Pia machte keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung, aber sie glaubte auch zu spüren, dass Brasil jetzt die Wahrheit sagte. Mit einem bedauernden Achselzucken hob sie die Waffe, schmetterte ihm den Lauf gegen die Schläfe und stand auf, während er die Augen verdrehte und bewusstlos in den Schnee sank.
»Und? Was hat er gesagt?«, fragte Alica.
Pia überzeugte sich mit einem raschen Blick davon, dass Alicas lebender Punching-Ball noch atmete, und machte dann eine Geste in den Wald zurück. »Wir sollten weitergehen. Der andere Kerl ist bestimmt noch hinter uns her.« Und irgendwie konnte sie sich nicht vorstellen, dass er es ihnen so leicht machen würde. Brasil und seine Spießgesellen waren nichts als Amateure, aber der Kerl, den sie in der Stadt gesehen hatte, war ein Profi. »Nichts«, beantwortete sie dann und mit einiger Verspätung Alicas Frage. »Jedenfalls hat Brack nichts damit zu tun.«
»Sagt er.«
»Ich glaube ihm.«
Alica machte ein zweifelndes Gesicht, griff unter ihren Mantel und zog die Zigarettenpackung heraus. Gleichzeitig streckte sie die andere Hand aus und machte eine Kopfbewegung auf das Zippo, das Pia immer noch in der Linken hielt. Sie reichte es ihr, schüttelte aber auch den Kopf.
»Du solltest dir die Dinger gut einteilen«, sagte sie mit einer Geste auf die Zigarettenschachtel. »Könnte sein, dass es bis zum nächsten Automaten ziemlich weit ist.«
Alica machte ein betroffenes Gesicht, hob aber dann die Schultern, setzte ihre Zigarette in Brand und nahm einen tiefen Zug. »Du hast ja recht, aber jetzt brauche ich eine.«
Pia hob nur die Schultern und sah sich unschlüssig um. Die kahle Ebene, die sie nach dem Verlassen der Stadt erwartet hatte, setzte sich auch auf dieser Seite jenseits des Waldstücks fort. Hier und da erhoben sich Bäume – einzeln oder in kleinen Gruppen, allesamt verschneit, aber sie sahen wenigstens allesamt normal aus, nicht so gespenstisch wie die, die hinter ihnen lagen. Weit entfernt, gerade noch sichtbar, schimmerte ein dünnes silbernes Band, wie ein Feenhaar, das jemand achtlos fallen gelassen hatte; vielleicht ein zugefrorener Fluss. Die Spuren des Burschen, den sie hatten davonlaufen sehen, führten in gerader Linie von ihnen weg und verschwanden nach ein paar Dutzend Schritten im Schnee, und Pia war ziemlich sicher, dass er nicht zurückkommen würde. Das Entsetzen in seinen Augen war zu echt gewesen.
Doch da war noch immer der vierte Mann. Wahrscheinlich hatte sie ihm die Nase gebrochen, und er war erst einmal verschwunden, um seine Wunden zu lecken und den ersten Schrecken zu überwinden. Aber Pia hatte in seine Augen geblickt. Sie erkannte nicht nur einen Feigling, wenn sie ihn sah, sondern auch einen professionellen Schläger. Die Chancen, dass er zurückkam, standen gar nicht so schlecht. Vielleicht war es besser, sie fand ihn, bevor er sie fand.
Sie schob die Pistole wieder unter den Hosenbund zurück, blieb aber dennoch auf der Hut, während sie sich dem Waldrand näherte und die schwarzen Schatten zwischen den Bäumen aufmerksam mit Blicken absuchte. Nichts rührte sich, und sie war auch ziemlich sicher, dass der Bursche nicht in der Nähe war. Sie hätte es gespürt. Trotzdem machte sie einen weiteren Schritt und versuchte noch angestrengter, irgendetwas in der Dunkelheit vor sich zu erkennen. Vergeblich.
»Was tust du da?«, fragte Alica. Sie klang beunruhigt.
»Ich frage mich, wo er geblieben ist«, antwortete Pia.
»Du willst doch nicht etwa wieder da rein?«, flüsterte Alica. Jetzt klang sie eindeutig entsetzt.
Von wollen konnte gar keine Rede sein. Aber nicht nur einen, sondern gleich zwei unberechenbare Verfolger hinter sich zu wissen, das wollte sie noch sehr viel weniger.
Sie bedeutete Alica, zurückzubleiben, legte vorsichtshalber die rechte Hand auf den Pistolengriff und trat mit zögernden kleinen Schritten zwischen die Bäume.
