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«Verräter! Hast die Heimat verraucht? Dafür hast du die höchste Strafe verdient!» drang es schrecklich an Walokas Ohr, und er sah sich nach einer Fluchtmöglichkeit um. Und auf einmal war hinter ihm ebenes Feld, Woranau war verschwunden, und er, Waloka, saß wie in der guten alten Vorkriegszeit an einem Frühlingstag am Rande einer Furche, die bloßen Füße im feuchten, weichen Lehm. Neben ihm saßen Kolchosbauern aus seinem Dorf, die Pferde ruhten sich aus, und über das frischgepflügte Land stelzten Saatkrähen und pickten große weiße Würmer auf. Alle lachten und scherzten, frühstückten und tranken bernsteingelben gegorenen Birkensaft. Waloka hatte ebenfalls Durst, aber ihm hatte niemand Frühstück gebracht, da sein Haus zu weit entfernt lag. Er war der einzige Uniformierte unter ihnen, er trug Reithosen und eine Feldbluse, allerdings ohne Schulterklappen, und in einiger Entfernung lagen auf dem umgepflügten Acker seine MPi und seine Mantelrolle. Auf dieser saß reglos eine große schwarze Krähe. Alle lachten und rauchten, Waloka aber wußte, daß er kein Frühstück mehr bekommen würde, denn er war zum Tode verurteilt, und das, worauf die Krähe saß, war bereits dem Unterfeldwebel übergeben worden, der ihn von der Versorgungsliste gestrichen hatte.

Dann verschwanden Menschen, Pferde und Krähen, nur die eine, die reglose, saß immer noch da und krächzte. Wie sich dann herausstellte, war es ein Rabe. Dieser eigensinnige, geheimnisvolle Vogel flößte Waloka Furcht ein; er versuchte aufzuspringen, zuckte krampfhaft und erwachte.

6

Die qualvolle Nacht hatte Walokas Bewußtsein getrübt, und er begriff nur langsam, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war. Irgendwo knatterten Feuerstöße aus Maschinenpistolen, krachten Gewehrschüsse. Einmal ertönte sogar ein Schrei, aber Waloka konnte nicht ermitteln, aus welcher Richtung er kam. Er überwand seine Schwäche und öffnete die Augen.

Im Keller war es verhältnismäßig hell. Vor der Wand, da, wo sie die Platte herausgerissen hatten, war ein neuer Haufen Ziegelschutt emporgewachsen (das alles war wohl auf ihn herabgestürzt), und darüber schien durch ein Loch das helle Tageslicht herein. Sofort wurde Waloka von freudigem Verlangen beflügelt, er erwachte endgültig aus seinem Dämmerzustand, setzte sich auf und verschnaufte. Dann hob er langsam den Kopf; er war mit einem Lappen umwunden, dessen Ende neben dem Ohr herabhing. Vorsichtig betastete er den blutgetränkten Verband. Da blitzte in ihm die Erinnerung auf, was mit ihm geschehen war, und er dachte dankbar an den Deutschen.

Fritz Hagemann saß, mit dem Rücken an den verbogenen Träger gelehnt, neben ihm und schlief. Der Kopf war ihm auf die Schulter gesunken, das spärliche Haar war zerzaust, die Unterlippe hing herab. Über Nacht waren die Bartstoppeln auf seinen hageren Wangen noch länger geworden, und er sah sehr müde aus. Zu seinen Füßen stand ein Stahlhelm mit dem Rest Wasser. Waloka griff sofort danach, doch er stellte ihn gleich wieder angeekelt hin. Der Helm roch so stark nach Schweiß, daß ihm beinahe übel wurde. Es war ein deutscher Stahlhelm, wie sie zu Hunderten auf dem Schlachtfeld herumlagen; die sowjetischen Soldaten stießen sie stets mit dem Fuß beiseite, zumal sie meistens blutig und durchschossen waren. Der Helm weckte in Waloka sogleich feindselige, abweisende Gefühle.

Er runzelte die Stirn, horchte erneut und schaute sich um. In dem Winkel unter der Treppe war auf dem Fußboden ein nasser dunkler Fleck zu sehen, und er hörte regelmäßig Wasser tropfen. Aus der Wasserleitung wahrscheinlich, dachte er und blickte wieder auf den Deutschen. Der schlief, müde von der Nacht, und Waloka dachte in der Stille angestrengt darüber nach, was weiter zu tun war.

