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Wenn man eine Stadt, deren Einwohner zum größten Teil nicht einmal wussten, was das Wort Schnee bedeutete, ein wärmeres Land nennen wollte, dann ja, dachte Pia. Sie beließ es einfach nur bei einem angedeuteten Heben der Schultern, nahm das Thema aber noch einmal auf, kaum dass sie aus dem Haus und wieder in den eisigen Wind hinausgetreten waren. Er kam ihr noch kälter vor als am Morgen.

»Wann wird es hier Sommer?«, fragte sie.

»Sommer?« Brack wiederholte das Wort, als müsse er über seine Bedeutung nachdenken.

»Sommer«, bestätigte Pia. »Die warme Jahreszeit.«

»Ich weiß, was Sommer bedeutet«, antwortete Brack leicht verschnupft. »Nun, es ist Sommer. Beinahe, jedenfalls.«

»Soll das heißen, sehr viel wärmer wird es hier nicht?«, murmelte Pia betroffen.

»Sehr selten«, antwortete Brack. »Aber dafür wird es im Winter sehr viel kälter.«

»Im Winter«, murmelte Pia und sah sich auf eine vollkommen neue Art um. Und wie zum Teufel nannte er das hier?

»Was hat er gesagt?« Alica klang ein bisschen beunruhigt.

»Oh, nichts«, sagte Pia. »Nur ein weiterer Grund, hier keine Wurzeln zu schlagen.« Sie wandte sich mit einem auffordernden Nicken an Brack. »Gehst du voraus?«

Brack grinste auf eine Art wissend, die Pia ganz und gar nicht gefiel. Sie musste eine Lösung für ihr Kommunikationsproblem finden, wenn die Geschichte hier länger dauerte.

Trotz der beißenden Kälte und obwohl er nur Sandalen an den nackten Füßen trug, schien es Brack nicht besonders eilig zu haben, sondern flanierte genauso gemächlich dahin wie alle anderen hier, und dieses Mal trieb ihn Pia nicht zur Eile an, sondern nutzte die Gelegenheit, um sich einen zweiten und möglicherweise besseren Eindruck von der Stadt zu verschaffen. Am Morgen war sie hauptsächlich mit Staunen beschäftigt gewesen und außerdem davon ausgegangen, dass sie diese Stadt sowieso niemals wiedersehen würde … aber jetzt fragte sie sich, ob dieser Stein und Holz gewordene LSD-Trip vielleicht für längere Zeit zu Alicas und ihrer Heimat werden würde … wenn nicht für immer. Was, wenn es ihr nicht gelang, das Wunder zu wiederholen, und sie für alle Zeiten hier gefangen blieben?

Nein, sie weigerte sich einfach, sich auch nur mit der bloßen Möglichkeit zu befassen.

Jedenfalls noch nicht.

Dieser Teil der Stadt unterschied sich von den Straßen, durch die sie am Morgen gekommen waren, wenn auch nicht sehr. Die Häuser waren nicht unbedingt kleiner, aber ein wenig …schäbiger, nicht ganz so gepflegt, und die Menschen vielleicht einen Deut einfacher gekleidet. Die Unterschiede waren winzig, aber subtil, und die tiefer werdende Falte zwischen Alicas Augenbrauen zeigte, dass sie genauso gut wusste wie Pia, in was für einer Gegend sie sich befanden. Manche Dinge waren offensichtlich überall gleich, ganz egal in welcher Welt.

»Was ist das da?« Pia deutete auf den monströsen Turm, der sich über die Häuser im Stadtzentrum von WeißWald erhob wie ein schwarzer Vulkan über einem postkartenkitschigen Städtchen, der nur darauf wartete, auszubrechen.

»Der Turm des Hochkönigs«, antwortete Brack. »Aber das klingt jetzt einschüchternder, als es ist.«

»Weil er nicht so hoch ist?«

»Weil es schon lange keinen Hochkönig mehr gibt«, antwortete Brack lächelnd. »Er heißt nur noch so. Manche behaupten sogar, es hätte niemals einen gegeben. Das ist bloß noch ein Name. Angeblich stammt der Turm aus der Zeit der Elfenkriege … falls sie überhaupt jemals stattgefunden haben. Heute lebt der Statthalter dort – wenn er zu Besuch in WeißWald ist. Was Kronn sei Dank nur selten vorkommt.«

»Dann steht der Turm leer?« Pia sah ein weiteres Mal hin und beantwortete ihre Frage in Gedanken gleich selbst: nein. Hinter den schmalen Fenstern und an Drachenzähne erinnernden Zinnen des monströsen Bauwerkes rührte sich nichts. Sie sah nichts, keine Bewegung, nicht einmal die geringste Spur von Leben – aber etwas war dort. Sie konnte es spüren.

