Da Ken während der ganzen Lektion immer auf derselben Stelle stehengeblieben war, hatte er den Felsboden erwärmt. Als Folge davon dauerte es volle drei Stunden, bis er den ersten warnenden Kälteschmerz spürte. Und als es soweit war, wurde ihm klar, daß er für sein Vivarium nichts getan hatte, seitdem die Eingeborenen aufgetaucht waren. Er wartete höflich ab, bis Mr. Wing mit seiner Erklärung zu Ende gekommen war, und deutete sodann auf die leere Hälfte. Der Mann nickte, auf den Boden hinter sich deutend.
Ken hatte den kleineren Kindern keine Beachtung mehr geschenkt, seitdem die Sprachlektion begonnen hatte. Er hatte angenommen, daß sie spielten wie die Kinder seiner eigenen Gattung auch. Er war richtig perplex, als er auf dem Boden in einiger Entfernung von dem Behälter zahlreiche Pflanzen, geordnet nach Arten und Größen sah. Die Kinder hatten offenbar gesehen, was er machte und hatten ihm helfen wollen. Mit wachsendem Erstaunen stellte er fest, daß unter den Proben keine Pflanze doppelt vorkam. Diese Wesen mußten wirklich über Verstand verfügen. Er hatte gar nicht bemerkt, daß die Erwachsenen irgendwelche Anweisungen gegeben hatten. Mit einem Wort des Dankes, das, wie er wußte, natürlich nicht verstanden werden konnte, fing er an, die Pflanzen mit Hilfe seines Metallstabes in den Behälter zu tun. Als er die erste hochhob, wies er mit dem freien Greifhaken darauf. »Wort!« sagte er ein wenig mühsam. Alle verstanden, und Roger antwortete: »Farn.«
Mr. Wing sah, wie mühsam für Ken die Arbeit war. Er bedeutete ihm zurückzutreten und ließ die Kinder die Arbeit erledigen. Ken sah ihnen mit riesigem Interesse zu. Jetzt erst wurde ihm klar, was für ein nützliches und geschicktes Organ die menschliche Hand sein konnte. Die Finger des Mädchens waren besonders geschickt. Edie drückte die Pflanzen so schnell und gekonnt in die Erde, wie Ken es nie geschafft hätte, auch ohne das Handicap des Panzers und der Kälte nicht. Zu jeder Pflanze wurde der Name angegeben. Es stellte sich hinterher heraus, daß in vielen Fällen ein Name mehrere Male für Pflanzen benutzt worden war, die einander nur entfernt ähnelten oder auch gar nicht. Ken brauchte eine Weile, bis er dahinterkam, obwohl er schon wußte, daß die Sprache der Eingeborenen Gattungsnamen und Einzelbegriffe kannte.
Der Behälter war in kurzer Zeit säuberlich vollgepflanzt. Und nicht einmal hatte Ken das Wort gehört, das dem lauschenden Drai so viel bedeutet hätte. Ihm konnte das nur recht sein. Die Erwähnung von ›Tafak‹ durch einen Eingeborenen an einem Ort, wo Drai mithören konnte, hätte Kens nun rasch heranreifende Pläne empfindlich gestört.
Ken hatte vorhin in der Frachtkammer die Funkanlage übersehen, die Feth dort deponiert hatte. Erst als er die leeren Behälter der ersten Proben wieder dort verstaute, bemerkte er das Ding. Zunächst war er wütend auf sich und Feth, da er inzwischen längst dessen Worte beim Abschied vergessen hatte. Aber vielleicht war es ohnehin besser so. Falls Drai von Anfang an mitgehört hatte, mußte er inzwischen überzeugt sein, daß Ken keine Aktionen auf eigene Faust plante. Es hatte keine Unterbrechungen gegeben, die ihn hätten argwöhnisch machen können.
Während Ken diese Überlegungen durch den Kopf gingen, dachte auch Mr. Wing über einiges nach. Es war klar, daß der Fremde – man hatte sich noch nicht per Namen bekanntgemacht – kurz vor dem Abflug stand. Der Ausflug war für die Familie eine nette Abwechslung gewesen. Aber an eine tägliche Wiederholung war nicht zu denken, dazu kam, daß es zu Hause Dinge gab, die man bei einer Sprachlektion gut verwenden konnte. Daher war es vielleicht der Mühe wert, den Versuch zu wagen, von dem er zu seiner Familie gesprochen hatte. Er wollte die Fremden überreden, näher beim Haus zu landen.
Als Ken sich nun von der Ladeluke umdrehte, stand der größte Eingeborene vor ihm, in den Händen ein feinsäuberlich gezeichnetes, aber unverständliches Diagramm, mit dessen Hilfe er irgendeinen Plan übermitteln wollte.
