»Verrätst du mir jetzt vielleicht, wohin wir eigentlich gehen?«, sagte Alica. »Und warum wir überhaupt gehen?«
»Ich dachte, du willst nach Hause?«, fragte Pia.
»Aber doch nicht zu Fuß!«, jammerte Alica.
»Und du weißt nicht genau, wie ihr dorthin kommt«, vermutete Brack.
Pia hob die Schultern. Die Vorstellung, allein und noch dazu bei diesen Temperaturen loszumarschieren – und tatsächlich ohne die geringste Ahnung, wohin überhaupt –, jagte ihr zwar einen kalten Schauer nach dem anderen über den Rücken, aber welche Wahl hatten sie schon? In der Stadt konnten sie nicht bleiben. Nicht, solange dieser Bursche hinter ihnen her war. Vielleicht hätte sie ihn doch erschießen sollen. Sie hob unglücklich die Schultern.
»Dann überlass es einfach deinen Schuhen«, sagte Brack lächelnd. »Die wissen den Weg schon.«
»Ja, sehr komisch«, murmelte Pia, vorsichtshalber aber so leise, dass nicht einmal Brack die Worte verstand. Er sah sie noch einen Herzschlag lang an, als sei er nicht nur ganz sicher, dass sie noch etwas sagen wollte, sondern auch was, hob dann aber nur die Schultern und ging ohne ein weiteres Wort. Pia sah ihm nach, bis er in den Schatten des Torbogens verschwand, doch sie sah auch die zweite, hochgewachsene Gestalt, die sich ihm aus der Stadt heraus näherte, und schrak so heftig zusammen, dass es Alica nicht entging.
»Was hast du?«, fragte sie alarmiert.
Pia hob hastig die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen, und sah der Gestalt mit klopfendem Herzen entgegen. Sie kam rasch näher, blieb dann jedoch stehen und begann mit dem Posten zu sprechen, und Pia erkannte ihren Irrtum. Es war nicht ihr hartnäckiger Verfolger. Erleichtert wandte sie sich zu Alica um und blickte in ein sehr, wirklich sehr zorniges Gesicht.
»Meinst du nicht, dass du mir allmählich verraten könntest, was zum Teufel hier eigentlich los ist?«, fauchte sie.
Ja, wahrscheinlich hatte sie recht. »Sie sind hier«, sagte Pia.
Alica riss die Augen auf. »Wer? Die Peraltas?«
»Die Männer, die hinter uns her waren«, antwortete Pia. »Ich habe einen von ihnen gesehen, heute Morgen, vor Bracks Haus.«
»Bist du sicher?«, fragte Alica. »Vielleicht hast du dich ja geirrt. Diese Kerle hier sehen doch alle total schräg aus.«
»Nicht so schräg«, erwiderte Pia. »Ich habe ihn erkannt. Und er mich.«
»Er … dich?«, wiederholte Alica stockend. »Du meinst, er … sie wissen, dass wir hier sind?«
»Der eine, den ich vorhin gesehen habe, ganz bestimmt«, antwortete Pia. »Oder glaubst du wirklich, dass er ganz zufällig vor dem Haus gestanden und noch zufälliger genau zu unserem Fenster hochgesehen hat?«
»Aber das ist vollkommen unmöglich«, beharrte Alica stur.
»Ich weiß«, antwortete Pia. »Genauso unmöglich wie das alles hier, nicht wahr? Aber wir sind nun einmal hier.«
»Ja, und wir haben nicht die leiseste Ahnung, wie wir zurückkommen sollen«, fügte Alica finster hinzu. »Verdammt, Pia, du hast uns hierhergebracht, also bring uns gefälligst auch wieder zurück! Mach irgendwas! Mach noch mal dieses Schattending, was immer es auch war, oder sonst was, aber tu irgendetwas!«
Das klang ebenso kindisch wie absurd, aber vielleicht hatte Alica ja den Nagel auf den Kopf getroffen, ohne es zu wissen. Irgendetwas hatte sie getan, um in diese sonderbare Welt zu gelangen, zweimal sogar, und vielleicht konnte sie es ja auch noch ein drittes Mal.
Was verlor sie schon, wenn sie es versuchte?
Pia schloss die Augen, konzentrierte sich und versuchte, das Bild der Favelas vor ihrem inneren Auge heraufzubeschwören, die typischen schmalen Straßen und Gässchen, die einfachen Häuser und einfach gekleideten Bewohner, die typischen Geräusche und Gerüche, die tausend unterschiedlichen Sinneseindrücke und Einzelheiten, die zu der Welt gehörten, in der sie geboren und aufgewachsen war. Sie verwandte ihre ganze Kraft auf diese Erinnerung, und nach einer Weile glaubte sie tatsächlich etwas … Vertrautes zu spüren. Sie konzentrierte sich noch mehr, lauschte in sich hinein und in die Welt hinaus, und sie glaubte sogar das Sonnenlicht auf dem Gesicht zu fühlen, die erstickende Hitze, die schon am Morgen über den Favelas lag und bis zum Mittag unerträglich werden würde, und den typischen Geruch zu spüren. Sie schaffte es. Sie schaffte es. Und öffnete die Augen.