»Er gefällt mir nicht«, sagte sie.

»Er gefällt niemandem«, antwortete Brack. »Nicht einmal dem Statthalter. Du spürst es auch, nicht wahr?«

Pia sah ihn fragend an. Das Lächeln kehrte auf Bracks Gesicht zurück und wurde plötzlich noch gutmütiger. »O nein, es geht nicht nur dir so, keine Sorge. Dieser Turm macht jedermann Angst. Die Menschen spüren, was er wirklich ist.«

»Und was ist er?«

»Ein Überbleibsel aus einer lange zurückliegenden Zeit«, antwortete Brack. »Dunkle Magie. Als dieses Land noch von Zauberern und Hexen beherrscht wurde, soll dieser Turm das Zentrum ihrer finsteren Macht gewesen sein. Manche glauben, dass man etwas davon noch heute in seinen Mauern spürt.«

»Du auch?«

»Irgendetwas ist da, so viel ist klar«, antwortete Brack. »Aber vielleicht haben diese Mauern einfach zu viele Schmerzen und zu viel Leid gesehen, und es sind nur die Tränen der Erschlagenen und die Schreie der Gefolterten, die den Stein dieser Wände nicht zur Ruhe kommen lassen.« Er deutete nach vorne. »Wir sind da. Der Elfenturm.«

»Elfenturm?« War das jetzt vom Turm des Hochkönigs ein Auf- oder Abstieg?, überlegte Pia. In der Richtung, in die Bracks ausgestreckte Hand wies, sah sie jedenfalls keinerlei Turm, sondern nur ein zweigeschossiges Gebäude mit schmalen Fenstern, und die einzige Elfe, die sie sah, war ein ebenso ungelenk wie anzüglich gemaltes, pummeliges Etwas mit bunten Libellenflügeln auf einem hölzernen Schild über der Tür des Hauses. Manche Dinge, dachte sie noch einmal, waren ganz offensichtlich wirklich überall auf der Welt gleich. Auf allen Welten. Das Papier der Fenster war rot.

»Elfenturm?«, fragte auch Alica. »Ja, das passt.«

Brack schüttelte den Kopf, doch er versuchte nicht noch einmal, Pia von ihrem Entschluss abzubringen, sondern ging mit raschen Schritten voraus und klopfte gegen die Tür. Sie war niedrig, selbst für hiesige Verhältnisse, aber äußerst massiv, und hatte ein kaum handflächengroßes vergittertes Fensterchen in Augenhöhe. In Bracks Augenhöhe.

Brack klopfte noch zweimal, bis die Klappe geöffnet wurde und ein dunkles Augenpaar zu ihnen heraussah. »Brack?« Die dazu passende Stimme klang müde. »Was willst du hier? Es ist noch viel zu früh. Außerdem hast du noch Schulden von …«

»Deswegen komme ich nicht, Malu«, sagte Brack. »Mach auf. Ich habe jemanden mitgebracht, den du ganz bestimmt kennenlernen willst.«

Er trat zur Seite, damit die Besitzerin des Augenpaares Alica und Pia sehen konnte. Einen Moment lang herrschte vollkommene Stille, dann hörten sie das Geräusch eines schweren Riegels, der hastig zurückgezogen wurde, und die Tür flog nach außen.

Dahinter stand die fetteste Frau, der Pia jemals begegnet war.

Sie reichte ihr nicht einmal ganz bis zum Kinn, war aber so beleibt, dass sie fast wie eine Kugel auf Beinen aussah. Selbst Brack wirkte schlank neben ihr. Das schwere Wollkleid, das sie trug, schien zwar eigens für jemanden ihrer Statur geschneidert worden zu sein, schaffte es aber trotzdem nicht, ihre Leibesfülle und ihren gewaltigen Busen zu bändigen. Sie hatte lockiges, bis weit über die Schultern fallendes Haar, das vermutlich gut ausgesehen hätte, wäre es schwarz, blond oder auch brünett gewesen. Leider war es grau, strähnig und begann schon sichtbar dünner zu werden, sodass es einiger coiffeurtechnischer Kunstgriffe bedurft hatte, um die beginnende Halbglatze zu kaschieren. Noch ein, zwei Jahre, schätzte Pia, und auch der geschickteste Friseur würde vor dieser Herausforderung kapitulieren müssen.

Das dazugehörige Gesicht war rund und pausbäckig und hätte allein deshalb gutmütig wirken sollen, tat es allerdings nicht, sondern hatte etwas ganz und gar Verschlagenes, das Malu schlagartig ungefähr doppelt so viele Sprossen auf Pias Sympathieleiter herunterpurzeln ließ, wie diese überhaupt zählte.