Er mußte hinaus. Er würde schon irgendwie allein hinausklettern können — das Loch war da, wozu brauchte er jetzt den Deutschen! Mochte er weiterschlafen, und wenn er aufwachte, sollte er selbst sehen, wo er blieb; ohne ihn war ihm wohler. Nur, wer war jetzt da oben? Das Schießen schien noch zuzunehmen — es war von der einen wie von der anderen Seite zu hören. Ganz in der Nähe ertönten nacheinander drei Detonationen. Wer ist das? Die Unseren? Und wenn es nun die Deutschen sind? Wenn es die Deutschen waren, würden sie ihm eine Kugel durch den Kopf jagen, und waren es die Kameraden, so würde es dem Deutschen schlecht ergehen. Der brauchte nur auf einen rigorosen sowjetischen MPi-Schützen zu stoßen, und schon lag er, bevor er überhaupt die Hände hochbekam, neben einem hartgesottenen SS-Mann hingestreckt. Die Jungs kannten oft keine Gnade mehr für den Feind, bei vielen waren die Wunden im Herzen noch zu frisch — da mußte man auf alles gefaßt sein.

Nein, er mußte doch mit Fritz zusammen hinausklettern und ihn als Gefangenen abliefern — alles andere war dann nicht mehr seine Sorge.

Während Waloka diese Überlegungen anstellte, saß er neben dem Deutschen und betrachtete den Schlafenden ohne Feindschaft, aber auch ohne Sympathie. In der Nacht war es anders gewesen — da hatte er nur das vom Feuerzeug beleuchtete Menschenantlitz gesehen, das genauso war wie andere auch. Jetzt aber saß ein deutscher Soldat in staubiger Uniform mit losgerissener Schulterklappe und kurzen Lederstiefeln vor ihm. Neben ihm lag sein Stahlhelm mit dem Adler darauf, nur die deutsche MPi fehlte. Walokas PPS lag in Reichweite. Nach Soldatengewohnheit langte er danach, erwischte sie am Riemen und zog sie zu sich heran. Das Magazin scharrte über den holprigen Boden, das ruhige, gleichmäßige Atmen des Deutschen riß plötzlich ab, und er erwachte.

Zuerst schien er zu erschrecken, blinzelte, doch als er Waloka erkannte, lächelte er und sagte leicht verwundert:

«Oh, Iwan leben? Gut, gut.»

Als er bemerkte, daß Iwan seine Maschinenpistole an sich genommen hatte, runzelte er besorgt die Stirn. Für einen Augenblick sprach Beunruhigung aus seinen Augen, doch er unterdrückte sie sofort und sagte forsch, bemüht, jedes Wort möglichst deutlich auszusprechen:

«Wir können gehen — moshno idi. Dahin idi. Tür, dwer ich machen.»

Waloka wollte lächeln, aber sofort stach es in seinem Kopf, und sein Gesicht verzerrte sich.

«Schmerzen? Bolno?»

«Macht nichts.» Waloka runzelte die Stirn. «So leicht sind wir nicht kleinzukriegen.»

Er wollte dem Deutschen seine Schwäche nicht zeigen und richtete sich, die Hände zu Hilfe nehmend, auf. Vor seinen Augen zerflossen rote Kreise. Er erhob sich mit großer Anstrengung, beherrschte sich jedoch und stöhnte nicht. Nachdem er eine Weile dagestanden hatte, kletterte er unsicher über den Schutt zu dem Loch hinten in der Ecke. Fritz wollte ihn stützen, aber Iwan wehrte eigensinnig ab.

Leicht humpelnd begab sich der Deutsche ebenfalls zu dem Loch, kletterte als erster hinauf und schaute hindurch; hinter ihm arbeitete sich auch Waloka den Schuttberg hinauf. In diesem Augenblick knatterten in der Nähe nacheinander zwei Feuerstöße und waren Stimmen zu hören — jemand schrie, dann wurde oben gesprochen, nicht leise, aber auch nicht so laut, daß sie etwas verstehen konnten. Waloka preßte die Zähne aufeinander, und der Deutsche sah ihn mit halbgeöffnetem Mund und nervöser Spannung in den grauen Augen an. Sie standen eine Zeitlang starr und stumm unter dem Durchbruch. Wieder ging ihnen die Frage: Wer ist das? durch den Kopf und ließ sie erstarren wie vom Eishauch des Todes.

Doch das Gespräch über ihnen brach ab — entweder waren die Männer weitergelaufen oder verstummt, aber noch eine ganze Weile drangen die langen Feuerstöße eines MG an ihr Ohr. Mit Tagesanbruch war der Kampf neu aufgelebt, und Waloka wurde von Unruhe erfaßt.

Er bedeutete dem Deutschen, er solle hinausklettern. Fritz verstand, nickte und suchte nach Gegenständen, die er unterstellen konnte, um bequemer das Loch zu erreichen. Er stapelte mehrere Betonklötze aufeinander und versuchte es, aber der Aufbau war noch nicht hoch genug. Da humpelte er wieder hinunter, holte den Stahlhelm und legte ihn obenauf. Nun konnte er sich am Rand des Loches festhalten.