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»Setz dich wieder, Mädchen«, sagte Brack, an Alica gewandt.

Alica schien seine Worte gar nicht gehört zu haben, und wenn, ignorierte sie sie. Sie trat nur einen weiteren Schritt vom Tisch zurück und spannte sich sichtbar an. »Das ist …«

Brack wiederholte seine Geste, sich wieder zu setzen. Er wandte sich direkt an Pia. »Sag deiner Freundin, sie soll sich setzen. Es ist alles in Ordnung.«

»So?«

Brack setzte zu einer weiteren Erklärung an, drehte sich stattdessen jedoch schnaubend auf seinem Schemel herum, warf Brasil einen raschen, aber eindeutig mahnenden Blick zu und wandte sich dann an Istvan. »Wie Ihr seht, sie sind mit unseren Sitten und Gebräuchen wirklich nicht vertraut.«

»Gehört es zu Euren Sitten und Gebräuchen, dass sich die Gäste gegenseitig überfallen und ausrauben?«, fragte Pia. Die Worte taten ihr fast sofort wieder leid, denn Brack starrte sie regelrecht entsetzt an, und auch Istvans Miene verdüsterte sich.

»Natürlich nicht«, sagte er. »Brack hat mir auf dem Weg hierher erzählt, was passiert ist.«

»Dann wisst Ihr auch, dass dieser Mann versucht hat, meine Freundin und mich zu überfallen«, antwortete Pia. Sie hatte mit jeder Sekunde mehr das Gefühl, dass es besser wäre, jetzt vielleicht gar nichts mehr zu sagen, aber sie konnte die Worte auch nicht zurückhalten. Brasil musterte sie über die Entfernung finster aus einem gesunden und einem fast zur Gänze zugeschwollenen Auge, in denen die blanke Mordlust loderte.

»Aber dieser Überfall fand außerhalb der Stadtmauern WeißWalds statt, richtig?«, vergewisserte sich Istvan.

Pia nickte.

»Siehst du«, fuhr Istvan fort. Er hob beiläufig die Schultern. »Selbstverständlich steht jeder unter dem Schutz unserer Gesetze, der sich innerhalb der Stadtmauern aufhält. Was er draußen tut, geht uns nichts an.«

Pia starrte ihn aus ungläubig aufgerissenen Augen an. »Soll das heißen …«, murmelte sie.

»Ja, das soll es heißen«, sagte Istvan. »Ihr scheint wirklich aus einem sehr fernen Land zu stammen.« Er machte eine unwillige Handbewegung, als Pia etwas darauf erwidern wollte, warf Alica einen weiteren, jetzt schon beinahe eisigen Blick zu und wartete, bis sie ihren Hocker aufgehoben und wieder darauf Platz genommen hatte.

»Aber wir wollten über eure Heimat sprechen, Gaylen. Und den Grund, aus dem ihr hier seid.«

Das wollte Pia ganz und gar nicht und schwieg.

»Ihr seid also rein zufällig nach WeißWald gekommen«, setzte Istvan neu an, als ihm klar wurde, dass sie nicht von sich aus weitersprechen würde.

»Nein«, antwortete Pia. Sie streckte die Beine aus, sodass Istvan ihre Stiefel sehen konnte. »Ein Geschenk meiner Mutter. Sie meinte, eines Tages könnten sie mir vielleicht von Nutzen sein. Sie haben mich hergeführt.«

Istvan starrte ihre Stiefel an. Lange. Sehr lange. Alica tat dasselbe, und ihr Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

Schließlich nickte der Statthalter. »Deine Mutter scheint mir eine sehr kluge Frau zu sein. Und zugleich sehr dumm, dich auf einen solchen Namen zu taufen.« Er machte eine herrische Geste, zum Zeichen, dass er keine Antwort hören wollte. »Gleichwie. Das ist eine sehr … bemerkenswerte Geschichte, die du da erzählst, Gaylen. Und was habt ihr jetzt vor, deine Freundin und du?«

»Wir wollen wieder nach Hause«, antwortete Pia. »Sobald es das Wetter zulässt, gehen wir zur Küste und versuchen ein Schiff zu finden, das uns zurück in unsere Heimat bringt.« Sie wollte es nicht, aber ihr Blick irrte ganz von selbst wieder zum Nachbartisch und tastete über Brasils zerschlagenes Gesicht. Lasar hatte ihm mittlerweile einen Krug Bier gebracht, und er trank mit kleinen, vorsichtigen Schlucken. Vermutlich tat ihm jede Bewegung weh. Wenigstens hoffte Pia, dass es so war.

