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Pia versuchte nicht einmal zu verstehen, wovon er sprach, und Brasil schien auch keine Antwort erwartet zu haben, denn er wandte sich mit einem fragenden Blick an den Mann, der Alica gepackt hielt; oder es wenigstens versuchte. Sie wehrte sich mit so verzweifelter Kraft, dass er alle Mühe hatte, sie festzuhalten, obwohl er deutlich größer war als sie und ganz bestimmt sehr viel stärker. »Hast du es?«

Der Bursche hielt Alica jetzt nur noch mit einer Hand fest, griff mit der anderen unter ihren Mantel und begann wild herumzugrapschen. Alica warf blitzartig den Kopf in den Nacken und schlug ihm auf diese Weise die Nase blutig. Brasil machte eine zornige Handbewegung, woraufhin ein zweiter Mann dem Kerl zu Hilfe kam und Alica durchsuchte, während er sie nunmehr mit beiden Händen festhielt. Nach einem Moment richtete er sich wieder auf und gab Brasil Alicas Zippo.

»Ist es das?«

Brasil nahm das Feuerzeug mit einer fast schon ehrfürchtig wirkenden Bewegung entgegen und bestaunte es von allen Seiten. Pia hatte immer mehr Mühe zu glauben, was sie da sah.

»Moment mal«, murmelte sie. »Ihr macht das alles hier nur wegen eines Feuerzeugs?«

»Mitnichten, Gaylen«, antwortete Brasil, wobei er den Namen auf eine seltsame Weise betonte. »Auch wenn es sich schon für dieses Wunderding allein gelohnt hätte … aber du hast natürlich recht. Es gibt da noch einen … nun ja … ungeklärten Punkt zwischen uns.«

Pia seufzte. Unter dem Mantel kroch ihre Hand zum Pistolengriff und tastete nach dem Sicherungsbügel. Sie wollte Brasil nicht erschießen. Aber vielleicht würde sie es müssen. Sie hatte den Burschen richtig eingeschätzt. Er war ein Feigling. Einer von der ganz besonders gefährlichen Sorte.

»He, das war doch nur ein Missverständnis«, sagte sie. »Ich bin sicher, wir finden einen Weg, wie wir unseren Streit beilegen können.«

»Ja, da bin ich auch sicher«, antwortete Brasil. Er winkte knapp, und der Mann links von ihm setzte sich in Bewegung und kam mit wiegenden Schritten auf sie zu. Für einen Einwohner von WeißWald war er sehr groß, was bedeutete, dass er ungefähr zwei Fingerbreit kleiner war als Pia, wenn auch ein gutes Stück kräftiger. Sie wartete, bis er fast heran war, dann zog sie die Pistole unter dem Umhang hervor, schlug ihm den Lauf quer über das Gesicht und packte den Burschen mit der anderen Hand am Schlafittchen, als er mit einem überraschten Ächzen zurückwankte. Den Schwung seiner eigenen Bewegung ausnutzend, schleuderte sie ihn einfach an sich vorbei und zwischen die Bäume, packte die Waffe dann mit beiden Händen und legte auf Brasil an.

»Ich habe hier noch ein Wunderding aus unserer Heimat«, sagte sie. »Möchtest du es auch haben?«

»Du verdammte …«, keuchte Brasil, senkte mit einem fast tierisch klingenden Knurren die Schultern und stürmte wie ein wütender Stier auf sie los.

Aus dieser Entfernung konnte Pia gar nicht danebenschießen.

Die Kugel traf seinen linken Oberarm, stanzte ein sauberes Loch in seinen Bizeps und riss ihn herum. Pia steppte einen halben Schritt zur Seite, um nicht umgeworfen zu werden, als er fiel, und richtete die Waffe auf den zweiten Mann. Der Bursche hatte wahrscheinlich noch nie im Leben eine Feuerwaffe gesehen, aber dafür umso besser, was Brasil zugestoßen war, und er war nicht dumm. Ohne auch nur einen Sekundenbruchteil zu zögern, wirbelte er auf dem Absatz herum und rannte davon. Pia trat rasch zu Alica hin und verpasste dem Kerl, der ihr den Arm auf den Rücken bog, einen Fußtritt auf die Nase, die ohnehin schon heftig blutete. Der Kerl heulte auf und ließ Alicas Arm los, und Alica stieß den Ellbogen mit aller Gewalt nach hinten. Zielsicher traf sie seine Nase, und jetzt gab er endgültig auf und fiel bewusstlos hintenüber.

Noch bevor er im Schnee aufschlug, fuhr Pia schon wieder herum und richtete die Pistole auf Brasil. Der krümmte sich winselnd am Boden, presste die Hand gegen den blutenden Arm und stellte keine Gefahr mehr dar. Von dem Burschen, der sie zu packen versucht hatte, war überhaupt nichts mehr zu sehen. Vermutlich hatte auch er seine Chance genutzt und war weggelaufen, solange er es noch konnte.

