»Das war das, was Brasil mir noch schuldet«, sagte er. »Der Rest wird für eine Weile reichen. Danach sehen wir weiter.«
»Vielleicht finden wir eine Möglichkeit«, murmelte Pia. Ihr war nicht wohl bei diesen Worten.
»Eine Möglichkeit?«, wiederholte Brack. »Welche sollte das sein?«
»Das würde mich auch interessieren«, sagte Alica.
»Vielleicht können wir für dich arbeiten?«, schlug Pia vor.
»Bist du übergeschnappt?«, keuchte Alica.
»Nein«, antwortete Pia scharf. »Aber wir brauchen ein Dach über dem Kopf und Essen und Trinken, wenigstens so lange, bis wir wissen, wie wir wieder nach Hause kommen. Und ich hasse es, zu betteln oder Almosen anzunehmen.«
»Vielleicht findet sich ja noch der eine oder andere Blödmann, der uns auszurauben versucht«, sagte Alica. »Scheint sich ja zu lohnen.«
»Deine Einstellung ehrt dich, Mädchen«, sagte Brack, und seine Worte erinnerten Pia daran, dass er zwar Alicas Fragen nicht verstand, ihre Antworten darauf jedoch sehr wohl, »aber du weißt, dass das nicht möglich ist. Ich kann dich nicht für mich arbeiten lassen.«
»Und warum nicht?«, fragte Pia. »Es muss ja nicht für lange sein, und Alica und ich erwarten nicht einmal einen Lohn. Wir könnten in der Küche arbeiten oder hinter der Theke. Die Zimmer sauber halten und so weiter.«
»Du scheinst vorhin doch mehr abgekriegt zu haben, als ich dachte«, giftete Alica. »Sehe ich vielleicht aus wie ein Zimmermädchen?«
»Ich brauche keine Hilfskräfte«, sagte Brack. »Ich habe Lasar, und ganz davon abgesehen könntet ihr sowieso nicht hier arbeiten, wie du weißt.« Er lächelte schmerzlich. »Seht ihr vielleicht die Scharen von Gästen, die hereinstürmen? Diese Zeiten sind vorbei, schon so lange, dass ich mich kaum noch daran erinnere, ob es sie je wirklich gegeben hat. Das bisschen Arbeit schaffe ich allein.«
»Was sagt er?«, fragte Alica misstrauisch.
»Dass er eine Klofrau sucht und du die Richtige dafür bist«, schnappte Pia.
»Was ist eine Klofrau?«, wollte Brack wissen. Vielleicht aber auch nicht, denn er gab ihr gar keine Gelegenheit, zu antworten. »Ihr könnt erst einmal hierbleiben. Das Zimmer steht sowieso leer, und ihr esst wie die Spatzen. Wenn ihr wollt, dann helfe ich euch, eine Arbeit zu finden, und ihr könnt später für Speise und Unterkunft bezahlen.«
»Eine Arbeit?« Pia erschrak fast. Gut, sie hatte es vor wenigen Sekunden selbst angesprochen, aber das war doch etwas völlig anderes gewesen. Sich ein wenig nützlich zu machen und auf diese Weise für Essen und Unterkunft zu bezahlen, das war eine Sache … aber sich eine richtige Arbeit suchen? Das ging ihr eindeutig zu schnell und hätte ihren Aufenthalt hier irgendwie … besiegelt. Sie waren gerade einmal für einige wenige Stunden hier, und sie hatte wirklich nicht vor, sehr viele mehr daraus werden zu lassen.
Trotzdem nickte sie nach einigen weiteren Sekunden. »Warum nicht?«
»Was könnt ihr denn?«, fragte Brack, grinste dann wieder auf diese beinahe anzügliche Art, die Pia schon ein paarmal an ihm gesehen hatte, und schüttelte den Kopf. »Ich meine natürlich: Was kann deine Freundin? Dich unterzubringen ist bestimmt kein Problem. Aber welche Talente hat Alica?«
»Talente?«, wiederholte Pia.
»Talente«, bestätigte Brack. »Ich meine, was kann sie?«
»So ziemlich nichts«, vermutete Pia.
Alicas Augen wurden schmal. »Ich glaube, das habe ich verstanden.«
»Ich denke, wir werden schon etwas Passendes für sie finden«, sagte Brack. »Für ein Paar Hände, die kräftig zupacken können, findet sich in WeißWald immer eine Beschäftigung. Vielleicht sollte sie damit aufhören, sich das Gesicht bunt anzumalen. Ich werde sehen, was ich für sie tun kann.« Er stand auf. »Ich muss ohnehin gerade in die Richtung. Wenn du willst, dann kannst du mich begleiten, und ich lege ein gutes Wort für dich bei Malu ein … obwohl es wahrscheinlich gar nicht nötig ist.«
»Jetzt?«, fragte Pia zweifelnd.
