»Auch nicht, wenn man so aussieht wie ich?«, fragte Pia geradeheraus.
»Doch«, antwortete Brack genauso offen. »Und aus eben diesem Grund sollten wir uns ein paar gute Antworten überlegen.« Er dachte einen Moment angestrengt nach und stand dann mit einer plötzlichen Bewegung auf. »Es gibt da jemanden, mit dem ich reden könnte. Wenn es mir gelingt, ihn zu überzeugen, erledigen sich alle anderen Probleme vielleicht von selbst.«
»Und wer soll das sein?«, fragte Pia.
»Istvan, der Kommandant der Stadtwache«, antwortete Brack.
»Derselben Stadtwache, vor der du uns gestern Abend gewarnt hast?«
»Das war etwas anderes«, behauptete Brack. »Da wusste ich nicht, wer ihr wirklich seid. Es ist den Gaylens verboten, nach Dunkelwerden in ihrer … ähm … Berufskleidung auf die Straße zu gehen. Die Wache will die Stadt sauber halten.«
»Wenn sie nicht gerade selbst bei Malu einkehren«, vermutete Pia.
»Ich muss mit Istvan reden«, beharrte Brack. »Wahrscheinlich hat er bereits von euch gehört. Besser, ich gehe zu ihm, bevor er zu mir kommt. Macht euch keine Sorgen. Er ist kein besonders angenehmer Mann, aber auch kein Dummkopf, und er ist gerecht. Wenn er erfährt, wer ihr seid, kann euch nichts mehr passieren.«
»Solange wir nicht nach Dunkelwerden auf die Straße gehen«, vermutete Pia.
»Du könntest dir das Haar schneiden und färben«, sagte Brack. »Aber das wäre eine Schande. Nein. Lass mich mit Istvan reden. Hast du noch Brasils Börse?«
»Natürlich.«
»Gut. Möglich, dass du sie brauchst.«
»Weil dieser Istvan ein so ehrlicher Mann ist?«
»Das ist er«, antwortete Brack ein bisschen verwirrt. »Bezahlt ihr dort, wo ihr herkommt, nicht für eure Sicherheit?«
Pia zuckte nur mit den Schultern.
»Ich gehe und rede mit ihm«, erklärte Brack. »Gut möglich, dass er gleich mit mir zurückkommt. Geht also nicht weg. Und überlegt euch eine gute Geschichte, wie ihr hergekommen seid.« Er wandte sich um, blieb nach einem Schritt jedoch stehen und machte kehrt, um einen Moment lang nachdenklich auf die Stiefel hinabzusehen, die sie immer noch trug. »Das wäre eine mögliche Erklärung.«
»Die Stiefel?«
»Immer noch glaubhafter, als durch ein Dach gefallen zu sein, in dem es nicht einmal ein Loch gibt, nicht wahr?«
Also hatte er gehört, was sie gerade zu Alica gesagt hatte. Natürlich hatte er es gehört. Pia nickte.
»Dann wartet hier. Wenn ihr hungrig seid, sagt Lasar Bescheid. Er ist ein Faulpelz und Nichtsnutz, aber ein ganz passabler Koch. Er kann euch etwas zu essen machen. Ich bin bald zurück.« Und damit ging er.
»Elfenprinzessin, wie?«, murmelte Alica noch einmal, nachdem er die Tür hinter sich zugezogen hatte – selbstverständlich auch diesmal ohne seinen Mantel anzuziehen.
»Lass den Quatsch«, sagte Pia ärgerlich. »Wir haben im Moment andere Probleme, oder?«
Alica machte eine beleidigte Schnute und setzte zu einer vermutlich noch beleidigteren Antwort an, doch da schepperte es hinter ihnen, und als sie beide herumfuhren, sahen sie gerade noch einen Schatten hinter der Theke verschwinden. Eine Tür klappte.
»Vielleicht gehen wir besser nach oben und reden dort weiter«, sagte Pia. Sie konnte Bracks Gehilfen ja verstehen, gerade nach der Geschichte, die sie gehört hatten, aber sie hatte ganz bestimmt keine Lust, jetzt auch noch auf Lasar Rücksicht zu nehmen und jedes Wort auf die Goldwaage legen zu müssen.
Sie gingen nach oben, erstaunlicherweise ohne dass Alica irgendetwas sagte oder auch nur eine spitze Bemerkung von sich gab. Aber das änderte sich schlagartig, kaum dass sie die Tür hinter sich zugezogen hatte. »Jetzt komm bloß nicht auf die Idee, dir diesen ganzen Quatsch zu Kopf steigen zu lassen. Ich werde ganz bestimmt nicht Prinzessin zu dir sagen. Und auf einen Hofknicks kannst du warten, bis du grün im Gesicht bist!«
Pia verzog eher schmerzlich als amüsiert die Lippen, ging zum Fenster und sah auf die Straße hinab, bevor sie antwortete. Unten hatte sich nichts verändert. »Und wenn an dieser Geschichte etwas dran ist?«
»Dass du eine wiedergeborene Elfenprinzessin bist?« Alica lachte. »Mach dich nicht lächerlich.«
»Natürlich nicht«, antwortete Pia. »Aber ich …« Sie ließ den Satz unbeendet und sah fast eine Minute lang auf die Straße hinab, bevor sie weitersprach. Alles dort unten war so bizarr, so fremd und zugleich auf eine durch und durch unheimliche Weise vertraut. Und dasselbe galt für das, was Brack vorhin erzählt hatte.
