assert und die Agile auf Flugbahnen befanden, die sie nur noch näher an den Gegner heranführten.
Die Assert wurde zerrissen, als sie in das konzentrierte Sperrfeuer von drei Schlachtschiffen an einer der Ecken der Kastenformation geriet. Die Agile versuchte mit allen Mitteln, sich nach hinten wegzudrehen, dennoch musste sie Dutzende Treffer einstecken, die unter anderem die Steuer- und die Antriebssysteme außer Gefecht setzten und zweifellos etliche Besatzungsmitglieder das Leben kosteten.
Die Verwirrung an Bord der Schlachtkreuzer, die der Adroit gefolgt waren, sorgte dafür, dass der Schlag gegen die Syndiks nicht so intensiv ausfiel wie geplant. Ein Syndik-Schlachtschiff erzitterte unter den wiederholten Treffern, aber trotz schwerer Schäden an einer Sektion behielt es seinen Platz in der Formation bei.
Das alles spielte sich im Bruchteil von Sekunden ab, dann hatten sich die beiden Formationen auch schon wieder voneinander gelöst. Nun ließ Duellos seine Schiffe wenden, um sich neu zu formieren und um die Verfolgung der Syndiks aufzunehmen, die weiter in Richtung des Schlachtschiffs rasten.
»Vielleicht ist an Bord der Adroit irgendetwas schiefgegangen«, spekulierte Desjani, doch ihre Stimme verriet ihren anhaltenden Unglauben. »Es sind ganz neue Schiffe, vielleicht hat sich ja im Steuersystem ein Fehler eingeschlichen.«
»Ja, vielleicht. Auf jeden Fall war das Duellos’ beste Chance, diese Flotte ein wenig aufzuhalten. Das Schlachtschiff mit den ehemaligen Syndik-Führern an Bord kann sich beerdigen lassen. Es kann ansonsten nur noch kapitulieren und diese Leute vom Schiff gehen lassen.«
»Wozu es auch kommen wird«, ergänzte Desjani verbittert.
»Nein, Rione hat nicht so gedacht und ich tue das auch nicht. Solange das Schlachtschiff kämpft, haben die Offiziere eine Überlebenschance. Wenn die Führer, gegen die sie gemeutert haben, wieder an die Macht kommen, dann wird sich jeder Offizier auf diesem Schiff wünschen, er wäre tot.«
Die Flotte legte zügig die noch verbleibende Strecke zurück und änderte leicht den Kurs, sodass das einzelne Schlachtschiff mit seinen drei Schweren Kreuzern zwischen zwei Ecken und der Ansammlung von Schlachtkreuzern in der Mitte der Formation zu allen Seiten umflogen wurde. Abrupt starteten die drei Schweren Kreuzer und das Schlachtschiff Ausweichmanöver, wobei Letzteres nach links abdrehte, um den Flugbewegungen der in seinem Nacken sitzenden Flotte etwas entgegenzusetzen.
»Damit haben sie zu lange gewartet«, merkte Desjani an, als die Flotte die fliehenden Kriegsschiffe überholte. Zwei Schwere Kreuzer verwandelten sich in Wolken aus Trümmerteilen, als die vormaligen Kameraden das Feuer auf sie eröffneten. Der dritte Kreuzer erzitterte unter Dutzenden Treffern, dann zerbrach er in mehrere Teile, die sich um ihre Achse drehten und davontrieben.
Auch angesichts der überlegenen Feuerkraft war das Syndik-Schlachtschiff nicht in der Lage, zügig zu beschleunigen. Es machte einen Satz vorwärts, dann fielen die Schilde aus, und die Panzerung wurde an mehreren Stellen durchbrochen. Immerhin setzte es sich energisch genug zur Wehr, um einen Schlachtkreuzer und zwei Schwere Kreuzer außer Gefecht zu setzen.
Im Vorbeiflug an dem einzelnen Schlachtschiff bremste die Syndik-Flotte ab und wurde so langsam, dass sie die gleiche Geschwindigkeit erreichte wie das massiv beschädigte Schiff, das Dutzende von Rettungskapseln ausspuckte, die dann in alle Richtungen davoneilten.
Die Eingreiftruppe der Allianz hatte sich eben neu formiert und näherte sich der Syndik-Flotte, die sich um das einzelne Schlachtschiff scharte.
»Vorfahren, steht uns bei«, flüsterte Desjani entsetzt. »Die eröffnen das Feuer auf ihre eigenen Rettungskapseln.«
»Was will Shalin damit erreichen?«, wunderte sich Geary. »In den Kapseln könnten sich die Mitglieder des alten Exekutivrats befinden!«