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Er zog sich hoch, blickte hinaus, ließ sich jedoch unentschlossen wieder hinuntergleiten. Abermals trafen sich ihre aufs höchste gespannten Blicke, und erneut lauschten beide, um festzustellen, wer oben war. Doch vergebens.

Da verfinsterte sich die Miene des Deutschen, er trat entschlossen auf den Stahlhelm, zog sich hoch, stützte sich mit dem gesunden Knie auf einen Vorsprung und war alsbald oben.

Dort stand er einige Augenblicke und sah sich um, während Waloka gespannt von unten zu ihm hinaufsah. Waloka hielt sich nur mit Mühe auf den Beinen, vor seinen Augen drehte sich alles, aber jetzt, das fühlte er, fiel die wichtigste Entscheidung, und den Moment wollte er nicht verpassen. Das Gefühl der Ohnmacht verstärkte sich bei ihm. Wenn nun der Deutsche davonläuft und mich allein im Keller zurückläßt? schoß es ihm durch den Sinn. Er fühlte bereits Zuneigung zu diesem ungewöhnlichen Feind in sich keimen — jetzt brauchte er ihn so nötig, wie man einen Kameraden in einer schwierigen Situation braucht.

Aber der Deutsche lief nicht davon. Er trat von einem Fuß auf den anderen und hielt Umschau. Unter seinen Absätzen rieselte Sand in den Keller. Dann steckte er seinen Arm fast bis zum Ellbogen durch das Loch.

«Iwan, schnell! Bystro.»

Waloka kletterte auf den Stahlhelm und streckte ihm die Hand entgegen, doch der Deutsche wies auf die Maschinenpistole. Iwan nahm die PPS von der Schulter, reichte sie ihm und erschrak dann plötzlich. Einen Moment glaubte er, der andere habe ihn überlistet. Doch der Deutsche dachte nicht daran, auf ihn zu schießen — behutsam, wie Soldaten mit Waffen umzugehen pflegen, legte er die MPi neben sich und streckte beide Hände durch das Loch.

Waloka reckte sich und reichte ihm seine, der Deutsche packte sie kräftig und zog ihn hoch. Waloka stemmte sich mit dem Stiefel gegen die Wand und wälzte sich seitlich über den Rand des Loches. Dabei mußte er die Zähne fest zusammenbeißen, um nicht aufzustöhnen.

Nun waren sie oben, in einer großen Hausruine, die, eine unversehrt gebliebene Brandmauer gen Himmel reckend, wie ein riesiges Mahnmal des alles zerstörenden Krieges dastand. An der Wand des ersten oder zweiten Stockwerkes hing schief ein Bild in vergoldetem Rahmen, daneben ein von Splittern zerfetzter Wandteppich mit Elchen. Darüber ragte, sich an den Rest des Fußbodens klammernd, ein umgestürztes Bett mit Drahtnetz vor. Mit zerschlagenem Rahmen schwang ein Fensterflügel im Morgenwind hin und her. Die Straße war nicht zu sehen; sie wurde von einer zweiten Wand verdeckt, die nach innen gestürzt war. Als riesige Platte stieg sie vor ihnen schräg an, und darüber wiegten sich im hell gewordenen Morgenhimmel die Wipfel der Akazien, unter denen tags zuvor die MPi-Schützen zum Angriff vorgegangen waren.

Beide verschnauften ein wenig und horchten auf das von der Straße herüberdringende Schießen und die Schritte der Laufenden. Auch Schreie waren zu hören, doch Waloka verstand kein Wort. Der Deutsche aber zuckte plötzlich zusammen und stürmte, die Arme schwenkend, die Trümmerwand hinauf. Er entfernte sich rasch von Waloka, der mühsam einen Fuß vor den anderen setzte und sich hinter ihm herschleppte. Fritz erreichte als erster die Stelle, von der man auf die Straße springen konnte. Scharf zeichnete sich seine schlanke und sehnige Gestalt gegen den Himmel ab. Da hörte Waloka deutlich rufen:

«Hagemann, Hagemann! Los, hierher! Hagemann!»

Waloka war auf das Schlimmste gefaßt gewesen, dennoch überlief es ihn in diesem Augenblick kalt. Er duckte sich, kauerte sich nieder. Fritz aber drehte sich um und schrie, plötzlich vor Freude strahlend:

«Iwan! Iwan! Komm!»

Und setzte zum Sprung an, um zu seinen Kameraden zu laufen.

«Stoi!» rief Iwan halblaut, aber mit fester Entschlossenheit. «Stoi!»

Auf dem Gesicht des Deutschen malte sich Bestürzung, ja sogar Schmerz, vielleicht auch Angst, doch gleich darauf fuchtelte er mit den Armen in der Luft herum und verschwand auf der anderen Seite der Ruine.