»Aber dieser ganze … Zauberkram.«
»Magie. Buhuhuhuh«, machte Alica. Pia konnte hören, wie sie mit den Armen wedelte. »Schwarzer Zauber. Vielleicht sollten wir uns eines von diesen lebenden Elfenschiffen organisieren und damit nach Hause fahren.«
»Das kann kein Zufall sein«, beharrte Pia. »Dieser Kerl, der uns vor Hernandez und seinen Schlägern gerettet hat … er hat mich Gaylen genannt.«
»War es ein Dunkelelf oder einer von den Guten?«, spöttelte Alica.
Pia ging gar nicht darauf ein. »Dieser Turm. Du hast gehört, was Brack darüber erzählt hat. Wir sollten ihn uns ansehen.«
»Der Turm des Hochkönigs?« Alica machte ein abfälliges Geräusch. »Du glaubst diesen ganzen Humbug?«
Pia dachte weniger an das, was Brack über jenes unheimliche Gebäude erzählt hatte, als an das, was der Anblick seiner schwarzen Mauern und himmelstürmenden Türme in ihr ausgelöst hatte. In diesem Gebäude war irgendetwas.
»Ich werde ihn mir auf jeden Fall ansehen«, sagte sie. »Am besten noch heute.«
»Du spinnst«, sagte Alica. »Da kriegen mich keine zehn Pferde rein.« Sie zog eine Grimasse und schauderte übertrieben.
»Dann haben wir ein Problem«, antwortete Pia. »Hast du nicht selbst gesagt, du würdest überall hingehen, wo ich auch hingehe? Und ichwerde mir diesen Turm ansehen.«
»Du bist doch …«
»Oder willst du hierbleiben?«, fuhr Pia ungerührt fort.
Darauf antwortete Alica gar nicht mehr. Aber Alica wäre nicht Alica gewesen, hätte sie so schnell aufgegeben. »Also gut«, versuchte sie es nach einer Weile noch einmal. »Auch wenn ich mich selbst frage, ob ich allmählich den Verstand verliere: Tun wir einfach für ein paar Minuten so, als würde ich diesen ganzen Gespensterkram glauben.«
»Ich habe nichts von Gespenstern gesagt«, sagte Pia.
»Du glaubst aber nicht im Ernst, dass du irgendetwas mit dieser Elfenprinzessin zu tun hast, oder?«, fuhr Alica fort.
»Nein«, antwortete Pia. Sie klang nicht wirklich überzeugt. »Aber das ist auch gar nicht nötig. Vielleicht reicht es ja, wenn jemand anders das glaubt.«
»Dein geheimnisvoller Retter? Der Ritter auf dem weißen Pferd?«
»Er hatte kein Pferd. Immerhin hat er mich mit diesem Namen angesprochen«, erinnerte Pia, wobei sie sorgsam vermied, Gaylen zu sagen. Sie hob die Hand, als sie spürte, dass Alica widersprechen wollte. »Lass mich den Gedanken zu Ende spinnen.«
»Spinnen trifft es ganz gut.«
»Was, wenn er mich einfach verwechselt hat?«, fuhr sie ungerührt fort. »Ich weiß, es klingt verrückt, aber das gilt schließlich für die ganze Geschichte hier. Was, wenn das alles einfach nur eine völlig aberwitzige Verwechslung ist?«
»Oder auch nicht, und du bist diese verschollene Elfenprinzessin?«, stichelte Alica. »Könnte doch sein, oder? Also, immerhin … wenn man’s genau nimmt, dann könntest du es schon sein. Du siehst aus wie sie und du weißt selbst nicht genau, wer du bist. Esteban hat mir verraten, dass du ein Findelkind bist. Die verschollene Elfenprinzessin, die von ihren Eltern in eine fremde Welt gebracht wurde. Und in eine besonders sichere dazu. Einen besseren Ort für ein Kind als die Favelas gibt es ja schließlich kaum … jedenfalls solange die Idioten von der Stadtverwaltung nicht wieder ein paar Killerkommandos losschicken, die Jagd auf Slumkinder machen.«
»Jaja, ist schon gut«, sagte Pia.
»Andererseits könnte ich es auch sein«, sinnierte Alica.
Pia drehte sich zu ihr um und sah sie fragend an.