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Pia verstand nicht, was sie meinte, und sah sie nur fragend an.

»Darf ich?« Malu wartete ihre Antwort nicht ab, sondern griff nach einer Strähne ihres silberblonden Haares, rieb sie zwischen den Fingern und riss dann ungläubig die Augen auf.

»Das … das ist echt!«

»Natürlich ist es das.« Pia schob ihre Hand sanft, aber nachdrücklich weg. »Was sollte es denn sonst sein?«

Malu starrte sie noch fassungsloser an, stand plötzlich auf und machte einen raschen Schritt zurück. »Das ist unglaublich«, sagte sie noch einmal.

»Habe ich zu viel versprochen?«, fragte Brack.

»Und du suchst Arbeit, Gaylen«, murmelte Malu. Das war keine Frage. Ihre Augen leuchteten eindeutig gierig.

Pia konnte sich nicht erinnern, Malu ihren Namen genannt zu haben, aber sie verzichtete auch darauf, ihren richtigen Namen zu nennen. Vermutlich hätte sie sich sowieso wieder als Gaylen vorgestellt, ganz egal, wie sehr sie auch versuchte, es nicht zu tun. »Nicht diese Art von Arbeit, Malu«, sagte sie betont. »Hier liegt anscheinend ein Missverständnis vor.« Alica kicherte.

Für zwei oder drei Sekunden sah Malu ebenso verwirrt wie enttäuscht aus, doch dann kicherte auch sie und sah für einen Moment aus wie eine listige, alte Hexe. »Ich verstehe. Du willst den Preis in die Höhe treiben. Aber das ist gar nicht nötig. Ich bin dafür bekannt, meine Mädchen anständig zu behandeln und gut zu bezahlen.«

»Das stimmt«, sagte Brack.

»Und bei deinem Aussehen kann ich praktisch verlangen, was ich will«, fuhr Malu fort. »Die Kerle werden sich darum prügeln, jeden Preis bezahlen zu dürfen.«

Pia zählte in Gedanken langsam bis drei. Sie musste sich beherrschen, um Malu nicht eine ganz andere Erfahrung zuteilwerden zu lassen – nämlich die, wie es war, von einem ihrer Mädchen schlecht behandelt zu werden. Ihre Stimme klang schon fast gefährlich leise, als sie antwortete.

»Es tut mir wirklich leid, Malu. Das alles ist ein Missverständnis. Brack kann nichts dafür. Er wusste nur, dass ich Arbeit suche. Aber nicht diese Art von Arbeit.«

»Und das ist dein letztes Wort?«, fragte Malu. Pia hatte natürlich damit gerechnet, dass sie weiter hartnäckig blieb, auch zornig werden würde, doch als sie zur Antwort nickte, machte Malu nur ein enttäuschtes Gesicht und seufzte dann leise.

»Das ist wirklich schade«, sagte sie. »Aber vielleicht überlegst du es dir ja. Darf ich dich noch um etwas bitten?«

»Solange es keine Probearbeit ist.«

Malu tat so, als hätte sie das nicht gehört. »Ich hätte zu gerne, dass die Mädchen dich sehen«, sagte sie. »Nur damit sie sich in Zukunft vielleicht ein bisschen mehr anstrengen.«

»Wie?«, murmelte Pia, aber Malu musste das als eindeutiges Ja verstanden haben, denn sie fuhr bereits herum und hüpfte wie ein zu groß geratener Gummiball die Treppe hinauf. Pia sah ihr verwirrt nach, bis sie am oberen Ende verschwunden war, drehte sich dann um und begegnete Alicas breitem Grinsen.

»Was ist so komisch?«, fragte sie gepresst.

»Ach, so ziemlich alles«, antwortete Alica. »So schwer ist diese Sprache gar nicht zu verstehen, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt. Du weißt schon, wofür sie dich hält?«

»Keine Ahnung«, behauptete Pia.

»Ich frage mich allmählich«, fuhr Alica fort und gab sich nicht die geringste Mühe, ihre Schadenfreude zu verhehlen, »ob Gaylen wirklich ein Name ist oder vielleicht für etwas ganz anderes steht.«

»Solltest du dich da nicht besser auskennen?«, fragte Pia giftig. »Ich meine: Das ist doch eher dein Fachgebiet, oder?«

Alica war nicht beleidigt, sondern griente nur noch unverschämter, und in diesem Moment kam auch schon Malu zurück, was vielleicht der einzige Grund war, aus dem das Gespräch nicht weiter eskalierte. Pias Blick streifte Brack, während sie sich zu ihr herumdrehte. Er schien sich köstlich zu amüsieren. Genau wie Alica verstand auch er nur jeweils die eine Hälfte der Unterhaltung, und genau wie ihr schien es ihm nicht schwerzufallen, sich den Rest dazuzudenken.