Brasils Mietschläger war nicht einmal fünf Meter weit gekommen. Er lag auf dem Boden, verkrümmt und in einer Haltung, die eigentlich kein Mensch aushalten konnte, und das hatte er offensichtlich auch nicht. Man musste kein Pathologe aus einer Fernsehserie sein, um zu erkennen, dass so ziemlich jeder einzelne Knochen in seinem Leib gebrochen war. Unzählige weiße Ranken hatten seinen Körper umschlungen, seine Haut aufgerissen und seine Glieder in Positionen und Winkel gezwungen, für die sie von der Natur nicht vorgesehen waren.
Hinter ihr keuchte Alica entsetzt. Natürlich war sie ihr gefolgt, und als Pia sich zu ihr umwandte, glaubte sie für den Bruchteil einer Sekunde, eine Bewegung zu sehen, nicht hinter oder über oder neben ihr, sondern irgendwie … überall und zugleich nirgends.
»Großer Gott, was ist denn hier passiert?«, ächzte Alica. Sie starrte den Toten an, und Pia konnte das blanke Entsetzen sehr gut nachvollziehen, das sie in ihren weit aufgerissenen Augen las. Es war dasselbe Gefühl, das auch sie empfand. Der Mann war nicht einfach nur tot. Er sah aus wie das Opfer eines schrecklich schiefgegangenen Bondage-Experiments.
»Keine Ahnung«, antwortete sie. »Aber ich möchte eigentlich nicht hierbleiben und es herausfinden.« Wie hatte Brasil diesen Ort genannt? Schlingwald? »Du?«
Sie bekam keine Antwort. Alica war einfach zur Salzsäule erstarrt und blickte aus aufgerissenen Augen an ihr vorbei. Mit klopfendem Herzen drehte sich Pia herum.
Es gab tatsächlich zwei Verfolger. Der eine lag hinter ihr, der andere war der Neandertaler, dem sie ins Bein geschossen hatte, aber das war im Moment wahrscheinlich sein geringstes Problem.
Er stand keine fünf Meter von ihnen entfernt, das rechte Bein noch wie zu einem Schritt erhoben, mit ausgebreiteten Armen und eher erstauntem als wirklich entsetztem Gesichtsausdruck, obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte. Die Äste hatten ihn nicht eingewickelt und zu Tode gequetscht wie Brasils glücklosen Gehilfen, sondern sich zu etwas zusammengefügt, das schon fast unheimliche Ähnlichkeit mit einem riesigen Spinnennetz hatte. Der Mann hing mit ausgestreckten Armen im Zentrum des grässlichen Gebildes, und seine Glieder, sein Körper, sein Hals und selbst sein Gesicht waren von Dutzenden spitzen Ästen durchbohrt worden.
»Hast du vielleicht etwas dagegen, wenn wir verschwinden?«, fragte Alica mit bebender Stimme.
Statt zu antworten, ergriff Pia ihre Hand und floh regelrecht mit ihr aus dem Wald. Es waren nur wenige Schritte, aber sie waren durch und durch entsetzlich, und das Gespenstischste, das sie bis zu diesem Moment überhaupt erlebt hatte. Plötzlich war es rings um sie herum nicht mehr still. Überall raschelte und knisterte es, und da waren schattenhafte Bewegungen, wie unzählige Knochenfinger, die nach ihnen zu greifen versuchten, ihnen den Weg verwehrten und gefährliche Fallstricke und Hindernisse bildeten, aber jedes Mal im letzten Moment wieder zurückschnellten. Keine der unheimlichen Schlingen und Schemen berührte sie auch nur.
Trotzdem stürmten sie nicht nur aus dem Wald, sondern noch ein gutes Stück weiter, bevor sie es endlich wagten, anzuhalten und zurückzusehen.
Hinter ihnen rührte sich nichts. Der Waldrand lag so still und regungslos da wie eh und je.
Aber das war vielleicht das Unheimlichste überhaupt.
»Was war das, Pia?«, krächzte Alica. Sie hatte ihre Zigarette fallen gelassen und warf einen fast sehnsüchtigen Blick darauf, wagte es aber nicht, auch nur die zwei Schritte in Richtung Waldrand zurückzugehen, um sie aufzuheben. Ihr Gesicht war fast genauso weiß wie der Schnee, auf dem sie standen.
»Das will ich gar nicht wissen«, antwortete Pia ehrlich.
»Ich glaube, ich auch nicht«, sagte Alica nach einer Weile. Nach einer weiteren – sehr viel längeren – Weile fügte sie hinzu: »Und wohin gehen wir jetzt?«
»Ich glaube, ich überlasse meinen Schuhen nun die Entscheidung«, erwiderte Pia. Alica starrte sie nicht nur an, als zweifle sie in diesem Moment an ihrem Verstand, sondern tat es ganz bestimmt auch.
Aber wenigstens Brack lächelte, als sie eine halbe Stunde später und bis auf die Knochen durchgefroren wieder in den Weißen Eber traten.