»Los!«, sagte sie. »Weiter!«
Kälte und Müdigkeit waren vergessen. Pia fuhr herum und stürmte los, so schnell es zwischen den dicht stehenden Bäumen überhaupt möglich war, und etwas sehr Seltsames geschah: Auf den ersten Schritten kostete es sie fast all ihre Kraft, auch nur einen Fuß vor den anderen zu setzen. Alles in ihr sträubte sich dagegen, tiefer in diesen finsteren Wald hineinzugehen, auch wenn sie noch so sicher war, dass auf der anderen Seite der Tod auf sie wartete.
Irgendwie gelang es ihr, diesen irrationalen Gedanken abzuschütteln und sich wieder ganz darauf zu konzentrieren, einen Weg zwischen den eng beieinanderstehenden Baumstämmen hindurch zu finden; was sich als gar nicht so einfach erwies. Es gab so gut wie kein Unterholz, und der Boden war hier weitaus ebener als draußen auf dem Hang, aber die Bäume traten immer dichter zusammen, und auch die Äste hingen bald so tief, dass sie sich immer öfter unter ihnen hindurchducken mussten. Trotzdem rannten sie eine geraume Weile, ohne langsamer zu werden, und Pia hätte vermutlich noch lange nicht angehalten, wäre Alica nicht irgendwann stehen geblieben und hätte sich erschöpft gegen einen eisverkrusteten Baumstamm gelehnt. Ihr Atem ging so schnell, dass sie nur noch japsen konnte. An ihrer Schläfe pochte eine Ader.
»Ich … kann nicht … mehr«, würgte sie hervor.
Etwas sagte Pia, dass sie es sich nicht leisten konnten, anzuhalten. Ihr Verfolger würde ganz bestimmt keine Pause machen. Sie spürte eine Unruhe, die es ihr fast unmöglich machte, stillzustehen. Aber sie konnten auch nicht weiter. Alica war am Ende.
»Also gut«, sagte sie. »Eine Minute. Aber nicht länger.«
Alica nickte dankbar, und Pia drehte sich voller Unbehagen einmal im Kreis und versuchte, mehr Einzelheiten von ihrer Umgebung auszumachen. Dieser Wald war wirklich beklemmend. Es war deutlich kälter, als es hier drinnen sein sollte, und die Schatten erschienen ihr unnatürlich tief. Außerdem war es zu still. Alles, was sie hörte, waren die gedämpften Laute, die Alica und sie verursachten, und ansonsten rein gar nichts.
Und dann waren da noch die Bäume.
Schon von Weitem hatten sie seltsam ausgesehen, aber aus der Nähe betrachtet waren sie schlichtweg unheimlich, und vielleicht nicht einmal mehr richtige Bäume. Sie waren zu klein und die Stämme zu dick. Bisher hatte sie ganz instinktiv vorausgesetzt, dass der weiße Schimmer darauf Eis sei, aber es war etwas anderes, von dem sie nicht einmal wusste, was es war. Aber es sah … ungesund aus.
Das Schlimmste waren die Äste. Mehr als alles andere erinnerten sie Pia an dünne, knochig-weiße Hände mit viel zu vielen Fingern und noch mehr Gelenken, die sich direkt nach ihnen auszustrecken schienen, und das aus allen Richtungen, ganz egal, wohin sie auch blicken mochte.
»Geht es wieder?«, wandte sie sich an Alica.
»Nein. Aber ich nehme an, das ist dir egal, oder?«
»Wenn du noch ein bisschen hier bleiben willst …«, antwortete Pia und hob die Schultern. »Ist doch ganz kuschelig, oder?«
Alica schenkte ihr einen giftigen Blick und stieß sich von dem Baumstamm ab – oder wollte es wenigstens. Ihr Umhang hatte sich in einem der knorrigen Äste verfangen, und als sie sich loszureißen versuchte, zerrte sie sich ganz versehentlich die Kapuze vom Kopf, und prompt verhedderte sich auch ihr Haar in dem dürren weißen Gespinst des tief hängenden Astes, unter dem sie angehalten hatte. Erst als Pia rasch hinzutrat und ihr half, gelang es ihr überhaupt, sich zu befreien.
»So ein Mist!«, schimpfte sie. »Wirklich, eine ganz grandiose Idee, hierherzukommen!«
Pia sagte vorsichtshalber nichts dazu, sondern zupfte Alica ein paar abgebrochene Äste aus dem Haar und beäugte den Zweig, in dem sie sich verfangen hatte, misstrauisch. Seltsam …sie hätte schwören können, dass der Ast vorher höher gehangen hatte, als Alica sich an den Baum lehnte.
»Lass uns weitergehen«, sagte sie nur. »Hier gefällt es mir nicht. Und pass auf, wo du hintrittst.«
»Sicher doch«, giftete Alica. »Insbesondere nicht in den falschen Wald.«
Aber das waren sie längst, dachte Pia schaudernd. Sie hätte auf Alica und ihre eigene innere Stimme hören sollen. Mit diesem Wald stimmte etwas nicht. Er war nicht nur unheimlich; er war gefährlich.
