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»Uns ein bisschen Angst machen«, vermutete Alica. »Und weißt du was? Bei mir ist es ihm schon gelungen.«

»Gibt es ein Problem?« Brack war aufgestanden und kam mit beunruhigtem Gesichtsausdruck näher. Istvan war sitzen geblieben und sah in ihre Richtung, weniger beunruhigt als Brack, aber sehr aufmerksam.

»Nein«, sagte Pia rasch. »Nur ein paar … Dinge, die wir klären müssen. Nichts, was euch betrifft.« Eine Bemerkung, mit der sie natürlich das genaue Gegenteil erreichte. Brack runzelte die Stirn, und Istvan wirkte plötzlich ganz eindeutig misstrauisch.

»Ich kann also weiter hier arbeiten«, fragte sie in verändertem, lauterem Ton. Ihre Absicht, auf ein anderes Thema zu lenken, war so durchsichtig, dass Brack einen Moment lang sichtlich überlegte, ob er überhaupt darauf antworten sollte.

»Vorerst.« Es war Istvan, der das sagte, nicht Brack. Er schob seinen Bierkrug zurück (an dem er im Gegensatz zu Alica und Brack noch nicht einmal genipppt hatte), stand auf und gesellte sich zu ihnen. »Wenn es keine weiteren Probleme gibt, natürlich.«

Pia war sich darüber im Klaren, dass die letzte Bemerkung nichts als eine weitere gezielte Provokation war, aber sie tat ihm nicht den Gefallen, darauf einzugehen, sondern nickte nur.

Istvan starrte sie weiter und beinahe noch misstrauischer an, dann wurden seine Augen schmal und er machte eine Kopfbewegung auf ihre rechte Hand. »Hast du dich verletzt?«

Pia musste erst auf ihre Hand hinabsehen, um überhaupt zu begreifen, wovon er sprach. Sie hatte irgendeinen Stofffetzen, der von Alicas und ihren vergeblichen Versuchen, sich als Schneiderinnen zu betätigen, übrig geblieben war, um ihre Finger gewickelt und es schlichtweg vergessen, was aber nicht bedeutete, dass man den improvisierten Verband übersehen konnte. Ganz im Gegenteil. Es sah ziemlich schlimm aus.

»Das ist nichts«, sagte sie und bekräftigte ihre Worte mit einer wegwerfenden Geste. Dann streifte sie den improvisierten Verband ab und hielt die Finger in die Höhe, damit er die winzigen, dünnen Schnitte auf ihren Fingerkuppen sehen konnte. Istvan begutachtete sie deutlich länger und aufmerksamer, als ihr recht war, gab sich aber dann offensichtlich mit ihrer Ausrede zufrieden und beließ es bei einem flüchtigen Schürzen der Lippen.

»Du solltest vorsichtig sein«, sagte er. »Immerhin bist du im Moment Bracks größter Schatz. Er wird es nicht gerne sehen, wenn er in Gefahr gerät.«

»Ich war nur ungeschickt«, antwortete sie, ohne auf diese neuerliche Provokation einzugehen. »Meine Mutter hatte früher ein Sprichwort, über das ich mich als Kind immer geärgert habe: Dummes Fleisch muss weg.« Sie verzog übertrieben gequält die Lippen. »Wie es aussieht, hatte sie recht damit.«

Istvan lachte nicht, sondern sah nur noch einmal auf ihre zerschnittene Fingerspitzen hinab und wandte sich schließlich mit einem Ruck zur Tür. Eisiger Wind und der Geruch nach frisch gefallenem Schnee wehten herein, als er sie öffnete, und Pia erhaschte einen kurzen Blick auf zwei frierende Gestalten in Helm und Harnisch, die auf der anderen Straßenseite standen und den Eingang beobachteten. Sie war nicht überrascht, die beiden Männer wiederzuerkennen. Es waren stets dieselben. Pia fragte sich, was die beiden armen Kerle eigentlich ausgefressen hatten, um von Istvan zu einer zweiwöchigen Dauerwache verdonnert zu werden, und vor allem, wie sie das Kunststück fertigbrachten, sie durchzuhalten. Vermutlich, dachte sie, schliefen sie abwechselnd und im Stehen.

»Es gibt noch ein paar andere Dinge, um die ich mich kümmern muss«, sagte Istvan im Hinausgehen. »Ich verlasse mich darauf, dass hier alles seine Richtigkeit hat.« Ohne ein weiteres Wort des Abschieds zog er die Tür hinter sich zu, und Pia drehte sich gerade noch rechtzeitig genug herum, um zu sehen, wie Brack der geschlossenen Tür die Zunge herausstreckte. Gegen ihren Willen musste sie lachen.

