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Seine nächste Empfindung war eine sanfte, behutsame Berührung am Bart und am Hals, ihm war, als krieche ihm ein lebendiges, kühlschlüpfriges Wesen in den Kragen, aber die Lippen belebten sich plötzlich, er hatte ein angenehmes Gefühl im Mund, und etwas Hartes, Eisernes stieß wiederholt gegen seine Zähne. Waloka hob die Lider, da sah er schmerzhaft grelle Funken auf sich zukommen, sie schwankten und tanzten dicht vor seinem Gesicht, ohne ihn jedoch zu verbrennen. Dann merkte er, daß alles nur eine Spiegelung im Wasser war. Aus weiter Ferne drangen die Worte: «Trinken, Iwan! Trinken!» in sein getrübtes Bewußtsein.

Er schluckte lange und viel, seine Zähne stießen fortwährend gegen den Rand des Gefäßes. Urplötzlich kam ihm die Wirklichkeit wieder eindringlich zum Bewußtsein — er erinnerte sich, wo er sich befand und wer bei ihm war. Der Deutsche! Fritz! Für einen Augenblick riß er sich vom Wasser los und blickte auf — über ihm brannte in einer Hand das Feuerzeug; das unnatürlich beleuchtete Gesicht mit den behaarten großen Nasenlöchern und den buschigen Brauen, unter denen das vorgewölbte gelbliche Weiß der Augen flimmerte, sah von unten schrecklich, stumpfsinnig aus und schien zu einer grotesken Grimasse verzogen. Aus den Augen sprach jedoch gutmütiges Mitgefühl, und das beruhigte Iwan.

«Trinken, Iwan! Trinken.»

Er beugte den Kopf wieder über das Gefäß, in dessen Tiefe die vertraute Flamme tanzte. Auf einmal wurde Waloka übel, und er hob den Kopf. Fritz brummte etwas und stellte das Wasser beiseite.

Waloka wurde leichter — die unerträgliche Hitze ließ nach, nur im Kopf, in den Schultern und innerlich hatte er dumpfe Schmerzen. Er schloß erneut die Augen und überließ sich der Ruhe, doch plötzlich fiel ihm seine MPi ein. Er fuhr hoch, aber die Hände des Deutschen hielten ihn sogleich zurück und zwangen ihn, sich wieder hinzulegen. In einem lichten Moment wunderte sich Waloka über sich selbst: Warum sich fürchten? War er doch jetzt ganz in der Hand des Deutschen. Waloka empfand eine stille Zuneigung zu ihm, so als seien sie gute alte Bekannte, die einander brauchten. Deshalb weg mit dem Mißtrauen, der Vorsicht, den Zweifeln. Alles, was über ihnen lag, geschichtet aus nationalen Gegensätzen, politischer Feindschaft und Kriegserlebnissen — das alles blieb jetzt in der Außenwelt, verlor hier unten seinen Sinn, seine Macht.

Waloka berührte mit der Hand das Knie des Deutschen und drückte es schwach. Fritz reagierte lebhaft, ergriff Walokas Arm, drückte ihn behutsam nahe dem Ellbogen und legte ihn vorsichtig wieder auf die Erde.

Dann sank Waloka in eine Art Halbschlaf. Die Schmerzen ließen allmählich nach, doch die inneren Qualen dauerten fort. War es nur ein Traum, oder war es Alpdrücken, jedenfalls suchten ihn die bösen Visionen weiter hartnäckig heim.

Er sah sich in Breslau, am Stadtrand, in einem Garten, wo ihr Regiment eine Woche vor dem Angriff umgruppiert wurde. Der bereits bei Orscha gefallene Bataillonskommandeur Poprenko lebte plötzlich wieder. Er hatte Waloka in den Stab bestellt, und Waloka lief bedrückt zum Unterstand, obgleich er wußte, daß der Bataillonsstab in Breslau in einer luxuriösen Villa mit Balkon untergebracht war. Im Unterstand fand Waloka jedoch zu seiner Verwunderung nicht Poprenko, sondern Hauptmann Woranau vor. «Na, du deutscher Spion», empfing er Waloka, packte ihn bei den Schultern und riß ihm die Achselklappen herunter. Dann richtete er die Pistole auf die runden Medaillen an Walokas Brust. «Hast einen Deutschen versteckt? Dem Feind Tabak angeboten? Warum hast du ihn nicht getötet?»

Waloka wollte erklären, wie es ihm im Keller ergangen war, konnte jedoch auf einmal nicht sprechen. Er fühlte, daß er sogleich sterben würde. Und Woranau schoß tatsächlich, doch Waloka spürte keinen Schmerz. Da erriet er, daß die Kugel von einer der Medaillen abgeprallt war. Die Medaillen hatten ihm das Leben gerettet. Aber da hatte Woranau statt der Pistole plötzlich eine schwere Pak-Granate in der Hand — das war das sichere Ende.

«Verräter! Hast die Heimat verraucht? Dafür hast du die höchste Strafe verdient!» drang es schrecklich an Walokas Ohr, und er sah sich nach einer Fluchtmöglichkeit um. Und auf einmal war hinter ihm ebenes Feld, Woranau war verschwunden, und er, Waloka, saß wie in der guten alten Vorkriegszeit an einem Frühlingstag am Rande einer Furche, die bloßen Füße im feuchten, weichen Lehm. Neben ihm saßen Kolchosbauern aus seinem Dorf, die Pferde ruhten sich aus, und über das frischgepflügte Land stelzten Saatkrähen und pickten große weiße Würmer auf. Alle lachten und scherzten, frühstückten und tranken bernsteingelben gegorenen Birkensaft. Waloka hatte ebenfalls Durst, aber ihm hatte niemand Frühstück gebracht, da sein Haus zu weit entfernt lag. Er war der einzige Uniformierte unter ihnen, er trug Reithosen und eine Feldbluse, allerdings ohne Schulterklappen, und in einiger Entfernung lagen auf dem umgepflügten Acker seine MPi und seine Mantelrolle. Auf dieser saß reglos eine große schwarze Krähe. Alle lachten und rauchten, Waloka aber wußte, daß er kein Frühstück mehr bekommen würde, denn er war zum Tode verurteilt, und das, worauf die Krähe saß, war bereits dem Unterfeldwebel übergeben worden, der ihn von der Versorgungsliste gestrichen hatte.

Dann verschwanden Menschen, Pferde und Krähen, nur die eine, die reglose, saß immer noch da und krächzte. Wie sich dann herausstellte, war es ein Rabe. Dieser eigensinnige, geheimnisvolle Vogel flößte Waloka Furcht ein; er versuchte aufzuspringen, zuckte krampfhaft und erwachte.