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»Ist alles in Ordnung?«, fragte er.

Pia sah nun doch über die Schulter und zum Nachbartisch zurück. Teroc schien etwas ungemein Interessantes auf seinem Frühstücksteller entdeckt zu haben, Brasil hingegen funkelte sie fast hasserfüllt an und massierte seine gezerrte Hand, sagte aber immerhin nichts.

»Alles in Ordnung«, erwiderte sie.

»Na, dann ist es ja gut.« Brack ließ sich schwer auf den Hocker fallen, warf die beiden Mäntel einfach zu Boden und reichte ihr beide Paar Stiefel. »Hier. Die Größeren sollten dir passen.«

»Wie angegossen«, bestätigte Pia, nachdem sie den linken Stiefel anprobiert hatte. Er passte nicht nur, als wäre er von einem Schuhmachermeister eigens für sie angefertigt worden, sondern fühlte sich auch wunderbar weich und bequem an. Ohne es ausprobieren zu müssen, wusste sie, dass man in diesen Stiefeln sehr lange und sehr gut laufen konnte.

»Das will ich meinen«, sagte Brack. Er klang stolz. »Sie haben einem Waldläufer aus dem Süden gehört. Die Burschen haben das beste Schuhwerk. Man sagt, sie wären verzaubert und würden sich ihren Träger selbst aussuchen. Wenn sie sich einmal für jemanden entschieden haben, dann passen sie auch.«

»Und dieser Waldläufer …?«

Brack lachte leise. »Der hatte eine Auseinandersetzung mit einem betrunkenen Hauptmann von der Stadtwache«, sagte er. »Sie sind schnell mit dem Messer bei der Hand.«

»Die Stadtwache?«

»Die Waldläufer«, antwortete Brack feixend. »Leider war der Hauptmann nicht allein.«

»Und jetzt braucht er keine Stiefel mehr«, vermutete Pia.

»Ich fürchte, er braucht jetzt gar nichts mehr«, bestätigte Brack. »Aber ich bin damals auf der Rechnung sitzen geblieben, und da habe ich eben seine Schuhe behalten. Ich hätte auch gerne das Messer behalten, aber das steckte im Hauptmann, und der wollte es sich nicht von mir herausziehen lassen.«

»Diese Schuhe müssen sehr wertvoll sein«, sagte Pia. »Ich kann sie nicht bezahlen.«

»Das ist auch nicht nötig«, antwortete Brack. »Wenn du allerdings darauf bestehst … Ich möchte ja schließlich nicht, dass dir dein schlechtes Gewissen zu schaffen macht. Dieses Zauberding, das deiner Freundin gehört. Du hast völlig recht. Diese Stiefel sind wirklich sehr wertvoll.«

Pia seufzte, setzte dazu an, den Stiefel wieder auszuziehen, und Brack winkte hastig ab. »Lass gut sein, Mädchen. Ich schenke sie dir.« Er grinste schief. »Einen Versuch war es wert.«

Pia schlüpfte auch in den zweiten Stiefel und genoss für einen Moment einfach nur das Gefühl, wieder Schuhe an den Füßen zu haben, noch dazu solche. Sie waren nicht nur unglaublich bequem, sondern auch sehr warm, als wären sie mit Fell gefüttert. Magische Schuhe? Warum nicht?

Alica kam zurück, und Pia erlebte eine Überraschung. Sie hatte gesagt, dass sie sich waschen wollte, und das hatte sie ganz offensichtlich auch getan, aber dabei war es nicht geblieben. Sie hatte sich auch geschminkt.

»Wie hast du das gemacht?«, fragte sie erstaunt.

»Eine Dame geht nicht ohne ihr Notfallköfferchen aus dem Haus«, antwortete Alica grob, griff in die Hosentasche und zog ein flaches schwarzes Etui hervor. Pia versuchte erst gar nicht zu verstehen, wo sie das Ding versteckt gehabt hatte.

»Was ist mit deiner Freundin?«, fragte Brack. Er klang ein bisschen erschrocken. »Wieso malt sie sich das Gesicht an?«

»Was hat er gesagt?«, fragte Alica.

»Dass er es sehr hübsch findet«, antwortete Pia.

»Das habe ich eigentlich nicht gesagt«, sagte Brack.

»Ganz besonders hübsch sogar«, sagte Pia. »Hier. Probier die Schuhe an.« Sie reichte Alica das zweite Paar Stiefel. Es sah nicht annähernd so bequem aus wie das ihre und schien auch nicht wirklich zu passen, denn Alica zog eine Grimasse und linste fast neidisch auf Pias Füße hinunter.

»Tja, wer zu spät kommt …«, sagte Pia. »Dafür hast du die erste Wahl bei der Garderobe.« Sie machte eine Geste auf die beiden Mäntel auf dem Fußboden.

»Ja, vielen Dank auch«, nörgelte Alica, hob dann die beiden Kleidungsstücke nacheinander auf und begutachtete sie. Einen großen Unterschied gab es nicht. Es handelte sich eher um schlichte Umhänge mit einer angesetzten Kapuze, beide aus sehr schwerem, warmem Stoff, und beide hatten ihre besten Tage offensichtlich schon länger hinter sich.