Sie hatten noch kein weiteres Dutzend Schritte gemacht, als sie erlebten, wie gefährlich.
Alica ging voraus, ganz einfach weil Pia instinktiv spürte, dass es besser war, sie im Auge zu behalten, und obwohl sie sich Mühe gab, den Bäumen nicht einmal nahe zu kommen, verfing sich ihr Umhang schon wieder in einem tief hängenden Ast. Fluchend versuchte sie sich loszureißen, verhedderte sich nur noch mehr und klang plötzlich eher erschrocken als zornig. Irgendetwas schien sich hinter und über ihr zu bewegen, aber zu schattenhaft und zu schnell, um es eindeutig zu erkennen.
Pia trat rasch hinzu, hielt Alicas wild fuhrwerkenden Arm fest und zog dann überrascht die Augenbrauen zusammen, als sie sah, wie hoffnungslos Alica sich in den wenigen Augenblicken verstrickt hatte. Einige der wie versteinertes totes Gedärm wirkenden Ranken hatten sich wie Schlangen um ihre Arme und Beine gewickelt und machten es ihr immer schwerer, sich überhaupt noch zu bewegen.
»Halt still!«, sagte Pia, wärend sie sich auf die Knie sinken ließ und zuerst zögerlich, dann immer fester zugriff, um die Ranken zu zerreißen. Es ging, kostete sie aber enorme Anstrengung. Ihre Hände waren zerschrammt und blutig, als sie Alica endlich aus dem Gewirr befreit hatte.
»Das ist doch nicht normal!«, beschwerte sich Alica. »Was zum Teufel ist denn das für ein Zeug?« Sie versuchte wütend zu klingen, doch es gelang ihr nicht, ihre Furcht zu überspielen.
»Das weiß ich nicht«, antwortete Pia nervös. »Weiter. Lauf!«
Unglückseligerweise reichte das nicht. Alica verfing sich noch mehrere Male in tief hängenden Ästen, die oft genug wie aus dem Nichts aufzutauchen schienen. Manchmal kam es Pia beinahe so vor, als würde das knorrige Geäst regelrecht nach Alica greifen, aber diesen Gedanken wollte sie gar nicht zu Ende denken.
Nach einer schieren Ewigkeit – jedenfalls kam es ihr so vor – schimmerte es vor ihnen wieder hell durch die Bäume, und allein dieser Anblick verlieh ihnen die Kraft, dieses Stück schneller zurückzulegen; auch wenn Alica auf den letzten Metern noch einmal im Geäst hängen blieb und einen großen Fetzen ihres Umhanges und ein paar Haarsträhnen bei dem Versuch einbüßte, sich mit Pias Hilfe loszureißen. Endlich stolperten sie nebeneinander aus dem Wald. Pia erkannte die Gefahr und prallte mit einer erschrockenen Bewegung zurück, aber es war natürlich zu spät. Wie aus dem Nichts erschienen zwei, drei, schließlich vier Gestalten rings um sie herum, und noch bevor Pia auch nur richtig begriff, was geschah, hatten zwei von ihnen Alica bereits gepackt und zu Boden gerungen. Pia selbst entging den zupackenden Händen der anderen durch eine gedankenschnelle Bewegung und einen hastigen Schritt, mit dem sie wieder halb zwischen die vereisten Bäume zurückwich. Erstaunlicherweise verzichteten die beiden Männer darauf, ihr sofort nachzusetzen. Aber das änderte nicht viel. Einer der beiden Burschen, die Alica niedergerungen hatten, drehte ihr brutal den Arm auf den Rücken und hielt sie mit eiserner Kraft fest, während der andere in die Höhe sprang und sich zu seinen beiden Kumpanen gesellte. Alles ging unglaublich schnell, so schnell, dass Pia Mühe hatte, überhaupt zu begreifen, was hier eigentlich los war.
Dafür erlebte sie eine weitere Überraschung, als einer der drei Männer vor ihr seine Kapuze zurückschlug und sie sein Gesicht erkennen konnte. Sie war überzeugt gewesen, gleich in ein tätowiertes Antlitz zu blicken, das von einem verfilzten Bart eingerahmt wurde, aber das Gesicht, das unter der Kapuze zum Vorschein kam, war glatt rasiert und hatte nicht eine einzige Tätowierung. Trotzdem kannte sie es.
»Na, wenn das keine Überraschung ist«, sagte Brasil. »So schnell sieht man sich wieder. Obwohl ich es kaum noch zu hoffen gewagt hätte, als ich gesehen habe, welchen Weg ihr einschlagt.« Er schüttelte den Kopf. »Ihr müsst wirklich von weit her kommen … oder völlig verrückt sein, durch den Schlingwald zu gehen.«