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»Das hat jetzt aber länger gedauert, als ich erwartet hätte«, sagte er.

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Eine weitere Stunde danach kehrte das Leben, kribbelnd und alles andere als angenehm, ganz allmählich wieder in Pias Finger- und Zehenspitzen zurück. Alica und sie saßen am Kamin, in dem Brack eigens für sie ein prasselndes Feuer entfacht hatte, das möglicherweise zum ersten Mal seit einem Jahrhundert die Kälte wirklich aus diesem Gemäuer vertrieb, zugleich aber auch die Luft hier drinnen derart verpestete, dass sie immer öfter husten mussten. Gesprochen hatten sie in der ganzen Zeit nicht besonders viel; am Anfang, weil ihre Gesichter und Lippen einfach zu steif gefroren waren, um ein vernünftiges Wort hervorzubringen; später, weil Pia einfach nicht nach Reden war. Alica anscheinend auch nicht, denn sie beschränkte sich darauf, Brack und sie abwechselnd mit bösen Blicken zu durchbohren, wobei Pia beim besten Willen nicht sagen konnte, wen sie zorniger anstarrte. Brack hatte sich Pias Bericht der Geschehnisse (bei dem sie ihren unheimlichen Verfolger aus der Steinzeit wohlweislich weggelassen hatte) mit gerunzelter Stirn angehört, erstaunlicherweise aber kein einziges Wort dazu gesagt und hantierte jetzt wieder lautstark in dem schmuddeligen Verschlag herum, von dem er behauptete, es wäre seine Küche. In der ganzen Zeit, in der sie hier saßen, war nicht ein einziger Gast in den Weißen Eber gekommen. Vielleicht war es in WeißWald ja nicht üblich, vormittags schon ins Gasthaus zu gehen.

Pia war es nur recht. Von Brack einmal abgesehen – noch immer wusste sie nicht wirklich, wie sie ihn einschätzen sollte –, hatte sie mit den Einwohnern dieser sonderbaren Stadt bisher nur schlechte Erfahrungen gemacht, und sie legte keinen besonderen Wert darauf, diese zu vertiefen. Mit ein bisschen Pech würde sie dazu ohnehin noch reichlich Gelegenheit finden. Ihre Hoffnungen, diesen gespenstischen Ort irgendwie verlassen zu können, schwanden praktisch mit jeder Minute, doch sie war noch weit davon entfernt, sich das selbst einzugestehen.

»Und?« Zu ihrem Erstaunen war es Alica, die das immer unangenehmer werdende Schweigen am Ende brach. »Schon irgendeine grandiose Idee, wie wir von hier wegkommen, Supergirl?«

»Das Wegkommen ist nicht das Problem«, antwortete Pia niedergeschlagen. »Die spannende Frage ist, wohin. Und nein, ich habe keine Idee.«

Alicas Blick wurde noch ärgerlicher. Anscheinend hatte sie das Schweigen nur gebrochen, um sich ein bisschen mit ihr zu zanken. Irgendwie konnte Pia das sogar verstehen, aber sie gedachte trotzdem nicht, sich darauf einzulassen. Wenn Sie überhaupt eine Chance nutzen wollten, um aus dieser verrückten Situation herauszukommen, dann nur, wenn wenigstens eine von ihnen einen kühlen Kopf behielt.

Was ja überhaupt kein Problem war, gestrandet in einer fremden Welt voller seltsamer Menschen mit noch seltsameren Sitten und Gebräuchen, in der es offensichtlich nicht mit rechten Dingen zuging und in der es mit Schwertern bewaffnete Stadtwachen gab, magische Schuhe und noch eine Menge anderer, noch komischerer Dinge. O ja, die menschenfressenden Bäume nicht zu vergessen.

Brack kam aus der Küche, einen Teller frisches Brot und einen Krug Bier und drei der winzigen Trinkfässchen in der Hand, die er auf einen Tisch stellte, und forderte sie dann mit einer Kopfbewegung auf, sich zu ihm zu setzen. Pia hatte eigentlich wenig Lust, ihren Platz am warmen Feuer aufzugeben, und noch weniger, den Tag mit Bier zu beginnen. Ihre innere Uhr verriet ihr, dass es noch nicht einmal Mittag war, aber das war natürlich Rio-de-Janeiro-Zeit. Außerdem duftete das Brot wirklich köstlich, und obwohl sie ausgiebig gefrühstückt hatte, lief ihr schon wieder das Wasser im Mund zusammen. Also stand sie auf und ließ sich nicht lange bitten, nach Kräften zuzugreifen, wenigstens, was das Brot anging. Von dem Bier trank sie nur ein paar winzige Schlucke, gerade genug, um das Brot hinunterzuspülen. Sie erinnerte sich noch zu gut an gestern Abend. Das Zeug war echt stark.

»Das mit dem Wald hättest du uns wirklich sagen müssen«, sagte sie nach einer Weile und eigentlich nur, um Brack überhaupt zum Reden zu bringen.

»Was?«, fragte er harmlos.

»Dass er …« Sie suchte vergeblich nach den richtigen Worten und fuhr schließlich achselzuckend fort: »… Menschen frisst.«

»Genau genommen frisst er sie nicht«, verbesserte sie Brack.