»Jetzt habe ich dich«, sagte sie. »Wenn du in Zukunft nicht tust, was ich von dir verlange, dann verrate ich dich an Istvan. Wahrscheinlich wird er dir die Zunge herausschneiden lassen.«

»Und sie höchstpersönlich von außen an die Tür nageln«, bestätigte Brack, grinste plötzlich so breit und selbstzufrieden wie ein Schuljunge und ließ sich dann ächzend in die Hocke sinken, um den blutigen Fetzen aufzuheben, den Pia einfach fallen gelassen hatte. Er betrachtete ihn einen Herzschlag lang stirnrunzelnd, warf ihr dann einen leicht vorwurfsvollen Blick zu und schlurfte zum Kamin, um ihn in die Flammen zu werfen. Vielleicht, dachte sie, war es hier doch nicht üblich, alles einfach fallen zu lassen, was man nicht mehr brauchte.

»Mich müsst ihr jetzt auch entschuldigen«, sagte er, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, langsam und mit einer so mühsamen Bewegung, dass Pia sich zum ersten Mal fragte, wie alt Brack eigentlich war. »Ich habe noch eine Menge zu tun. Morgen beginnt der Rindermarkt, und wenn ich mich nicht spute, dann sind die besten Stücke schon weg, bevor ich auch nur da bin.«

»Ja, tu das, und …«, begann Pia, brach dann mitten im Satz ab und spürte selbst, dass es ihr nicht ganz gelang, sich ihr Erschrecken nicht anmerken zu lassen. »Was hast du gerade gesagt?«

»Dass ich noch eine Menge Vorbereitungen zu treffen habe«, antwortete Brack leicht verwirrt. »Die Idee deiner Freundin mag ja einfach klingen, aber wahrscheinlich bleibt die meiste Arbeit wieder an mir hängen, und …«

»Das meine ich nicht«, unterbrach ihn Pia. »Der Markt.«

»Er öffnet morgen, bei Sonnenaufgang«, sagte Brack. »Aber die meisten Händler sind schon da oder treffen im Laufe des Tages ein. Ich kenne ein paar, mit denen ich heute Abend schon verhandeln kann.«

Morgen?, dachte Pia verwirrt. Aber Vollmond war doch erst in …

Dann wurde ihr ihr eigener Irrtum klar. Valoren hatte den Vollmond vermutlich nur erwähnt, weil er Teil der Zeitrechnung dieses Landes war. Der Rindermarkt, von dem sie gesprochen hatte, begann drei Tage vorher.

»Was beunruhigt dich so?«, fragte Brack, schon wieder in leicht misstrauischem, wenn auch sehr besorgtem Ton.

»Nichts«, sagte Pia. »Ich … war nur ein bisschen erschrocken, weil Alica vermutlich wieder jede freie Minute ausnutzen wird, um auf den Markt zu gehen und alles mögliche Grünzeug zu kaufen.«

»Weil ich was?«, fragte Alica.

Brack grinste flüchtig. Alica war tatsächlich nahezu jeden Tag mindestens einmal auf dem Markt gewesen, und es war nicht eine einzige Gelegenheit verstrichen, die sie nicht genutzt hätte, um mit einem Armvoll fremdartiger Blumen- und Gemüseblätter zurückzukommen; vorzugsweise solcher, die man trocknen und in möglichst kleine Fitzelchen zerschneiden konnte.

»Sie kann Lasar einfach sagen, was sie braucht«, antwortete er. »Der Nichtsnutz hat sowieso zu wenig zu tun.«

Lasar, der hinter der Theke stand, spießte Brack regelrecht mit Blicken auf, war aber auch klug genug, rasch den Kopf zu senken und beschäftigt zu tun, als Brack seinen Blick zu spüren schien und zu ihm hinsah.

»Was genau hast du damit gemeint?«, erkundigte sich Alica misstrauisch.

Pia antwortete nicht darauf, und Brack musste die Worte wohl trotz der Sprachbarriere zwischen ihnen verstanden haben, denn sein Grinsen wurde breiter und erlosch dann. Für einen kurzen, aber sonderbar unangenehmen Moment sah er noch einmal Pias rechte Hand an. Sie wollte es eigentlich nicht, folgte seinem Blick aber dann doch und stellte mit leichtem Erschrecken erst jetzt fest, dass sie nicht nur auf dem Bett und dem Fußboden oben, sondern auch auf dem weißen Stoff ihres Kleides eine Spur winziger braun eingetrockneter Blutströpfchen hinterlassen hatte.

»Wenn du irgendein Problem hast, Pia«, sagte Brack, wobei er ganz bewusst ihren richtigen Namen benutzte, um ein höheres Maß an Vertrauen zwischen ihnen zu schaffen, »dann würdest du es mir doch sagen, oder?«