»Gibt es einen Grund zu warten?«
Eine ganze Menge Gründe sogar, dachte Pia. Allerdings nur sehr wenige, über die sie mit ihm reden wollte. Achselzuckend stand sie ebenfalls auf und griff nach dem Mantel, den sie achtlos neben dem Kamin auf den Boden geworfen hatte. Anscheinend war das hier so üblich.
»Was habt ihr vor?«, erkundigte sich Alica misstrauisch.
»Wir gehen auf Arbeitssuche«, antwortete Pia.
»Dann komme ich mit«, erwiderte Alica, während sie bereits aufstand und sich ebenfalls nach ihrem Umhang bückte. Als sie ihn aufhob, sah Pia noch einmal die Stelle, an der ein Fetzen Stoff herausgerissen war, und ein neuerlicher kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Wie oft in wirklich gefährlichen Situationen wurde ihr erst im Nachhinein klar, wie knapp es gewesen war. Hätten sie auch nur ein ganz kleines bisschen weniger Glück gehabt, dann würden sie jetzt genauso zu Tode gequetscht oder aufgespießt zwischen den Bäumen des Schlingwalds liegen wie die beiden armen Teufel.
Irgendetwas an diesem Gedanken störte sie, aber er entglitt ihr, bevor sie ihn richtig fassen und konsequent zu Ende denken konnte.
»Das halte ich für keine gute Idee«, sagte Brack, der offensichtlich keine Übersetzung brauchte, um zu wissen, was Alica vorhatte. »Malus Haus ist kein Ort für jemanden wie deine Freundin.«
»Was sagt er?«
»Nichts.«
Brack grinste ausnahmsweise einmal nicht, sondern schüttelte noch ernster den Kopf. »Ich meine es ernst, Mädchen. Malu wird sie nicht einmal einlassen.«
»Dann wartet sie eben hier«, sagte Pia, obwohl sie sich die Antwort denken konnte.
Sie wurde nicht enttäuscht. »Davon träumst du, Süße«, sagte Alica. »Ich weiche keinen Schritt von deiner Seite, nur damit das klar ist.«
»Sei vernünftig, Alica«, seufzte Pia. »Wenn Brack sagt, dass es zu gefährlich ist …«
»Das habe ich eigentlich nicht gesagt«, sagte Brack.
»… dann wollen wir ihm glauben«, fuhr sie unbeeindruckt fort. »Ich schätze, wir können ihm trauen.«
»Ich weiche keinen Schritt von deiner Seite«, beharrte Alica. »Was denkst du dir? Am Ende … beamst du dich wieder zurück zu Esteban, und ich bleibe allein hier und kann sehen, wie ich zurechtkomme!«
Zwei oder drei Sekunden lang starrte Pia sie einfach nur verblüfft an. »Daran … habe ich noch gar nicht gedacht«, sagte sie dann.
»Siehst du?« Alica machte ein ebenso grimmiges wie entschlossenes Gesicht und hüllte sich in ihren Mantel. »Du weißt eben auch nicht alles. Tut richtig gut zu sehen, dass sogar Lara Croft nicht unfehlbar zu sein scheint. Aber dazu hast du ja mich. Von nun an sind wir wie siamesische Zwillinge. Wo die eine hingeht, dahin geht auch die andere.« Sie machte eine Kopfbewegung zur Tür. »Können wir?«
Pia resignierte. Schon allein, weil Alica vollkommen recht hatte.
»Du hast deiner Freundin nicht gesagt, wohin wir gehen?«, fragte Brack.
»Doch«, antwortete Pia. »Aber sie besteht darauf, uns zu begleiten. Keine Angst. Sie kann schon allein auf sich aufpassen.«
Brack sah alles andere als überzeugt aus, doch er schien auch zu spüren, dass jeder weitere Widerspruch sinnlos sein musste. Er hob noch einmal die Schultern und wandte sich dann zum Gehen.
Erst als sie die Tür fast erreicht hatte, fiel ihr auf, dass er nicht einmal seinen Mantel übergeworfen hatte. Sie machte eine entsprechende Bemerkung, doch Brack winkte nur ab. »Es ist nicht sehr weit … nur ein paar Straßen. Draußen ist es nicht besonders kalt. Ihr kommt wohl wirklich aus einem wärmeren Land, wie?«