»Dann müsst ihr bis zum nächsten Frühjahr warten«, sagte Istvan. Pia versuchte vergeblich, in seiner Miene zu lesen. Sein Gesicht war wie Stein. »Es ist ein weiter Weg bis zur Küste. Ihr werdet keinen Kapitän finden, der sich auf unbekannte Gewässer hinauswagt, wenn die ersten Herbststürme bevorstehen. Nicht ohne Entgelt.«

»Wir haben Geld.« Brack schenkte ihr einen weiteren, verstohlenen Blick, der vorsichtige Erleichterung signalisierte, und Pia zog den Lederbeutel unter dem Mantel hervor, den sie Brasil abgenommen hatte, und legte ihn vor sich auf den Tisch. Brasil starrte sie hasserfüllt an. Istvan nahm den Beutel, warf einen Blick hinein und schüttelte den Kopf.

»Das wird nicht ausreichen, um ein Schiff zu bezahlen.«

»Meine Familie ist nicht arm«, sagte Pia. »Den Kapitän, der uns nach Hause bringt, wird eine großzügige Belohnung erwarten.«

»Trotzdem müsst ihr bis zum Frühjahr hierbleiben«, antwortete Istvan. Er machte keine Anstalten, ihr den Geldbeutel zurückzugeben, sondern schloss die Finger darum. »Was sagen deine Schuhe dazu?«

»Sie haben mich hergebracht«, erwiderte Pia. »Bislang wollen sie nicht wieder weg.«

»Dann solltest du auf sie hören.« Der Lederbeutel verschwand wie weggezaubert unter Istvans Mantel, und Alica legte gleichermaßen missbilligend wie überrascht die Stirn in Falten. Pia schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie wenigstens in diesem Moment klug genug war, die Klappe zu halten. »Wenigstens so lange, bis ich mir darüber klar geworden bin, was ich von deiner Geschichte zu halten habe«, fügte Istvan hinzu. Obwohl er nicht einmal in ihre Richtung gesehen hatte, schien er Alicas Blicke zu spüren, denn er wandte langsam den Kopf und sah sie ebenso stumm wie herausfordernd an.

Eine Herausforderung, die Alica nur zu gerne annehmen würde, wie Pia wusste.

Brack schien das wohl ebenso zu sehen, denn er fragte fast hastig: »Dann können sie bleiben?«

»Vorerst«, antwortete Istvan, wenn auch erst nach einer kurzen unangenehmen Pause. »Aber wovon wollen sie leben?« Der Blick, mit dem er Pia dabei maß, war nicht mehr anzüglich zu nennen. Dafür hätte man ein neues Wort erfinden müssen.

»Das wird schon«, sagte Brack hastig. »Ich habe bereits darüber nachgedacht. Vorerst können sie bei mir wohnen. Alica kann in der Küche helfen, und Gaylen …« Er hob die Schultern. Der Blick, den er Pia verstohlen zuzuwerfen versuchte, wurde beinahe flehend. »Vielleicht sollten wir damit beginnen, sie nicht mehr Gaylen zu nennen.«

»Aber das ist doch ihr Name?«, sagte Istvan lächelnd.

»Schon, aber es könnte doch zu gewissen …«, Brack bemühte sich um ein verlegenes Gesicht und ein ebensolches angedeutetes Schulterzucken, »… peinlichen Verwechslungen führen. Du hast einen zweiten Vornamen, wie du mir vorhin verraten hast?«

Pia beließ es bei einem Nicken. Hätte sie versucht, ihren Namen zu nennen, hätte sie doch wieder nur Gaylen gesagt.

»Pia«, sagte Brack. »Das war er doch, oder?«

Sie nickte auch jetzt nur wortlos. Istvan runzelte die Stirn, und Brack wirkte schon wieder ein wenig hilflos, raffte sich aber zu einem Lächeln auf. »Und wir werden ein wenig an ihrem Aussehen verändern müssen.«

Pia konnte Istvan regelrecht ansehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Sie war nicht imstande, seine Gedanken nachzuvollziehen, aber ziemlich sicher, dass sie ihr ganz bestimmt nicht gefallen würden.

Am Nebentisch leerte Brasil lautstark seinem Bierkrug, rülpste noch lauter und stand umständlich auf, um mit leicht unsicher wirkenden Schritten um den Tisch herumzugehen und schließlich hinter der Theke zu verschwinden. So wie er sich bewegte, hätte man meinen können, dass ihn dieser eine Krug Bier schon betrunken gemacht hatte, in Wahrheit aber, das wusste Pia, bereitete ihm vermutlich jede noch so kleine Bewegung Schmerzen.