»Doch, doch.« Alica nickte heftig. »Ich bin auch ein Waisenkind, genau wie du. Wusstest du das nicht? Ich habe keine Ahnung, wer meine Eltern sind. Allerdings bin ich im Gegensatz zu dir in einem dreckigen Waisenhaus am Rande der Favelas aufgewachsen, in dem es keinen Strom und nur kaltes Wasser gegeben hat und nicht einmal jeden Tag etwas zu essen.«
»Mir bricht das Herz.«
»Braucht es nicht«, sagte Alica. »Ich wollte dir nur zeigen, wie leicht man sich etwas zusammenreimen kann, wenn man will.«
Pia versuchte, sie zornig anzufunkeln, doch es gelang ihr nicht. Für ihren Geschmack hatte Alica in letzter Zeit eindeutig ein bisschen zu oft recht, wenn es um solche Dinge ging. Nach einigen weiteren, endlosen Sekunden, in denen sie sie nur mit einer Mischung aus Trauer und einem immer stärker werdenden Ärger, der viel mehr ihr selbst als der jungen Frau galt, angestarrt hatte, hob sie die Schultern und sagte noch einmaclass="underline" »Ich werde ihn mir ansehen. Jetzt.«
»Jetzt?«, wiederholte Alica. »Ich kann mich täuschen, aber hat Brack uns nicht befohlen, hier auf ihn und Istvan zu warten?«
»Ich kann mich ebenfalls täuschen«, erwiderte Pia, »aber seit wann lässt du dir von irgendjemandem etwas befehlen?«
»Netter Versuch«, sagte Alica. »Aber so, wie die Dinge liegen, sollten wir im Moment vielleicht besser …«
»Es ist deine Entscheidung«, unterbrach sie Pia. Ohne ein weiteres Wort und mit schon etwas mehr als nur sanfter Gewalt schob sie Alica aus dem Weg, öffnete die Tür und war schon halb die Treppe hinunter, bevor Alica ihre Überraschung überwand und sich ihr anschloss.
»Dann sei wenigstens so vernünftig und nimm das hier«, sagte sie. Pia hielt zwar nicht im Schritt inne, sah aber zu ihr zurück und bemerkte einen hellen Stofffetzen, mit dem Alica aufgeregt herumwedelte. Er sah aus, als hätte sie ihn aus der Bettwäsche herausgerissen – was sie wahrscheinlich getan hatte. Pia hätte nicht übel Lust gehabt, ihn als Knebel zu verwenden, um sie damit endlich zum Schweigen zu bringen, verstand aber, was Alica meinte, und musste ihr – wieder einmal – widerwillig im Stillen recht geben. Am Fuße der Treppe angelangt, entriss sie ihr den Fetzen, raffte mit der linken Hand ihre Haare zusammen und versuchte ihn mit der anderen unter dem Kinn zu knoten, um ein Kopftuch zu improvisieren. Erst als Alica ihr half, gelang es ihr wirklich.
Lasar tauchte wieder aus den Schatten hinter der Theke auf und starrte sie genauso fasziniert und erschrocken wie vorhin an, aber er sah zugleich auch ziemlich unglücklich aus, fand Pia. Sie gab ihm keine Gelegenheit, auch nur ein einziges Wort zu sagen, sondern schlug die Kapuze ihres Umhanges hoch und riss die Tür auf. Blindlings stürmte sie los, überquerte die Straße fast zur Gänze und blieb erst wieder stehen, als sie sich schon einen halben Block vom Weißen Eber entfernt hatte. Alica holte zu ihr auf und machte ein Gesicht, als ärgere sie sich über ein ganz besonderes störrisches Kind, sparte sich aber zu Pias Erleichterung jeden Kommentar.
Wahrscheinlich hätte sie ihr auch dieses Mal recht geben müssen.
Erst jetzt spürte sie die Kälte, die die Stadt in ihrem eisigen Griff hatte. Der Boden, auf dem sie standen, war hart gefroren (und das sollte der Sommer sein, von dem Brack gesprochen hatte?), und selbst das Luftholen begann schon wieder wehzutun.
Außerdem wurden sie auch diesmal angestarrt.
Pia fragte sich, ob es vielleicht an ihrer für die Menschen in dieser Stadt so ungewohnten Eile lag, oder ob ihre und Alicas Größe auffielen – oder die Neuigkeit von ihrem Auftauchen hier bereits die Runde gemacht hatte. Mindestens ein Dutzend Männer und Frauen blickten sie an, auch wenn sie hastig wieder wegsahen oder so taten, als wären sie in ein intensives Gespräch mit einem anderen oder die Betrachtung der Auslagen eines der zahlreichen kleinen Geschäfte vertieft, die die Straße säumten. Die Kinder – deren große Anzahl ihr abermals auffiel – kannten solche Hemmungen nicht und starrten sie unverhohlen neugierig, manche aber auch eindeutig erschrocken aus großen Augen an. Ein vor Schmutz starrendes Kind, dessen Geschlecht unter der dicken Dreckschicht auf seinem Gesicht nicht einmal zu erraten war, deutete heftig gestikulierend in ihre Richtung und fuhr dann auf dem Absatz herum, um schreiend davonzulaufen.
