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Wäre gar nichts passiert, rief sie sich in Gedanken zur Ordnung. Weil es keinen Eirann gegeben hat. Er war eine Erinnerung, nichts als eine Legende. Es gab ihn nicht. So wenig, wie es Gespenster gab.

Die Straße war menschenleer und dunkel. In keinem einzigen Haus brannte Licht, und es war so still, als wäre die Stadt im gleichen Moment ausgestorben, in dem das letzte Sonnenlicht hinter dem Horizont verschwunden war. Trotzdem blieb Lasar plötzlich stehen und hob warnend die Hand. Seine Haltung drückte Anspannung aus. Das hatte sie die ganze Zeit über getan, nicht erst seit, sondern schon bevor sie den Turm verlassen hatten, aber jetzt gesellte sich noch etwas anderes hinzu. Angst?

»Was hast du?«, fragte Pia, doch Lasar machte nur eine neuerliche und jetzt eindeutig erschrockene Geste, zu schweigen, und zog sie dann mit einer plötzlichen Bewegung in den Schatten eines überhängenden Türsturzes. Erst dann hörte Pia das Geräusch schwerer, langsamer Schritte, die näher kamen.

Es war eine Patrouille der Stadtwache, die üblichen zwei Mann in schwerem Mantel, Harnisch und Schild, die am anderen Ende der Straße erschienen und nicht besonders schnell, dafür zielsicher auf sie zukamen. Der Junge fuhr erschrocken zusammen und sah sich hektisch nach rechts und links um, und Pia konnte seine Gedanken in diesem Moment mehr als deutlich hören. Er suchte verzweifelt nach einem Versteck oder einem Fluchtweg. Als er loslaufen wollte, legte ihm Pia die Hände auf die Schultern.

»Rühr dich nicht«, zischte sie. »Und keinen Laut!«

Lasar war wahrscheinlich viel zu schockiert, um auch nur Luft zu holen, und als er seinen ersten Schrecken überwunden hatte, war es zu spät, um noch irgendetwas zu tun. Vorhin wäre er vermutlich nicht unentdeckt geblieben und den Männern einfach davongelaufen, doch nun war das unmöglich. Er stand einfach wie erstarrt da und Pia griff nach den Schatten und verwob sie zu einem schützenden Mantel, der sie vollkommen unsichtbar machte. Die beiden Wachsoldaten gingen weniger als eine Armlänge entfernt an ihnen vorbei, ohne sie auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Nach einigen weiteren Sekunden bogen sie in eine Seitenstraße ab, und erst in diesem Moment wagte es Lasar tatsächlich, wieder zu atmen.

»Bei Kronn!«, keuchte er. »Wie … wie habt Ihr das gemacht?«

»Du«, antwortete Pia. »Und was?«

»Ihr habt sie verzaubert, damit sie uns nicht sehen!« Der Junge starrte sie aus großen Augen an.

»Wenn ich Zauberkräfte hätte, wäre ich dann noch hier?«

»Aber wie habt Ihr das gemacht?«, beharrte Lasar, als hätte er ihre Worte gar nicht gehört.

»Ich habe keine Ahnung«, antwortete Pia. »Doch es hat bestimmt nichts mit Zauberei zu tun. Ich konnte das schon immer.« Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, kam dieser aber näher, als ihr selbst bis zu dem Zeitpunkt klar gewesen war. Pia war schon als Kind unschlagbar darin gewesen, sich zu verstecken, und an dieser Tatsache hatte sich nichts geändert, während sie herangewachsen und schließlich zu einer jungen Frau geworden war. Vielleicht hatte sie ihre Blitzkarriere als erfolgreiche Nachwuchsdiebin und Einbrecherin sogar zu einem Großteil diesem speziellen Talent zu verdanken; wenn nicht sogar ausschließlich.

