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Brack machte eine Geste auf Pia. »Das ist …«

»Ich sehe, wer das ist«, unterbrach ihn Malu, ohne dass der Blick ihrer weit aufgerissenen Augen Pias Gesicht auch nur für einen Sekundenbruchteil losgelassen hätte. »Das ist … unglaublich.« Ihr Blick tastete hungrig über Pias Gesicht, ihre Haare und ihre Statur, obwohl sie sie unter dem unförmigen Umhang kaum erkennen konnte, und vor allem immer wieder über ihr Haar.

»Das Mädchen sucht Arbeit«, sagte Brack. »Und da ich weiß, was für ein weiches Herz sich hinter deiner rosigen Schale verbirgt, Malu, habe ich mich gefragt, ob du ihr vielleicht helfen kannst.«

Malu schien seine Worte gar nicht gehört zu haben, sondern starrte Pia weiter auf eine Art an, die ihr mit jedem Atemzug weniger gefiel. Eigentlich wartete sie nur noch darauf, dass die alte Vettel zu sabbern begann.

»Was geht hier eigentlich vor?«, erkundigte sich Alica. »Ich meine, du weißt schon, was das hier ist?«

»Natürlich«, antwortete Pia. An Brack gewandt und mit einem eindeutig verunglückten Lächeln fügte sie hinzu: »Ich fürchte, hier liegt ein kleines Missverständnis vor.«

»Das glaube ich weniger«, sagte Alica.

Malu starrte sie kurz und stirnrunzelnd an, wandte sich aber sofort wieder zu Pia um und zwang sich zu einem Lächeln, das sie selbst möglicherweise sogar für echt hielt. »Also, das wird sich ganz bestimmt aufklären lassen«, sagte sie. »Komm doch erst einmal rein, Kleines. Du erfrierst ja noch hier draußen in der Kälte.«

Sie ließ ihr keine Zeit, irgendetwas darauf zu erwidern, packte sie kurzerhand am Arm und zog sie mit sich. Als Alica ihnen folgen wollte, schüttelte sie herrisch den Kopf und machte eine abwehrende Geste mit der freien Hand. »Das geht nicht. Solche wie du haben hier keinen Zutritt.«

»Bisher war ich doch solche wie du«, murmelte Pia. Sowohl Alica als auch Malu sahen sie reichlich verdattert an, und zumindest Alica schien nach einigen Augenblicken ihre Sprache wiederzufinden und holte tief Luft. Brack kam der bevorstehenden Explosion zuvor, indem er sich hastig einmischte.

»Mach einfach eine Ausnahme, Malu«, bat er. »Die beiden sind fremd in der Stadt und kennen unsere Gebräuche noch nicht. Sie gehen überall zusammen hin.«

»Nicht hierher«, beharrte Malu streng.

»Selbstverständlich nicht«, sagte Brack rasch. »Aber dein Geschäft ist doch noch gar nicht geöffnet. Niemand wird sie sehen. Und heute Abend kommt sie ganz bestimmt nicht mit.«

Niemand kommt heute Abend hierher, dachte Pia. Und ich schon gar nicht. Sie schwieg jedoch, und zu ihrer Erleichterung hielt Alica den Mund, auch wenn sich ihr Gesicht nicht um einen Deut aufhellte. Täuschte sie sich, oder waren die Blicke, mit denen sie sie musterte, jetzt eindeutig schadenfroh?

»Also gut«, sagte Malu widerwillig. »Aber das ist eine Ausnahme, und ich tue es nur deinetwegen. Und Kronn soll dich holen, wenn du irgendjemandem auch nur ein Sterbenswörtchen erzählst!«

»Bestimmt nicht«, versprach Brack. »Bei meinem Leben!«

Malu sah ihn auf eine Art an, als wäre sie durchaus geneigt, ihn beim Wort zu nehmen, aber schließlich setzten sie ihren Weg fort. Sie schlug den schweren dunkelroten, samtigen Vorhang zur Seite, der sich einen halben Schritt hinter der Tür befand und nicht nur als Windfang diente, sondern auch als Schutz vor allzu neugierigen Blicken. Dahinter erstreckte sich ein großer Raum, der auf den ersten Blick Ähnlichkeit mit Bracks Gaststube hatte, auch wenn hier alles weitaus gepflegter und sauberer war. In den Fenstern befand sich dasselbe durch sichtige Papier anstelle von Glas, nur war es hier rot eingefärbt, und statt lehnenloser Hocker gab es mit zerschlissenem rotem Plüsch bezogene Sessel, die genug Platz für zwei boten; zumindest wenn sie aufeinandersaßen.

»Hübsch«, sagte Alica. Malu warf ihr einen schrägen Blick zu, und Pia verzichtete vorsichtshalber darauf, die Bemerkung zu übersetzen.