»Ja. Ganz toll«, sagte Alica. Hinter ihr erstreckte sich eine öde, gerodete Ebene, die nach etwas mehr als einem Kilometer in einen halb erfrorenen Wald aus verkrüppelten Bäumen überging.
»Ich habe es versucht«, sagte Pia niedergeschlagen. Seltsam – sie hatten sich nicht von der Stelle gerührt, aber das Gefühl des Vertrauten war immer noch da.
»Tja, scheint nicht geklappt zu haben«, sagte Alica leichthin. »Und was jetzt? Du willst nicht im Ernst einfach losmarschieren? Wir wissen ja nicht einmal, wo wir sind! Lass uns in die Stadt zurückgehen! Ich weiß, dieser Kerl ist noch da, aber vielleicht finden wir jemanden, der uns hilft. Und du hast immer noch deine Pistole!«
Pia dachte einen Moment lang ernsthaft über diesen Vorschlag nach, doch dann schüttelte sie nur umso entschiedener den Kopf. »Es ist viel zu gefährlich«, sagte sie. »Die Kerle kennen sich hier aus, wir nicht. Und niemand wird uns helfen. Ich traue diesem Brack nicht.«
»Aber hier draußen ist es sicherer, wie?«
Pia entschied, das sinnlose Gespräch zu beenden, hob nur die Schultern und marschierte einfach los. Hinter ihr gab Alica einen empörten Laut von sich, doch nach ein paar Sekunden schloss sie zu ihr auf und marschierte in beleidigtem Schweigen neben ihr her.
Mit jedem Schritt, den sie sich von der Stadt entfernten, schien es kälter zu werden. Der Wind heulte wie eine Bande losgelassener Dämonen, und der Boden unter ihren Füßen war so steinhart gefroren, dass das Gehen mit jedem Schritt ein bisschen mühsamer zu werden schien; zumindest für Alica, die bald mehr neben ihr herstolperte, als dass sie ging. Pia hingegen kam überraschend gut voran. Die Stiefel, die sie trug, mochten ja nicht wirklich verzaubert sein (was für ein Unsinn), aber sie waren ungemein bequem.
Dennoch war auch sie vollkommen außer Atem, als sie die ersten Bäume erreichten. Pia ging noch ein paar Schritte weiter, bis sie im Sichtschutz der Bäume waren, dann lehnte sie sich erschöpft gegen einen vereisten Stamm und schloss für einen Moment die Augen. Das einzige Geräusch, das sie hörte, waren Alicas keuchende Atemzüge, und zwischen den Baumstämmen schien es kälter zu sein als draußen auf der Ebene. Aber wenigstens waren sie aus dem Wind heraus.
Nach einer Weile zwang sie sich, die Augen zu öffnen und zur Stadt zurückzusehen. Ihr Mut sank. Sie hatten kaum einen Kilometer zurückgelegt – bergab! –, und Pia war jetzt schon vollkommen erschöpft und halb erfroren. Wie sich Alica fühlte, das wagte sie erst gar nicht zu fragen.
Als hätte sie ihre Gedanken gelesen, sagte Alica in weinerlichem Ton: »Und du bist wirklich sicher, dass das eine gute Idee war?«
Nein, ganz und gar nicht. Pia antwortete nicht, sondern ging die wenigen Schritte zum Waldrand zurück und wurde mit dem Anblick einer hochgewachsenen, in einen dunklen Kapuzenmantel gehüllten Gestalt belohnt, die ganz genau in diesem Augenblick aus dem Tor trat. So viel zu ihrer Idee, den Kerl abschütteln zu können, indem sie die Stadt verließen.
»O verdammt«, murmelte Alica neben ihr. Pia hatte nicht einmal gemerkt, dass sie ihr gefolgt war. »Du hast recht. Das ist der Kerl!«
Und nicht nur das, dachte Pia. Es war nicht nur der Kerl, er wusste auch ganz genau, wo sie waren. Sie befand sich viel zu weit entfernt, um mehr als Schatten unter seiner Kapuze zu erkennen, aber sie spürte seinen Blick wie die Berührung einer unangenehm warmen, trockenen Hand. Da war etwas Gieriges. Die absolute Entschlossenheit, sie einzuholen.