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Die Tür fiel ins Schloss, und Alica kam zurück. Ihrer Miene nach zu urteilen, hatte sie dasselbe Erfolgserlebnis mit den sanitären Anlagen gehabt, und sie funkelte Pia so wütend an, als wäre das alles hier ganz allein ihre Schuld. Von ihrem Standpunkt aus betrachtet, dachte Pia, war das ja gar nicht einmal so falsch.

»Und?«, fragte sie. »Erfolg gehabt?«

»Danke der Nachfrage«, maulte Alica. »Ich hatte eine reizende Unterhaltung mit Brack. Netter Kerl. Nur ein bisschen geschwätzig für meinen Geschmack.«

Pia warf einen weiteren, raschen Blick aus dem Fenster. Die Gestalt im Fellumhang war verschwunden. Aber die Erleichterung wollte sich nicht einstellen.

»Du verstehst ihn wirklich nicht«, sagte sie an Alica gewandt. Sie hoffte, dass die junge Frau ihr ihre Furcht nicht allzu deutlich ansah.

»Kein Wort.« Alica trat neben sie ans Fenster, warf einen Blick auf die Straße hinab und drehte sich dann so schnell weg, als hätte sie etwas durch und durch Entsetzliches gesehen. »Kannst du mir sagen, was für eine Sprache der Kerl eigentlich spricht?«

Pias Blick suchte noch einmal und noch aufmerksamer die Straße ab, bevor sie antwortete. »Das ist das Problem«, sagte sie. »Er spricht keine fremde Sprache.«

»Was soll das heißen?«

»Genau das, was es heißt«, antwortete Pia ernst. »Ich verstehe ihn. Jedes Wort.«

»Ja, weil du seine Sprache beherrschst und ich …« Alica brach mitten im Satz ab und sah plötzlich ein bisschen erschrocken aus. »... nicht?«, murmelte sie.

»Er spricht keine fremde Sprache«, bestätigte Pia. »Du verstehst ihn nur nicht. Und er dich nicht.«

»Das ist doch lächerlich«, sagte Alica. »Und außerdem völlig unmöglich.«

»So wie das da?« Pia deutete auf das Fenster, aber Alica weigerte sich beharrlich, auch nur in die ungefähre Richtung zu sehen.

»Weißt du, was?«, fragte sie. »Das interessiert mich nicht. Dieser ganze verrückte Kram hier interessiert mich nicht. Ich will zurück, und das sofort!«

Pia musste an die unheimliche Gestalt unten auf der Straße denken und pflichtete ihr in Gedanken bei. »Sagst du mir auch, wie?«, fragte sie.

»Auf demselben Weg, auf dem wir gekommen sind«, antwortete Alica. Sie machte eine wedelnde Geste zur Zimmerdecke hinauf. »Das hätten wir schon gestern Abend machen sollen. Und jetzt erzähl mir bitte nicht, dass dort irgendwelche Verrückten mit Bärten und langen Messern auf uns warten, das weiß ich nämlich selbst. Aber sie sind mir allemal lieber als das hier.«

»Ihre langen Messer auch?«

»Du hast immer noch die Pistole, oder?«, schnappte Alica. »Wenn du dich nicht traust zu schießen, dann gib sie mir. Ich habe da weniger Hemmungen.«

Sie sprach es nicht aus, aber Pia überhörte keineswegs das, was sie eigentlich damit sagen wollte: Sie wären gar nicht hier, wenn sie die Waffe benutzt und sich die Kerle damit vom Leib gehalten hätte.

Und auch damit hatte sie recht.

»Versuchen wir es«, sagte Pia.

Sie verließen das Zimmer, eilten die Treppe hinauf und blieben nebeneinander und wie vom Donner gerührt stehen, als sie den Heuboden betraten.

Alles war so wie in der vergangenen Nacht. Durch die Ritzen der zusammengebundenen Strohballen drang genug Licht herein, um Einzelheiten zu erkennen. Das Heu war da, das ihren Sturz aufgefangen hatte, die gewaltigen Dachbalken und das Stroh darüber … nur das Loch, durch das sie hereingefallen waren, gab es nicht mehr. Das Dach war vollkommen unbeschädigt.

»Eins muss man diesem Brack lassen«, murmelte Alica mit belegter Stimme. »Er ist schnell.«

Pia antwortete nicht einmal darauf. Sie wussten beide, dass Brack das Dach nicht repariert hatte. Die Strohballen waren uralt und schmutzig. Staubverklebte Spinnweben bildeten einen grauen Baldachin über ihren Köpfen. Nirgendwo war eine Beschädigung zu sehen oder eine kürzlich geflickte Stelle. In diesem Dach hatte es niemals ein Loch gegeben.