»Ja, das muss ungefähr das sein, was Brack sich unter dem Wort unauffällig vorgestellt hat«, sinnierte Alica und quittierte Pias ärgerlichen Blick mit einem bekräftigenden Nicken. Gleichzeitig schlang sie den Umhang enger um die Schultern und schauspielerte ein übertriebenes Frösteln. »Aber gegen einen gemütlichen Spaziergang im hellen Sonnenschein wird er sicherlich nichts einzuwenden haben.«
Pia sparte sich jeden Kommentar, zog aber beinahe ohne ihr eigenes Zutun die Kapuze ein wenig tiefer ins Gesicht und setzte endlich ihren Weg fort, langsamer und ohne irgendeine bestimmte Richtung zu wählen. Ebenfalls ohne ihr Zutun und beinahe ohne sich dessen bewusst zu sein, suchte ihr Blick die Fassaden der Häuser rechts und links der Straße ab, vor allem aber die Silhouetten der anderen Spaziergänger, um sich zu überzeugen, dass tatsächlich keiner unter ihnen war, der vielleicht durch Größe und Wuchs aus der Masse herausstach, oder unter dessen Mantel sich vielleicht ein struppiger Fellumhang verbarg, ein hässliches Gesicht oder ein noch hässlicheres Schwert.
Erst danach hob sie den Blick, ließ ihn aufmerksam über die spitzen Dächer der strohgedeckten Häuser vor ihnen schweifen und fixierte dann den schwarzen Koloss im Herzen der Stadt. Sie hatte das Gefühl, jetzt weiter davon entfernt zu sein als am Morgen (obwohl das natürlich ganz und gar unmöglich war), und damit nicht genug, kam er ihr auch noch düsterer vor, die Schatten tiefer, das Schwarz seiner zyklopischen Wände intensiver. Vielleicht hatte Alica ja recht. Vielleicht war es keine gute Idee, dorthin zu gehen.
Sie verscheuchte diesen albernen Gedanken, ohne ihn jedoch ganz loszuwerden, während sie sich mühsam dem hier üblichen gemächlichen Schlendern anpassten und mit gesenktem Kopf und noch weiter gesenkten Schultern ihren Weg durch die schmalen, oft genug hoffnungslos verwinkelten Gässchen und Straßen WeißWalds suchten. Dann und wann hob Pia den Blick, um den schwarzen Turm vor ihnen zu fixieren, die meiste Zeit über war er allerdings starr zu Boden gerichtet; eine für ihre Begriffe geradezu demütigende Art, sich zu bewegen, aber ihre innere Stimme riet ihr immer drängender, wenigstens insoweit auf Alicas Warnung zu hören und nicht noch mehr Aufsehen zu erregen, als sie es ohnehin schon getan hatten.
Alica setzte dazu an, etwas zu sagen (von dem Pia mutmaßte, dass sie es nicht hören wollte), doch in diesem Moment brach vor ihnen etwas wie ein kleiner Tumult aus. Überrascht und alarmiert zugleich blieben sie stehen, aber die Aufregung und das Stimmengewirr galten nicht ihnen. Ein in zerfetzte Lumpen gekleidetes Kind schoss aus einem der schmalen Gässchen gleich vor ihnen heraus, rannte im Zickzack über die Straße und verschwand zwischen den Häusern auf der gegenüberliegenden Seite. Nur einen Atemzug später rannten zwei Soldaten der Stadtwache hinter ihm her, mit wehenden Mänteln und drohend erhobenen Speeren.
»Keine Chance«, sagte Alica schadenfroh. »Den holen sie nie ein.«
Pia überlegte einen Moment, was das Kind wohl getan haben mochte, um von zwei bewaffneten Männern verfolgt zu werden, die auch ganz den Eindruck machten, als würden sie ihre Waffen benutzen, sollten sie seiner habhaft werden … was aber nicht sehr wahrscheinlich war. Pia hatte aus ihrer eigenen Jugend genug Erfahrung in solchen Dingen, um zu wissen, dass der Knirps ihnen entkommen würde. Ein flüchtiges Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie weitergingen. Wahrscheinlich, dachte sie, hatte sich der Knirps nichts Schlimmeres zu Schulden kommen lassen, als einen Apfel zu stehlen oder einen etwas zu derben Scherz zu machen, aber manche Dinge, dachte sie nicht zum ersten Mal, waren offensichtlich tatsächlich in allen Welten gleich. Irgendwie hatte der Gedanke etwas Beruhigendes.