»Nein. Er bringt sie nur um.« Pia nickte grimmig. »Was für ein Unterschied. Du hast es also gewusst?«

»Warum, glaubst du wohl, nennt man ihn Schlingwald, Mädchen?«, fragte Brack.

»Und du hast es nicht für nötig gehalten, uns davor zu warnen?«

»Jedermann kennt den Schlingwald«, erwiderte Brack, eher verwirrt als im Ton einer Verteidigung. »Außerdem habe ich dir die Stiefel gegeben.«

»Die Stiefel.« Pia blinzelte ein paarmal und erinnerte sich plötzlich an das sonderbare Unbehagen, das sie erfüllt hatte, als sie in den Wald hineingehen wollte. Tatsächlich hatten sie die ersten Schritte große Überwindung gekostet, fast als hätten sich ihre Füße in eine andere Richtung bewegen wollen als ihr Kopf. Oder vielleicht ihre Schuhe?

»Nun ja, es ist ja nichts passiert«, sagte Brack leichthin. »Aber ihr hattet wirklich großes Glück, deine Freundin und du. Nur sehr wenige Menschen überleben den Versuch, den Schlingwald zu durchqueren. Tatsächlich«, fügte er nach einem Moment und mit nachdenklich in Falten gelegter Stirn hinzu, »ist mir kein einziger Fall zu Ohren gekommen. Jedenfalls nicht zu meinen Lebzeiten.«

»Da haben wir wohl mächtiges Glück gehabt«, erwiderte Pia spöttisch. »Auf jeden Fall mehr als der arme Teufel, den ich zwischen die Bäume geschmissen habe.«

Brack machte eine wegwerfende Handbewegung. »Mach dir darüber keine Sorgen. Um den Dummkopf ist es nicht schade. Brasil treibt sich nur mit solchem Gelichter herum. Niemand wird ihm eine Träne nachweinen, glaub mir. Außerdem hat er es nicht besser verdient.«

»Weil er uns überfallen hat?«, fragte Pia. Sie war in diesem Punkt etwas anderer Meinung. Brasil und seine Kumpane hätten es vermutlich nicht dabei bewenden lassen, sie auszurauben, und das war alles andere als ein Spaß … aber ihrer Meinung nach kein Verbrechen, das die Todesstrafe verdiente. Es machte ihr zu schaffen, den Mann getötet zu haben, auch wenn sie sich noch so oft sagte, dass das ganz bestimmt nicht in ihrer Absicht gelegen hatte.

»Nein«, antwortete Brack. »Weil er sich von einer Frau hat verprügeln lassen.«

Pia sah ihn verständnislos an. »Ich habe mich nur verteidigt.«

»Tun das alle Mädchen da, wo ihr herkommt?«, wollte Brack wissen.

»Nein. Aber manche schon. Hier etwa nicht?«

Brack blieb ihr die Antwort auf diese Frage schuldig, doch seine verwirrten Blicke sagten eigentlich schon genug. Pia musste plötzlich wieder daran denken, wie leicht es ihr im Grunde gefallen war, Brasil und seine Schlägerbande zu überrumpeln. Vielleicht war es ja ganz genau das gewesen. Sie hatte sie überrumpelt. Die Männer waren schlichtweg nicht auf den Gedanken gekommen, dass sie sich verteidigen könnte!

»Wie gesagt, mach dir um diesen Dummkopf keine Sorgen.« Brack wiederholte seine wegwerfende Geste und wechselte das Thema. »Heute ist es auf jeden Fall zu spät, WeißWald noch zu verlassen und einen anderen Ort oder auch nur ein Gasthaus zu erreichen. Ihr werdet wohl oder übel noch bis morgen früh bleiben müssen.«

»Vielleicht sogar länger«, sagte Pia. Brack blickte fragend.

»Unser Aufbruch heute Morgen war vielleicht etwas … überhastet«, sagte sie gedehnt. »Außerdem haben sich gewisse Dinge … nun ja, geändert.«

»Geändert?«

Der Kerl ist nicht mehr da, der Alica und mir ans Leder wollte. Nein. Das wäre vielleicht keine so gute Idee. »Und da sind noch die Stiefel.«

Alica sah sie irritiert an, aber Brack nickte, als wäre diese Erklärung für ihn vollkommen ausreichend. »Das heißt, ihr bleibt vielleicht länger in WeißWald.«

»Nicht länger als unbedingt nötig«, antwortete Pia. Was immer das auch bedeuten mochte. »Aber wir müssen vielleicht doch noch für eine kleine Weile deine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen. Keine Sorge«, fügte sie rasch hinzu, als Brack dazu ansetzen wollte, etwas zu sagen, »wir können für Essen und Unterkunft bezahlen.« Rasch zog sie den Lederbeutel hervor, den sie Brasil abgenommen hatte. Brack runzelte die Stirn, nahm ihn mit spitzen Fingern entgegen und grinste plötzlich. Ohne ein Wort der Erklärung zog er ihn auf, kramte zwei sonderbar geformte silberfarbene Münzen heraus und ließ sie in der Tasche verschwinden, bevor er ihr den Beutel zurückgab.