»Pass auf den Kerl auf«, sagte sie, während sie sich ganz zu Brasil drehte.

»Worauf du dich verlassen kannst!«, versprach Alica grimmig. Dann erscholl ein dumpfes Geräusch, gefolgt von einem halblauten Stöhnen.

»So, und jetzt zu uns.« Pia ließ sich neben Brasil in die Hocke sinken, hielt ihn mit der Pistole in der rechten Hand in Schach und griff mit der anderen in seine Tasche, um ihm das Feuerzeug wieder wegzunehmen. Sie fand es, zusammen mit einem kleinen Lederbeutel, in dem es hörbar klimperte und den sie vorsichtshalber ebenfalls an sich nahm. Hinter ihr wiederholte sich das Ächzen; lauter.

»Du bist also der Meinung, zwischen uns gäbe es noch etwas zu klären?«

»Nein, gar nichts«, stieß Brasil zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Seine Schulter blutete wirklich heftig. Pia war ein bisschen erstaunt, wie viel Schaden ein so kleines Kaliber doch anrichten konnte, wenn man sich nur genug Mühe gab. »Wirklich, wir sind jetzt … quitt.«

»Nicht ganz«, sagte Pia. Hinter ihr erscholl ein noch lauteres Stöhnen, und sie sah zumindest so lange hinter sich, um zu erkennen, wie Alica dem halb bewusstlosen Burschen zum dritten Mal mit aller Kraft in den Leib trat.

»Lass ihn leben, Alica«, sagte sie.

»Muss ich?«, fragte Alica, während sie erneut und mit aller Gewalt zutrat. Pia konnte hören, wie eine seiner Rippen brach. Mindestens eine.

»Es wäre besser«, erwiderte Pia und sah, wie Brasil sich aufzurichten versuchte; vermutlich, um irgendetwas ziemlich Dummes zu tun. Sie brachte ihn auf andere Ideen, indem sie seinem durchschossenen Bizeps einen freundschaftlichen Klaps mit dem Pistolenlauf versetzte.

»Ich denke, wir werden uns einig«, sagte sie, nachdem Brasil aufgehört hatte zu schreien. »Du beantwortest mir ein paar Fragen, und wenn ich mit deinen Antworten zufrieden bin, dann lasse ich dich am Leben. Was hältst du davon?«

»Ein … gerechter Vorschlag«, sagte Brasil gepresst. »Was …willst du … wissen?«

Pia tätschelte seinen Oberarm noch einmal mit dem Pistolenlauf, nur um ihn hinlänglich zu motivieren.

»He, das ist unfair!«, beschwerte sich Alica. »Wieso darfst du, und ich nicht?«

»Also gut, ein Mal«, seufzte Pia. »Aber nicht mehr.«

Sie wartete, bis das erstickte Ächzen hinter ihr verklungen war, dann wandte sie sich wieder an Brasil. »Wer hat euch geschickt?«, fragte sie. »Brack?«

»Nein!«, versicherte Brasil hastig. »Er hat nichts damit zu tun. Wirklich!«

Pia glaubte ihm. Sie traute Brack zwar immer noch nicht vollständig – wie denn, sie kannte ihn ja kaum –, aber sie konnte sich eigentlich auch nicht vorstellen, dass er etwas mit diesem hinterhältigen Überfall zu tun hatte. So dumm war er nicht.

»Dann wart ihr nur wegen des Feuerzeugs hinter uns her?«, vergewisserte sie sich.

»Ja«, antwortete Brasil hastig. »Und wegen …«

»Ich kann es mir denken«, sagte Pia, als Brasil nicht weitersprach, sondern sie nur aus großen Augen anstarrte, die voller Furcht waren.

»Noch eine letzte Frage«, sagte sie. »Was weißt du über uns? Über Alica und mich?«

»Über euch? Nichts! Ich habe euch heute Morgen zum ersten Mal gesehen! Das ist die Wahrheit!«

»Schieß ihm auch noch in den anderen Arm«, sagte Alica. »Vielleicht wird er dann redseliger.« Pia konnte hören, wie sie abermals zutrat, und nahm sich vor, bei passender Gelegenheit einmal mit Alica über den Unterschied zwischen Notwehr und exzessiver Gewalt zu sprechen. Aber nicht jetzt.

»Hat sich irgendjemand in der Stadt nach uns erkundigt?«, fragte sie weiter. »Fragen gestellt oder sich komisch benommen?«

»Aber niemand kennt euch in der Stadt! Wer sollte denn nach euch fragen?«