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Die beiden Kerle, die hinter ihnen gestanden hatten, waren zuverlässig ausgeknockt und rührten sich nicht mehr – jedenfalls nicht sehr –, aber die drei anderen wirkten dafür umso wütender. Der Anführer war schon wieder aufgesprungen, ohne dass der Hund seinen Arm losgelassen hätte. Das Tier musste gut und gerne dreißig Kilo wiegen, was der Bursche aber nicht einmal zu spüren schien. Er riss den wütend knurrenden Hund einfach mit sich in die Höhe und bewegte den Arm dann ruckartig zur Seite, wodurch das Tier gegen die Wand neben ihm geschmettert wurde. Was bislang geiferndes Knurren gewesen war, wurde ein kurzes, schrilles Jaulen, dann ließen seine Kiefer endlich das Handgelenk des Burschen los und er fiel reglos zu Boden. Aus dem zerfetzten Handgelenk des Bärtigen spritzte hellrotes Blut wie aus einem durchtrennten Hochdruckschlauch, und Pia merkte, wie seine Wut mit jedem Tropfen Blut, den er verlor, nur noch weiter stieg. Sein unverletzter Arm glitt unter den Mantel und kam mit einem schartigen Schwert wieder zum Vorschein, und mehr musste sie nicht sehen.

»Erinnere mich daran, dass ich nie wieder ohne die Pistole aus dem Haus gehe!«, keuchte sie, schlug einen weiteren Haken und zerrte Alica noch schneller hinter sich her.

Nur ein paar Schritte vor ihnen flog eine Tür auf.

»Erhabene! Hierher!«

Pia reagierte ganz instinktiv, fuhr mitten in der Bewegung herum und zog gerade noch rechtzeitig genug den Kopf ein, um nicht gegen den niedrigen Türsturz zu knallen.

Ein ebenso niedriger, nur unzureichend erleuchteter Gang nahm sie auf, und Pia hatte einen flüchtigen Eindruck von einem breitflächigen Gesicht und heftig wedelnden Armen, dann wurde die Tür mit einem Knall hinter ihnen zugeworfen, und es wurde so dunkel, dass sie im ersten Moment beinahe gar nichts mehr sahen. »Auf den Hof, Erhabene!«, stieß eine gehetzt klingende Stimme hervor. »Hinter dem Brunnen ist ein Tunnel!«

Sie stürmten durch den Gang und eine weitere Tür wieder ins helle Sonnenlicht hinaus. Pia warf die Tür mit einem Knall hinter sich ins Schloss, der nahtlos in ein weitaus lauteres Bersten überging, mit dem die Tür am anderen Ende des Flures auseinanderflog. Pia glaubte einen gedämpften Schrei zu hören und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass es nicht ihr geheimnisvoller Retter war, der seine Hilfsbereitschaft mit dem Leben bezahlte, aber ihnen blieb keine Zeit, sich davon zu überzeugen. Sie hatten allerhöchstens ein paar Sekunden, um den Keller zu erreichen … wenn es ihn denn gab.

Sie verschwendete eine dieser kostbaren Sekunden, um sich zu orientieren, ohne dass sie sich hinterher sonderlich schlauer fühlte. Der Hof war winzig – kaum fünf Schritt im Quadrat und mit Brennholz, ausrangierten Möbeln, Kisten und Fässern und allem möglichen Krempel nur so vollgestopft –, aber von einem Brunnen konnte sie gar nichts entdecken. Es war Alica, die einfach weiterrannte und auf ein vollkommen ungesichertes Loch im hart gefrorenen Boden zusprintete, über dem ein hölzerner Eimer an einem wackeligen Dreibein hing. Daneben lag eine rostige Axt mit einem kurzen Stiel, und dahinter befand sich eine rechteckige Platte mit schweren rostigen Scharnieren, die vermutlich nicht nur so aussah, als müsste sie mindestens eine halbe Tonne wiegen.

Alica flankte mit einem wagemutigen Satz über den ungesicherten Brunnenschacht hinweg, fiel neben der Klappe auf die Knie und bestätigte Pias Vermutung, indem sie vergebens daran zerrte, ohne sie auch nur einen Zentimeter in die Höhe zu bekommen.

Pia vergeudete eine weitere unendlich kostbare halbe Sekunde, indem sie ihr zu helfen versuchte, aber die Klappe rührte sich nicht. Wahrscheinlich waren die Scharniere schlichtweg festgefroren.

Pias Gedanken rasten. Aus dem Haus drang ein keuchender Schrei, gefolgt von den unverkennbaren Geräuschen eines Kampfes, über dessen Ausgang es nicht den geringsten Zweifel gab. Ihnen blieben allerhöchstens noch Sekunden, bevor ihre Verfolger hier waren. Selbst wenn es ihnen gelang, die Klappe zu öffnen, hatten sie keine Chance, unerkannt in dem darunterliegenden Keller zu verschwinden.