»Ich verstehe, Erhabene«, sagte Lasar. »Ihr wollt nicht darüber sprechen.«

»Das hat nichts mit wollen zu tun«, beharrte Pia. »Es ist …« Sie schluckte hinunter, was ihr auf der Zunge lag, und zuckte nur mit den Schultern. »Ganz wie du meinst. Aber tu mir einen Gefallen und hör endlich damit auf, mich ständig Erhabene zu nennen.«

»Aber Ihr seid …«

»Ich könnte es dir befehlen«, unterbrach ihn Pia, noch immer lächelnd, jedoch eine winzige Spur schärfer. »Aber das möchte ich lieber nicht.«

»Erhabene?«

Vielleicht sollte sie es. »Du könntest mich damit in Gefahr bringen.«

»Oh.« Das schien er zu verstehen. »Ganz wie Ihr meint, Er… Gaylen.«

»Und wir sollten jetzt weitergehen«, fügte sie hinzu, bevor das Gespräch zu absurd wurde. »Meinst du, dass wir noch mehr Wachen begegnen?«

Sie behielt Lasar aufmerksam im Auge, während sie diese Frage stellte. Dass die Stadtwache und er keine Freunde waren, war ihr schon am ersten Tag klar geworden, und wahrscheinlich hatte er sie gerade von einer Menge Ärger bewahrt – vorsichtig ausgedrückt. Sie hatten den Weißen Eber auf demselben Weg verlassen, auf dem sie ihre Aufpasser schon einmal ausgetrickst hatte, und würden ihn mit etwas Glück auch ungesehen auf demselben Weg wieder betreten. Sie selbst hatte jeden Grund, sich nicht blicken zu lassen, vor allem nach dem Gespräch mit Istvan und Malu. Dennoch hatte Lasars Reaktion sie alarmiert. Er war den Männern nicht einfach nur aus Gewohnheit oder einem schon prinzipiell schlechten Gewissen ausgewichen. Pia hatte seine Furcht gespürt. Ein Schatten davon war selbst jetzt noch auf seinem Gesicht zu sehen.

»Nein.« Lasar schüttelte überzeugt den Kopf. Dann machte er ein leicht verlegenes Gesicht. »Wir hätten auch dieser Patrouille nicht begegnen dürfen. Sie müssen von ihrer normalen Route abgewichen sein.«

»Du kennst die Zeiten, zu denen sie patrouillieren?«, fragte Pia, während sie ihren Weg fortsetzten, langsam und ganz instinktiv jeden Schatten und jedes Versteck ausnutzend, das sich ihnen bot. Wahrscheinlich wäre es nicht nötig gewesen. Alles in allem, das verriet ihr unfehlbares Zeitgefühl, waren gerade einmal zwei Stunden vergangen, seit sie den Weißen Eber verlassen hatten. Dennoch lag die Stadt so dunkel und still da, als wäre Mitternacht schon längst vorbei.

»Ja«, antwortete Lasar. Eine Spur von Stolz schwang in seiner Stimme mit, und er gab sich keine Mühe, ihn zu verbergen. »Früher konnte ich jeden ihrer Schritte voraussagen, und ich kann ihnen auch heute noch eine lange Nase drehen, wann immer ich will.«

»Früher?«

»Als ich noch … bevor ich für Brack gearbeitet habe.«

»Als du noch in einer Kinderbande gewesen bist«, vermutete Pia. Lasar schwieg. »He, das muss dir nicht peinlich sein«, sagte Pia und lachte leise. »Die gibt es dort, wo ich herkomme, auch. Ich war früher sogar selbst in der einen oder anderen. Und ich war gar nicht schlecht. Es gab Zeiten, da war kein Touristenbus vor mir sicher. Vor allem nicht die Handtaschen der hübschen Senhoras

Lasar sah sie verständnislos an, aber Pia fand, dass es allmählich Zeit war, auch von ihm ein wenig Vertrauen einzufordern. Sie spürte, dass der Junge etwas vor ihr verbarg. »Und was war dein Fachgebiet?«

»Erhabe… Gaylen?«

»Wie gesagt: Meine Spezialität waren Handtaschen, Digicams, Kreditkarten und all das Zeug, das dir sowieso nichts sagt. Und du?« Sie maß ihn mit einem aufmerksamen Blick von Kopf bis Fuß. »Du siehst mir aus wie ein guter Einbrecher. Schlank, geschmeidig … ich wette, vor dir war kein Kellerfenster sicher, habe ich recht?«

»Ich habe noch nie gestohlen!«, antwortete Lasar. Er klang ehrlich empört. »Und die anderen auch nicht!«

»Und warum versteckt ihr euch dann in diesem Turm?«, fragte Pia. »Und wieso habt ihr solche Angst vor den Wachen?«

»Weil sie uns sonst töten«, antwortete Lasar.

»Wie bitte?«

»Mich vielleicht nicht«, fuhr er fort. »Ich bin schon zu alt und ich habe eine Anstellung. Aber manchmal schlagen sie erst zu und sehen dann nach, wen sie getroffen haben.«