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Aber damit hörte die Geschichte nicht auf.

Der Krieg endete, die Elfen verschwanden wieder in ihrem unbekannten Reich hinter dem Ozean, doch das Relief erzählte die Geschichte zu Ende und zeigte nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft.

Es zeigte sie selbst.

Pia stand lange, sehr lange vollkommen reglos da und starrte das in Stein gemeißelte Bild an, das eine junge Frau in einem schlichten, hellen Gewand zeigte, die die Hände nach etwas wie einem riesenhaften Diamanten ausstreckte, der auf einem steinernen Tisch vor ihr lag. Zahlreiche Männer in schimmernden Rüstungen mit spitzen Helmen knieten in demütiger Haltung vor ihr, und etwas … würde geschehen, wenn sie den Kristall berührte, etwas Gewaltiges und Furcht einflößendes, das die Geschichte der Welt grundlegend verändern musste. Diesmal war es keine innere Stimme, die Pia diese Erkenntnis zuflüsterte. Das Wissen war in diesem Bild. Irgendwie war es dem Künstler, der es erschaffen hatte, gelungen, mehr in seine Arbeit zu bannen, als ihre Linien zeigten. Sie sah, was geschehen würde, wenn Gaylen zurückkam.

Wenn … sie zurückkam?

Pia versuchte vergeblich, diesen Gedanken als so lächerlich abzutun, wie er war. Es gelang ihr nicht. Das Relief machte ihr Angst, mehr Angst als irgendetwas zuvor.

Mit einer Kraftanstrengung, die ihre Möglichkeiten fast überstieg, zwang sie ihre Gedanken wieder in die Wirklichkeit zurück und sich selbst, das Bild mit anderen Augen zu betrachten. Es zeigte eine junge Frau, die tatsächlich sie sein konnte, genauso gut aber auch eine beliebige andere Frau: schlank und hochgewachsen, mit für die Menschen hier völlig untypischem langem Haar, das bis weit über ihren Rücken fiel. Ihr Gesicht war so stilisiert, dass es buchstäblich jede sein konnte.

Pia, die wiedergeborene Elfenprinzessin Gaylen … lächerlich!

Aber warum machte ihr das Bild dann solche Angst?

Weil du eine hysterische blöde Ziege bist, antwortete sie sich selbst. Das Waisenkind aus den Favelas, das sich als die seit tausend Jahren verschollene Elfenprinzessin entpuppte? Ja, das klang logisch.

Das Schleifen, das sie schon einmal gehört hatte, wiederholte sich jetzt, und ein Hauch völlig anderer, körperloser Kälte streifte ihre Seele. Pia fuhr blitzartig auf dem Absatz herum – und erstarrte mitten in der Bewegung.

Sie war nicht mehr allein. Mehrere gespenstisch bleiche Gestalten hatten den Thronsaal betreten, allesamt hochgewachsen – sehr viel größer als sie – und in lange schwarze Mäntel gekleidet, unter denen silberne Rüstungen und lange Schwerter blitzten. Sie trugen spitze, ebenfalls silberne Helme auf den Köpfen und hatten schmale, edel geschnittene Gesichter.

Und außerdem waren sie durchsichtig.

Es waren Gespenster.

Pia schloss die Augen, zählte in Gedanken ganz langsam bis zehn und sah wieder hin. Nichts hatte sich verändert. Die Gespenster waren immer noch da, und es waren sogar mehr geworden. Jetzt waren es mindestens ein Dutzend Gestalten, die den ehemaligen Thronsaal bevölkerten, flackernde Schemen, durch die das Licht drang, die manchmal da zu sein schienen, manchmal nicht und manchmal irgendetwas dazwischen. Es wurden immer mehr, zwei Dutzend, dann drei, vier … bis der Thronsaal vor lautlosen Schemen überzuquellen schien. Sie bewegten sich durcheinander, standen zu zweit oder in Gruppen da, redeten und stritten, aber Pia hörte nicht den mindesten Laut, als betrachte sie einen uralten Film ohne Ton. Alles vollzog sich in gespenstischer Lautlosigkeit, doch sie spürte, dass sie Zeugin von etwas sehr Wichtigem wurde. Etwas geschah hier (oder war geschehen?), das von großer Bedeutung war.

»Wer … seid ihr?«, murmelte sie stockend. »Was wollt ihr?«

Sie hatte die Worte fast ohne ihr Zutun gesprochen, und das Allerletzte, womit sie gerechnet hätte, wäre eine Reaktion der Gespenster gewesen.