»Und du willst wirklich raus?«, fragte Alica. »Wohin denn?«

»Vertrau mir einfach«, sagte Pia noch einmal. »Ich weiß, was ich tue.« Aber wusste sie es wirklich?

»Wenn ihr dann so weit seid.« Brack stand auf und zauberte von irgendwoher einen dritten Umhang herbei, den er sich um die Schultern warf.

»Willst du uns loswerden?«, fragte Pia mit gutmütigem Spott.

»Nein«, antwortete Brack. »Aber es ist ein strammer Tagesmarsch bis zum nächsten Ort, gleich in welche Richtung. Wenn ihr vor Dunkelwerden dort sein wollt, dann solltet ihr nicht noch mehr Zeit verlieren.«

»Und das?« Pia deutete auf seinen Mantel.

»Ich begleite euch bis zum Tor«, antwortete Brack. »Ich kenne die Wache. Sie lassen euch durch, ohne zu viele Fragen zu stellen, wenn ich bei euch bin. Außerdem wollt ihr euch doch nicht schon auf dem Weg zum Stadttor verlaufen, oder? WeißWald ist groß.«

Er machte nicht den Eindruck, über diesen Entschluss diskutieren zu wollen, und im Grunde war es Pia nur recht, nicht ganz allein durch eine Stadt laufen zu müssen, die ihr vollkommen fremd und voller Menschen war, deren Sitten und Gebräuche sie nicht kannte, und deren Sprache sie nicht einmal beide beherrschten. Außerdem war da noch die Gestalt, die sie gesehen hatte.

Teroc schien regelrecht in seinen Teller hineinzukriechen, als sie am Tisch vorbeigingen, aber Brasil beging den Fehler, ihr einen wütenden Blick zuzuwerfen. Brack versetzte ihm eine Kopfnuss, die ihn beinahe vom Hocker geworfen hätte.

IX

Kälte sprang sie an wie ein unsichtbares Raubtier, das die ganze Nacht über geduldig auf sie gewartet hatte, als sie das Haus verließen. Pias Atem schien nicht zu Dunst zu werden, sondern in winzige Eissplitter zu zerfallen, und die Luft war so kalt, dass sie sich wie vereistes Glas anfühlte, das gegen ihr Gesicht gepresst wurde. Hastig zog sie den Mantel enger um die Schultern und registrierte, dass Alica dasselbe tat. Einzig Brack schien die Kälte nichts auszumachen. Er machte sich nicht einmal die Mühe, seinen Mantel zu schließen.

Pia blieb etliche Sekunden lang stehen und sah sich aufmerksam um. Von der Gestalt, die das Haus beobachtet hatte, war nichts zu sehen (was rein gar nichts bedeutete, wie sie sich schmerzlich eingestand), und von hier unten aus betrachtet und ohne das störende Papier bot die Straße einen weit fantastischeren Anblick als vorhin vom Fenster ihres Zimmers aus. Sie sah hundertmal mehr Details, und kein einziges davon gefiel ihr.

Obwohl … eigentlich stimmte das nicht. So bizarr und unpassend es ihr auch selbst in diesem Moment noch vorkommen mochte, alles erschien ihr zugleich auf eine fast unheimliche Weise vertraut; ein Gefühl, als wäre sie in eine Heimat zurückgekehrt, die sie nie gekannt hatte.

»Wollen wir hier rumstehen, bis wir festgefroren sind?«, fragte Alica.

Pia blinzelte irritiert. Alicas Gesicht war bereits vor Kälte gerötet, und sie zitterte im eisigen Wind. »Wie?«

»Du stehst seit fünf Minuten da und starrst Löcher in die Luft«, behauptete Alica.

»Fünf Minuten?«

»Zehn. Sag ich doch. Mindestens.« Alica machte eine ebenso ungeduldige wie auffordernde Geste. »Können wir?«

Statt zu antworten, warf Pia Brack ein entsprechendes Nicken zu, und der dicke Wirt setzte sich gehorsam in Bewegung. Alica und sie folgten ihm nicht nur, sondern schlugen auch instinktiv die Kapuzen ihrer Umhänge hoch und senkten die Köpfe, um dem eisigen Wind zu entgehen, der ihnen wie mit unsichtbaren Messerklingen die Haut von den Gesichtern zu schneiden versuchte. Sie bewegten sich schnell durch die schlammigen Straßen, weit schneller als die meisten hier, die eher zu flanieren schienen, und sogar schneller als Brack, der immer wieder zurückfiel und einen kurzen Zwischenspurt einlegen musste, um zu ihnen aufzuholen; was er regelmäßig mit missbilligenden Blicken quittierte. Pia beschleunigte ihre Schritte dennoch fast instinktiv immer mehr. Sie wollte aus dieser verdammten Kälte raus. Und sie mussten aus dieser Stadt verschwinden, bevor ihr Verfolger sie einholte. Auf dem letzten Stück fegten sie regelrecht durch die schmalen Straßen, was ihnen den einen oder anderen verwunderten Blick einbrachte.