»Das ist vollkommen unmöglich«, sagte Alica.

»Ich weiß«, sagte Pia.

»Und wenn es unmöglich ist, muss es folglich eine andere Erklärung geben«, fuhr Alica ungerührt fort. »Sie haben uns erwischt. Der Killer hat uns beide erledigt, und wir sind tot, und das hier ist die Hölle.«

Der Gedanke, die komplette Ewigkeit zusammen mit Alica verbringen zu sollen, kam Pias Vorstellung von der Hölle schon ziemlich nahe, aber nachdem sie einen Augenblick darüber nachgedacht hatte, schüttelte sie dennoch den Kopf.

»Dann habe ich mir den Schädel eingeschlagen, und ich liege im Krankenhaus oder in der Gosse und fantasiere mir das alles hier nur zusammen«, sagte Alica.

»Wenn das hier nur eine Halluzination ist, wieso erleben wir sie dann beide?«, fragte Pia.

»Tun wir ja gar nicht«, antwortete Alica ernsthaft. »Das hier ist meine Halluzination, und du gehörst dazu.«

»Oder du zu meiner.«

Alica sah sie ein bisschen betroffen an und machte ein noch nachdenklicheres Gesicht. »Dann gibt es nur noch eine Erklärung«, sagte sie. »Du bist eine Hexe. Du hast uns hergezaubert. Also zaubere uns gefälligst wieder zurück.«

Hinter ihnen polterten schwere Schritte die Treppe herauf. Es war Brack, der schnaubend erst einmal innehielt und gegen den Türrahmen gelehnt nach Atem rang. »Da … seid ihr … ja«, stieß er kurzatmig hervor. »Ich habe euch überall gesucht. Was wollt ihr hier oben?«

Er legte den Kopf in den Nacken und nickte dann. »Ah ja, ich verstehe. Ihr seid ja vom Himmel gefallen, und jetzt sucht ihr einen Weg zurück.«

»So ungefähr«, antwortete Pia verdutzt.

»Aber lasst euch bloß nicht einfallen, mir etwa ein Loch ins Dach zu machen«, fuhr Brack todernst fort. In seinen Augen funkelte es jedoch amüsiert. »Und jetzt kommt nach unten. Ich habe das Frühstück vorbereitet.«

»Was hat er gesagt?«, fragte Alica.

»Nichts«, antwortete Pia. »Lass uns runtergehen. Es sei denn, du willst noch ein bisschen hier rumstehen und das Dach anstarren.«

Sie folgten Brack die beiden Treppen hinunter in den Schankraum, in dem es genauso verlockend roch wie vergangene Nacht. Auf einem Tisch wartete ein Korb mit frischem Brot und Obst, und in einer hölzernen Schale befand sich frische Milch. Pia lief beim bloßen Anblick schon wieder das Wasser im Mund zusammen, und auch Alica sah zum ersten Mal an diesem Morgen nicht mehr ganz so schlecht gelaunt aus.

Sie waren nicht die einzigen Gäste. An einem Tisch ganz am anderen Ende des Raumes saßen zwei Männer, beide hochgewachsen und dunkelhaarig und beide mit zerknitterten Kleidern und ebenso zerknitterten Gesichtern. Anscheinend war Alica nicht die Einzige, die gestern Abend versucht hatte, Bracks Biervorräten den Krieg zu erklären.

Sie sahen zwar müde aus, doch als Pia hereinkam, schraken sie regelrecht zusammen und starrten sie aus aufgerissenen Augen an. Einer von ihnen wollte etwas sagen, aber Brack kam ihm zuvor.

»Was immer dir auf der Zunge liegt, Teroc, lass es dort liegen«, schnappte er. »Es sei denn, du willst mir erklären, dass du deine Zeche endlich zahlst, die schon seit etlichen Tagen überfällig ist.«

Der mit Teroc Angesprochene klappte den Mund wieder zu, und er und sein Tischnachbar beugten sich hastig tiefer über ihr Frühstück, das im Übrigen weitaus einfacher zu sein schien als das, das Brack für sie vorbereitet hatte.

»Beachtet die beiden Dummköpfe gar nicht«, fuhr Brack an Alica und Pia gewandt fort. »Setzt euch und esst. Und dann besprechen wir, was mit euch zu geschehen hat.«

Pia musste an die Gestalt draußen auf der Straße denken.

»Was hat er gesagt?«, fragte Alica.

»Nichts«, antwortete Pia.

»Was sagt deine Freundin?«, wollte Brack wissen.