Es dauerte vier oder fünf Minuten, um klarzumachen, was die Karte darstellte, obwohl Ken die Bedeutung in Sekunden erfaßt hatte. Die größte Schwierigkeit stellte der Maßstab dar. Schließlich aber hatte der Fremde begriffen. Er brauchte nun seinerseits etwas Zeit, um die Karte in allen Einzelheiten Feth zu beschreiben, so daß sie später neu angefertigt und studiert werden konnte. Dann sagte er ›Ja‹ zu Mr. Wing.
»Morgen – einen Tag von jetzt an gerechnet – hier«, wiederholte der Mann, und Ken nickte mit dem Kopf. (Es hatte ihn nicht weiter erstaunt, daß Körpersprache die gesprochene Sprache dieser Wesen ergänzte.)
»Hier.« Er deutete so gut es ging mit einem Greifhaken auf die Stelle, und das Papier verfärbte sich braun, ehe er es verhindern konnte. Dann fiel ihm noch etwas ein. »Nicht morgen. Nicht einen Tag von jetzt an gerechnet. Zwei Tage.«
Mr. Wing runzelte die Stirn. »Nicht morgen?«
»Nein. Zwei Tage. Jetzt gehen. Kalt.«
Sallman Ken drehte sich um, nahm die zweite Funkanlage aus dem Frachtabteil, stellte sie auf den Boden und sagte: »Tragen«. Nun machte er sich daran, sich selbst wieder an dem Torpedo festzumachen. Er hatte sich nämlich abweichend von seinem ursprünglichen Plan losgemacht, als er entdeckte, daß er die Frachtluke nicht erreichen konnte, solange er an den Rumpf angekettet war.
Der Eingeborene enthielt sich zum Glück jeder Äußerung. Tatsächlich hatte diese neue Wendung Mr. Wing sprachlos gemacht. Und sogar die Kinder staunten mit offenen Mündern. Ken erhob sich inmitten lastenden Schweigens in die Lüfte, bis den zwei Kleinsten ihre gute Kinderstube einfiel und sie laut schrien: »Auf Wiedersehen!« Ken konnte die Worte kaum hören, ahnte aber ihre Bedeutung.
An Bord der Karella angelangt, galt seine erste Sorge dem Vivarium. Er hatte den Raum zwischen den Behältern bereits luftleer gemacht, indem er während des Flugs durchs All eine Zeitlang ein kleines Ventil geöffnet hatte. Jetzt schaltete er die Kühlanlage ein und behielt das Innenthermometer im Auge, bis er sich davon überzeugt hatte, daß alle Schwankungen ausgeglichen waren.
Dann und erst dann machte er sich daran, das Band mit Ken abzuhören, um sicherzugehen, daß er die etwa hundert Wörter behalten hatte, die er während seines kurzen Ausflugs gelernt hatte. Laj Drai ließ sich zu Kens Verwunderung nicht blicken, obwohl er nach Feths Aussage während Kens Ausflug jedes Wort eifrig mitgehört hatte. Während dieser Sitzung gelang es Ken, Feth unauffällig beizubringen, was er mit der Funkanlage gemacht hatte, und dieser stimmte mit ihm überein, daß es ein kluger Schachzug gewesen war. Jetzt brauchten sie eine zufällige Überprüfung des Torpedoinhalts durch Drai oder Lee nicht mehr zu fürchten.
Es sah aus, als hätte Ken in seiner Standpauke an Drai vor dem Antritt des Ausflugs überzeugender gewirkt, als er erwartet hatte. Er hatte sich zwar gewundert, daß der Chef ihn nach der Rückkehr ungeschoren ließ; jetzt stellte er fest, daß es Drai zwar in den Fingern juckte, daß er aber gefürchtet hatte, sich wieder ins Unrecht zu setzen. Kaum war die Besprechung zwischen Ken und Feth beendet, als Drai auch schon zur Stelle war und einen Augenzeugenbericht zur Ergänzung des über Funk Gehörten forderte.
»Ich brauche eine Kamera, damit ich einen Eindruck von der äußeren Erscheinung vermitteln kann«, antwortete Ken. »Was die Größe anlangt, habe ich mich geirrt. Die Wesen, die ich unlängst sah, waren Kinder. Die Erwachsenen sind von umfangreicherem Körperbau als wir.
Ich glaube nicht, daß die Sprache schwierig ist, und es sieht aus, als wäre zumindest diese Gruppe sehr an einer Zusammenarbeit interessiert.« Er berichtete, wie man ihm bei der Zusammenstellung der Pflanzensammlung geholfen hatte.
»Ich habe mir die Pflanzen angesehen«, sagte Drai. »Vermutlich ist das, was wir suchen, nicht darunter?«
»Nein, es sei denn, sie verwenden verschiedene Namen für die lebende Pflanze und das Produkt. Sie nannten jeweils beim Einsetzen den Namen, und Sie haben ebenso gehört wie ich, daß nicht ein einziges Mal der Name ›Tafak‹ fiel.«