»Setzt euch, Kinder.« Malu ließ endlich Pias Arm los und wedelte aufgeräumt mit beiden Händen. »Ich hole euch gleich etwas zu trinken und muss noch das … noch ein paar Dinge erledigen.«

Sie verschwand, bevor Pia auch nur einen Ton herausbrachte. Pia sah sich weiter mit gemischten Gefühlen um und fragte sich, was zum Teufel sie hier eigentlich tat.

Alica steuerte den Kamin an. Zwar brannte kein Feuer darin, aber Pia folgte ihr trotzdem und nahm auf einem der roten Plüschsessel davor Platz. Alica warf dem erkalteten Kamin einen demonstrativ sehnsüchtigen Blick zu und zog dann noch demonstrativer den Umhang enger um die Schultern, aber Brack ignorierte beides. Ihm schienen die Temperaturen hier drinnen tatsächlich nichts auszumachen.

»Ihr kommt wirklich aus einem sehr warmen Land, wie?«, fragte er. »Ich werde Malu bitten, den Kamin für euch anzuzünden.«

»Das Feuer bei dir«, vermutete Pia. »Du hast es nur unseretwegen angemacht, habe ich recht?«

»Ich kann zwei hilflose junge Frauen wie euch doch nicht einfach erfrieren lassen«, antwortete er amüsiert.

»Aber es war schon an, als wir gekommen sind«, sagte Pia.

Brack antwortete nicht darauf, doch Alica wirkte plötzlich schon wieder ein bisschen alarmiert. Auch wenn sie nur die Hälfte des Gespräches verstand – es war in diesem speziellen Fall wahrscheinlich nicht besonders schwer, sich den Rest zusammenzureimen.

»Du hast gewusst, dass wir zurückkommen«, vermutete Pia.

Brack schwieg beharrlich weiter.

»Woher?«, wollte Pia wissen.

»Wohin hättet ihr schon gehen sollen?«, fragte Brack. »Es gibt im Umkreis von hundert Tagesmärschen keine größere Stadt als WeißWald, und somit auch nichts, was besser wäre als hier. Im Westen, Süden und Osten leben die Barbarenstämme, die euch bei lebendigem Leibe auffressen würden, und im Norden sind die Berge. Wenn ihr sie überqueren wollt, dann müsst ihr sie vor dem ersten Schnee erreichen, und dazu ist es bereits zu spät.«

»Vor dem ersten Schnee?« Pia machte eine Kopfbewegung zum Fenster. »Und wie nennst du das da?«

»Vor dem ersten richtigen Schnee«, ergänzte Brack lächelnd und schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, woher ihr kommt und wo eure Heimat liegt, aber wo immer es ist, ihr müsst das nächste Frühjahr abwarten, bevor ihr euch auf den Weg dorthin machen könnt.«

»Und es ist dir nicht in den Sinn gekommen, uns das vorher zu sagen?«, fragte Pia.

»Du siehst nicht aus wie jemand, der einen guten Rat von einem völlig Fremden annimmt, Mädchen«, antwortete Brack ungerührt. »Eher wie jemand, der seine eigenen Erfahrungen machen muss. Und ich dachte mir, dass du klug genug bist, um auf deine Schuhe zu hören.«

Gegen ihren Willen musste Pia lächeln. Brack lag ganz richtig – vielleicht nicht, was die Schuhe anging, aber ganz sicher mit dem Rest.

»Was hat er gesagt?«, wollte Alica wissen.

»Dass wir möglicherweise noch ein bisschen hierbleiben müssen«, sagte Pia.

»Wie?«, ächzte Alica.

»Nicht allzu lange«, fügte sie hastig hinzu.

»Nur bis zum nächsten Frühjahr«, sagte Brack.

»Sag ich doch«, sagte Pia. »Nur eine kleine Weile.« Bis zum nächsten Frühjahr? Beinahe ein halbes Jahr? Großer Gott, wie sollte sie dasAlica beibringen?

Sie war fast erleichtert, als Malu zurückkam und ein großes Silbertablett mit Trinkbechern und einem Krug darauf vor ihnen abstellte. »Bitte entschuldigt, dass es so lange gedauert hat«, sagte sie. »Aber es ist noch früh. Die Küchenmägde schlafen noch, und bevor ich selbst alles gefunden habe …« Sie deutete ein Achselzucken an und machte eine einladende Geste auf den Krug – der außer Brack niemand nachkam –, bevor sie sich neben Pia in die Hocke sinken ließ und sie unverhohlen neugierig anstarrte. Ganz wie gerade draußen vor der Tür galt ihr besonderes Interesse ihrem Haar, an dem sie sich augenscheinlich gar nicht sattsehen konnte.

»Das ist eine fantastische Arbeit«, sagte sie schließlich. »Verrätst du mir, wer sie gemacht hat?«