Malu kam nicht allein, sondern in Begleitung dreier junger, hellhaariger Frauen, von denen eine müder aussah als die andere. Alle waren in einfache weiße Gewänder gekleidet, die ein bisschen Ähnlichkeit mit altmodischen Nachthemden hatten und aus zerschlissener Seide bestanden. Sie waren schlank, für die hiesigen Verhältnisse recht groß und starrten Pia aus noch größeren Augen an. Und es waren die ersten Menschen hier, denen sie begegnete, die langes, bis weit über die Schultern fallendes, glattes Haar hatten.

Noch bevor sie auch nur bis auf fünf Meter herangekommen waren, sah Pia, dass es falsch war; nicht gefärbt, sondern Perücken, und absolut miese noch dazu. Gebleichtes Pferdehaar, schätzte sie. Kein Wunder, dass Malu so begeistert von ihr gewesen war.

Und alle drei sahen aus wie sie.

Natürlich nicht wirklich wie sie. Zwei von ihnen sahen ihr nicht einmal ähnlich, und auch die dritte allerhöchstens vage. Sie war deutlich kleiner, aber von kräftigerem Wuchs (eine war ein richtiges kleines Pummelchen). Alle drei trugen so schlecht sitzende Perücken, dass man ihren eigenen, dunklen Haaransatz darunter deutlich erkennen konnte. Sie wirkten wie schlechte Kopien.

»Was … bedeutet das?«, murmelte Pia.

»Gaylen?«, sagte Malu strahlend. »Das sind meine Gaylens. Mädchen? Seht sie euch gut an. So muss ein Mädchen aussehen, um die Männer zu verzaubern!«

Pia hatte genug und stand auf. »Das …«

»Würdest du den Mantel öffnen und dich einmal drehen?«, bat Malu.

»Wenn ich mich begaffen lassen möchte«, antwortete Pia eisig, »dann verkaufe ich Eintrittskarten. Ich denke, wir gehen jetzt besser.«

Die drei Aushilfs-Gaylens starrten sie weiter an, und Malu wirkte wieder enttäuscht. Vielleicht hatte sie insgeheim gehofft, dass sie es sich noch einmal anders überlegte, wenn sie sah, wie groß der Unterschied zwischen ihr und diesen Möchtegerns war.

»Nur falls du es dir doch noch anders überlegen solltest«, sagte sie, »kannst du jederzeit herkommen. Für dich habe ich hier immer Platz. Und hör nicht auf das, was dieser alte Dummkopf Brack dir vielleicht erzählt. Meine Mädchen werden hier gut behandelt.«

Pia sagte gar nichts mehr, sondern drehte sich mit einem Ruck um und stürmte regelrecht nach draußen. Sie war nicht nur wütend, sie war … schockiert, aufgewühlt und bis auf den Grund ihrer Seele vollkommen verunsichert. Was zum Teufel ging hier vor?

Es verging noch eine geraume Weile, bis Alica und Brack ihr folgten; zwei Minuten mindestens, wenn nicht mehr. Alicas Grinsen war immer noch so breit und unverschämt schadenfroh wie gerade eben, und Brack sah ein bisschen mitgenommen aus. Vermutlich hatte er bis jetzt gebraucht, um Malu wieder zu beruhigen.

»Du hast das gewusst!«, fuhr sie ihn an, bevor er auch nur den Mund aufbekam, um etwas zu sagen.

»Natürlich habe ich das gewusst«, antwortete Brack. »Warum sonst hätte ich dich wohl herbringen sollen?«

»Und was sollte das?«, fauchte Pia.

»Ich dachte mir, es wäre der einfachste Weg, es dir zu zeigen.«

»Mir was zu zeigen?«

Brack wollte antworten, sah dann aber zur anderen Straßenseite hinüber und wirkte plötzlich wieder leicht besorgt. Pia folgte seinem Blick und gewahrte zwei Männer in den albernen Operettenuniformen der Stadtwache, die dort patrouillierten. Sie konnte nicht sagen, ob es dieselben waren wie vergangene Nacht, doch sie hatten im Schritt innegehalten und schauten jetzt so direkt zu ihnen her, dass es unmöglich ein Zufall sein konnte.

»Deine Kapuze«, sagte Brack.

Pia schlug rasch die Kapuze hoch, senkte den Blick und versuchte auch, die Schultern ein wenig hängen zu lassen, um etwas kleiner zu erscheinen. Das konnte die beiden Männer unmöglich täuschen – schließlich hatten sie sie ja bereits gesehen –, aber nach einem Moment setzten sie ihren Weg dennoch fort.

»Und was hatte das jetzt zu bedeuten?«, fragte Alica.

Pia stellte dieselbe Frage Brack, und er antwortete mit einem humorlosen Verziehen der Lippen: »Man sieht es hier nicht gerne, wenn jemand wie du offen auf der Straße herumläuft.«