Zuerst war Waloka wie vor den Kopf geschlagen — das hatte er nicht erwartet. Doch dann überwand er mit einer gewaltigen Willensanstrengung seine Schwäche und kletterte über die Trümmer dorthin, wo Fritz verschwunden war.

Der war noch nicht weit gekommen. Die ganze Straße lag voller Trümmer, und er kletterte gerade über einen großen Mauerbrocken unweit der Stelle, an der Waloka auftauchte. Auf der anderen Seite, längs der eisernen Umzäunung der Grünanlage, liefen, schießend und sich duckend, Deutsche.

«Stoi!» schrie Waloka Hagemann nach. «Fritz! Stoi!»

Der Deutsche zuckte zusammen und hob den Kopf. Sein Gesicht, so schien es Waloka, verzog sich wie vor Schmerz. Er hielt inne und warf einen Blick zu Waloka und dann zu der Grünanlage hinüber, wo die Deutschen, erstaunt über die Zurufe zwischen ihrem Kameraden und einem Russen, stehenblieben und sich ihnen zuwandten. Doch sie besannen sich nicht lange. Schlösser knackten, und eine gellende Offiziersstimme hallte über die Trümmer:

«Hagemann, hierher! Wir schießen!»

Fritz wälzte sich über den Ziegelbrocken, der ihm den Weg zu seinen Kameraden versperrte. Waloka fühlte, daß jetzt alles aus war, er dachte nicht mehr an sich selbst, sondern nur noch daran, diesen Mann nicht dem Feind zu überlassen, und gab einen Feuerstoß auf ihn ab. Die Kugeln wirbelten in den Trümmern Staub auf und spritzten nach allen Seiten.

Der Deutsche fuhr herum und warf ihm einen Blick zu, aus dem die tierische Wut eines in die Enge getriebenen Menschen sprach. Waloka warf sich hin, ohne den Deutschen aus den Augen zu lassen, und sah, wie dieser mit fieberhafter Hast in die Tasche griff, ausholte und etwas zu ihm herüberschleuderte. Klein und schnell, sauste es wie ein schwarzer Vogel durch die Morgenluft und schlug vor ihm dumpf gegen den Putz der Wand. Waloka erfaßte nicht sofort, daß es eine Handgranate war; erst als sie abprallte und in seiner Nähe niederfiel, begriff er, daß es keine Rettung mehr gab. Da riß er die Maschinenpistole an die Schulter und drückte ab.

Seine Schüsse hörte er nicht, er sah nur noch im Bruchteil einer Sekunde, wie Fritz Hagemann sich um sich selbst drehte und zu Boden stürzte. Fast gleichzeitig detonierte krachend die Handgranate. Waloka bekam einen heftigen Schlag gegen die Schulter, und gleich darauf verschwand er im Staub, der die Trümmer als dichte, stickige Wolke einhüllte.

Der Staub rettete ihn.

Er hörte die Deutschen mit MPis schießen, mehrere Kugeln zerschmetterten Ziegelsteine in seiner Nähe. Doch behende zog er sich geduckt zurück, warf sich hin, sprang wieder auf, rollte sich über einen großen Steinbrocken, lief um das Loch in dem tiefen Trichter herum, aus dem sie kurz zuvor herausgeklettert waren, und gelangte aus der Ruine auf ein mit Trümmern übersätes Grundstück. Auf einem mit Betonplatten ausgelegten Weg lief er bis zu einer Dornenhecke, zwängte sich durch das dichte Gestrüpp, das ihm die Sachen zerriß, und befand sich in einer schmalen Gasse.

Im nächsten Augenblick hätten ihn beinahe sowjetische MPi-Schützen über den Haufen gerannt. Mit lautem Getrappel kamen sie vorbeigelaufen, offenbar um den Deutschen, die längs der Grünanlagen vorgingen, den Weg zu verlegen. Der letzte warf einen finsteren Blick auf Walokas blutigen Kopf, sagte jedoch nichts. Erst jetzt spürte Waloka, daß der brennende Schmerz seine ganze Schulter erfaßt hatte.

Die MPi-Schützen verschwanden um die Ecke, und die trümmerübersäte Gasse lag verödet. Waloka schaute in die eine Richtung, dann in die andere, hängte sich die MPi um und wankte, die von Splittern verletzte Schulter schonend, dahin, wo seine Kameraden hergekommen waren. Hoch oben am klaren Frühlingshimmel krachte, pfiff und donnerte das laute Echo des Kampfes. Wie ist das nur möglich? Was ist das bloß? Erst jetzt befielen ihn Verwunderung und Nachdenklichkeit. Vergeblich versuchte er, etwas zu begreifen, sich an etwas zu erinnern. Innerlich aufgewühlt und erschöpft, spürte er nur, daß ein entsetzliches, ihm noch nicht voll verständliches Unrecht geschehen war, dem er und auch Fritz Hagemann machtlos gegenüberstanden. Von ohnmächtiger Kränkung und Schmerz gewürgt, hätte er am liebsten losgeheult.