Pia reagierte, ohne nachzudenken (was ihnen vermutlich das Leben rettete), ließ die hölzerne Klappe los und griff stattdessen mit der linken Hand nach dem Seil, das über dem improvisierten Brunnen hing, umschlang mit dem anderen Alicas Hüfte und ließ sich einfach nach hinten fallen.

»Bist du wahnsinnig geworden?!«, kreischte Alica. »Was zum…«

Der Rest ihrer Worte wurde zu einem unartikulierten Kreischen, als sie nebeneinander in den Brunnenschacht stürzten. Pia versuchte das raue Seil mit aller Gewalt zu packen, um ihren Sturz auf diese Weise zu verlangsamen oder womöglich ganz aufzufangen, was sich als keine besonders gute Idee erwies; der grobe Strick schnitt wie ein rot glühendes Reibeisen in ihre Handfläche und ließ sie vor Schmerz aufstöhnen. Aber selbst wenn es ihr gelungen wäre, ihren Sturz auf diese Art aufzufangen, hätte ihr der Ruck vermutlich den Arm ausgekugelt oder Schlimmeres verursacht; immerhin trug sie zusätzlich noch Alicas gesamtes Gewicht im anderen Arm.

Gottlob fielen sie kaum zwei Meter tief.

Der keuchende Schmerzlaut, mit dem Alica den Bruchteil einer Sekunde vor ihr aufschlug, ging in dem berstenden Laut unter, mit dem die Hoftür aufgestoßen oder gleich in Stücke geschlagen wurde, dann hatte auch Pia das Gefühl, von einem Dampfhammer unter beiden Füßen gleichzeitig getroffen zu werden, und das mit einer solchen Wucht, dass sie glaubte, ihre Hüftgelenke würden im nächsten Moment durch ihre Achselhöhlen schießen.

Nebeneinander sanken sie zu Boden. Alica wimmerte leise, und auch Pia konnte einen Schmerzlaut nicht mehr ganz unterdrücken. Alles drehte sich um sie, und sie drohte das Bewusstsein zu verlieren. Vielleicht gewann sie den Kampf gegen Ohnmacht und Schmerz nur, weil sie spürte, dass ihre Chancen nicht schlecht standen, nie wieder aufzuwachen.

Pia zwang sich mit einer gewaltigen Willensanstrengung, die Augen wieder zu öffnen, und fand sich in einem engen, halbdunklen, runden Schacht wieder. Der Brunnen war nicht ausgetrocknet, wie sie instinktiv angenommen hatte, sondern komplett eingefroren; der stahlharte Widerstand, der ihrem Sprung auf so brutale Art ein vorzeitiges Ende bereitet hatte, war ein massiver Pfropfen aus Eis, der den Brunnenschacht zur Gänze ausfüllte.

»Na, das war ja wieder mal eine echte Glanzleistung«, stöhnte Alica neben ihr. Ihre Stimme bebte vor Schmerz und hörte sich an wie die eines Menschen, der sich mit letzter Kraft ans Bewusstsein klammerte und mehr als nur Gefahr lief, diesen Kampf zu verlieren.

Pia wollte antworten, brachte aber nur ein schmerzerfülltes Grunzen zustande, und zu Schwindelgefühl und Schmerz gesellte sich auch noch eine heftige Übelkeit. Saurer Speichel füllte ihren Mund, und für zwei oder drei Sekunden musste sie all ihre Willenskraft aufbieten, um sich nicht zu übergeben.

»Und was … jetzt?«, brachte Alica mühsam hervor. »Wir …«

»Still!«, zischte Pia. Sie hatte nicht wirklich damit gerechnet, aber das Wunder geschah: Alica schwieg.

Doch es wurde nicht still. Über ihnen polterten Schritte, und aufgeregte Stimmen redeten und schnatterten wild durcheinander. Ein Schatten legte sich über den Brunnenschacht und verschwand wieder, und sie glaubte Hernandez fluchen zu hören, war aber nicht ganz sicher, weil das Rauschen ihres eigenen Blutes in den Ohren nahezu jeden anderen Laut übertönte.

Pia drängte Panik und Schmerzen und Übelkeit zurück und drehte den Kopf, um sich umzusehen.

Nicht dass es etwas zu sehen gegeben hätte. Der Schacht war so eng, dass Alica und sie fest gegeneinander gepresst wurden, und seine mit einem schimmernden Eispanzer überzogenen Wände hätten ihren Händen nicht einmal dann Halt geboten, wenn sie Platz genug gehabt hätte, um sich zu bewegen … was sie nicht hatte. Es gab auch keinen verborgenen Tunnel oder Seitengang, wie sie in Spielfilmen oder Romanen regelmäßig auftauchten, wenn die Helden sich in einer anscheinend auswegslosen Situation befanden. Was Gemeinheiten anging, war die Wirklichkeit allen Drehbuchautoren der Welt offensichtlich überlegen.