Aber sie erfolgte.

Ihre lautlosen Gespräche verstummten. Die flackernden Gestalten erstarrten mitten in der Bewegung, und für die Dauer eines einzelnen, unendlichen Herzschlages schien selbst die Zeit innezuhalten.

Was bestimmt nur Zufall war. Ganz gewiss. Es konnte gar nichts anderes sein.

Und vielleicht war es das ja, denn schon im nächsten Moment wandten sich die Gespenster wieder dem zu, was auch immer sie gerade getan hatten, und Pia blieb einerseits Zeit, erleichtert aufzuatmen, und andererseits, sich selbst in Gedanken mit ein paar wenig schmeichelhaften Bezeichnungen zu belegen, was ihren Mut und ihre Leichtgläubigkeit anging, bevor sie einen neuerlichen, noch viel kälteren Hauch spürte, der ihre Seele zu Eis erstarren ließ, und dann den Blick unsichtbarer Augen zwischen den Schulterblättern. Sie presste die Hände so fest zusammen, dass die Knöchel knackten, als sie sich langsam herumdrehte, und sah sich nach irgendetwas um, das sich als Waffe gebrauchen ließ.

Aber ein Gespenst anzugreifen, wäre wohl auch ziemlich sinnlos gewesen.

Selbst wenn dieses Gespenst nur wenige Schritte hinter ihr auf dem Thron saß und sie anstarrte. Und diesmal war sie ganz sicher, dass es kein Zufall war.

Es war Eirann, der Hochkönig der Dunkelelfen. Sie hätte ihn auch dann erkannt, wenn sie sein Gesicht nicht über dem Tor draußen gesehen hätte. Es war das Gesicht des Fremden, der sie zweimal gerettet hatte, und zugleich auch wieder nicht, denn dieses Antlitz war älter, unendlich viel erfahrener und härter. Sie konnte nicht sagen, ob der Ausdruck in seinen Augen bloße Härte oder schon Gnadenlosigkeit war. Wahrscheinlich waren diese Unterschiede ohnehin verschwommen im Laufe der Äonen, die diese Augen erblickt haben mussten.

Obwohl er saß, konnte sie erkennen, dass Eirann sehr groß sein musste, nicht nur für einen Bewohner dieser Welt, sondern überhaupt; mindestens zwei Meter, wenn nicht mehr, und der spitze Silberhelm ließ ihn noch viel größer erscheinen, sodass er selbst auf dem monströsen schwarzen Thron noch beeindruckend wirkte. Er trug einen schweren Mantel, der seine Gestalt umfloss wie ein Paar riesiger schwarzer Fledermausflügel, und einen schimmernden Brustharnisch, in dem ein sich aufbäumendes geflügeltes Pferd eingraviert war. Quer über seinen Knien lag ein mindestens anderthalb Meter langes Breitschwert mit einem wuchtigen Goldgriff, dessen Klinge aus Kristall oder Glas zu bestehen schien.

»Eirann?«, murmelte sie.

In dem edlen Gesicht des Dunkelelfen regte sich kein Muskel, aber etwas änderte sich in seinem Blick. Bisher hatte er sie einfach nur angestarrt, jetzt erschien allmählich etwas wie Erkennen darin.

Und dann …

Zorn. Ein so abgrundtiefer, gnadenloser Hass, dass sie wie unter einem Hieb zurücktaumelte, eingehüllt in einen Mantel unsichtbarer verzehrender Kälte, als hätte der bloße Blick dieser uralten Augen jegliche Wärme und alles Leben in ihrer unmittelbaren Nähe ausgelöscht. Es war eine Gnadenlosigkeit, die die Grenzen des Vorstellbaren überstieg, und ein Hass, der ein Jahrtausend lang Zeit gehabt hatte, sich an sich selbst zu nähren. Alles drehte sich um sie. Angst explodierte wie eine eisige Flamme in ihrem Herzen und löschte auch das letzte bisschen Wärme aus, und es wurde noch schlimmer, als die flackernde Gestalt das Schwert vom Schoß nahm, aufstand und die freie Hand nach ihr ausstreckte. Diese steckte in einem schweren, mit silberfarbenem Metall verstärkten Handschuh und hatte so wenig Substanz wie der Rest der Gestalt, und doch wusste Pia, dass etwas ganz und gar Entsetzliches geschehen würde, wenn diese Hand sie berührte. Etwas, das tausendmal schrecklicher war als der Tod.