Auch Alica hatte Brasil keinen Sekundenbruchteil aus den Augen gelassen, jetzt aber wandte sie sich mit leicht verärgertem Gesichtsausdruck an Pia. »Was sucht der Kerl hier?«
»Was sagt deine Sklavin?«, fragte Istvan, und Pia war plötzlich sehr froh, dass Alica seine Worte nicht verstand.
»Sie wundert sich ein wenig, dass er hier ist«, antwortete sie diplomatisch. Istvan legte fragend den Kopf auf die Seite, und sie fügte fast hastig hinzu: »Nach allem, was heute Morgen passiert ist, hätte ich eher damit gerechnet, dass er uns … nun ja, aus dem Weg geht.«
»Warum sollte er?«, fragte Istvan. »Er wohnt hier.«
Alica blickte nur noch fragender, und Pia wandte sich ehrlich überrascht an Brack. »Ist das wahr?« Ohne Bracks Antwort abzuwarten, übersetzte sie Istvans Antwort für Alica, die noch verstörter wirkte. Erst danach wurde sie vom Wirt mit einem leicht verwunderten Nicken belohnt.
»Ich kann mir meine Gäste nicht aussuchen«, sagte er.
»Womit wir wieder beim Thema wären«, mischte sich Istvan ein. Er klang jetzt ein bisschen ungeduldig. »Ihr scheint gewisse Schwierigkeiten zu haben, euch an unserer Gesetze und Regeln zu halten.« Pia wollte antworten, doch Istvan brachte sie mit einer harschen Geste zum Verstummen. Eine der Regeln, mit denen sie garantiert die eine oder andere Schwierigkeit bekommen würde, war offensichtlich die, nach der Gespräche hier geführt wurden. »Was immer zwischen Brasil und euch auch vorgefallen sein mag, solange es sich außerhalb der Stadtmauern WeißWalds abgespielt hat, spielt es keine Rolle. Weder für ihn noch für euch. Er wird euch nichts antun, dafür stehe ich mit dem Wort des Stadtkommandanten gerade.« Er sah sie an, und nach zwei oder drei Atemzügen verstand Pia, was er von ihr erwartete, und nickte. Das schien Istvan allerdings nicht auszureichen, denn er machte eine entsprechende Geste zu Alica hin, und Pia wiederholte seine Worte. Der Ausdruck auf Alicas Gesicht wurde zu purer Fassungslosigkeit, und auch Istvan sah ein wenig verwirrt aus, die erwartete Übersetzung mit genau denselben Worten zu hören, die er selbst gerade ausgesprochen hatte.
»Du«, fügte Istvan, an Brack gewandt und in fast schon ein wenig drohend klingendem Tonfall hinzu, »bist mir dafür verantwortlich, dass auch Brasil das nicht vergisst. Wenn er noch einmal Ärger macht, könnte es gut sein, dass er den Sommer über ein anderes Quartier bezieht.«
Brack beeilte sich zu nicken. Alica sah den Stadtkommandanten auf eine sehr sonderbare Art an, schürzte dann die Lippen und stand fast gemächlich auf. Istvan schien etwas sagen zu wollen, entschied sich dann aber anders und runzelte nur die Stirn, als die junge Frau langsam um den Tisch herumging und in derselben Richtung verschwand wie Brasil. Pia fragte sich leicht besorgt, was sie dort draußen wollte.
»Sie ist also deine Sklavin«, fuhr Istvan fort, nachdem Alica gegangen war. Er schüttelte den Kopf. »Ist es bei euch üblich, dass sich Sklavinnen das Gesicht bunt anmalen?«
»Ähm … nicht alle«, antwortete Pia unsicher. »Es hat etwas mit ihrem Status zu tun. Je geringer er ist, desto mehr schminken sie sich. Damit man sie von den freien Frauen bei uns unterscheiden kann.« Jetzt war sie wirklich sehr froh, dass Alica nicht mehr in Hörweite war.
Istvans Gesichtsausdruck ließ nicht erkennen, was er von dieser Antwort hielt oder ob er sie überhaupt glaubte, aber er ging auch mit keinem weiteren Wort darauf ein, sondern starrte sie nur noch einen weiteren endlosen Herzschlag lang an und stand dann mit einer irgendwie mühsam wirkenden Bewegung auf. Pia konnte im letzten Moment den Impuls unterdrücken, aus lauter Höflichkeit ebenfalls aufzustehen. Selbst jetzt, wo Istvan sich vor sie hingestellt hatte, konnte sie ihm beinahe auf gleicher Höhe in die Augen sehen. Istvan hätte es vermutlich nicht geschätzt, den Kopf in den Nacken legen zu müssen, um weiter mit ihr zu reden. Warum mussten die Leute hier auch alle so klein sein?
»Also gut, Brack, wir haben uns verstanden«, sagte der Stadtkommandant. »Ich muss in Ruhe nachdenken, wie wir weiterverfahren, und so lange bist du mir für diese beiden Frauen verantwortlich.«
»Selbstverständlich«, sagte Brack hastig. »Macht Euch keine Sorgen, Istvan.«
»Nein, gewiss nicht«, erwiderte Istvan. »Wenn überhaupt, dann solltest du dir Sorgen machen. Dein Gasthaus sollte nicht noch einmal in Verruf geraten. Anderenfalls müsste ich mir ernsthaft überlegen, es zu schließen.«
Und mit diesen – zweifellos sorgsam gewählten – Worten drehte er sich endgültig um und verließ zusammen mit den beiden Wachsoldaten den Schankraum. Ein eisiger Windstoß fauchte herein und ließ Pia unter ihrem Mantel frösteln, als die Männer die Tür hinter sich zuzogen.
Brack starrte die geschlossene Tür noch eine geraume Weile an. Pia konnte seine Sorge spüren. Bei diesem Besuch war es nicht nur um Alica und sie gegangen. Die Spannung zwischen den beiden Männern war unübersehbar gewesen. Etwas war zwischen ihnen vorgefallen; etwas gar nicht Gutes, und Brack war ganz zweifellos nicht der Sieger dabei gewesen. Sie wollte etwas sagen, einfach nur um die unangenehme Stille zu unterbrechen, aber Brack bedeutete ihr nur ein Kopfschütteln mit den Augen und starrte weiter die Tür an, als wäre er fest davon überzeugt, Istvan im nächsten Moment zurückkommen zu sehen.
Stattdessen ging die Tür hinter der Theke auf, und Alica kehrte zurück. Etwas wie die Andeutung eines nicht ganz unterdrückten, sehr zufriedenen Lächelns lag auf ihren Lippen, und als sie näher kam, fiel Pia auf, dass sie sich die Knöchel der rechten Hand mit der linken massierte.
»Wo bist du gewesen?«, fragte sie alarmiert.
»Oh, nur ein bisschen draußen, frische Luft schnappen«, antwortete Alica. »Ist unser Besuch schon gegangen?«
Brack sah sie einen Moment lang verwirrt an, und Pia hoffte schon, dass dieser Ausdruck nur seinem Versuch entsprang, Alicas für ihn unverständliche Worte zu verstehen, dann aber erschien etwas anderes in seinem Blick, und er sprang hastig auf und verschwand beinahe schon rennend hinter der Theke.
»Du hast nicht etwa …?«, begann Pia.
»Was?«, fragte Alica harmlos. »Ich habe mich nur ein bisschen mit Brasil unterhalten. Eigentlich ist er ein ganz netter Kerl … wenn man die richtigen Argumente hat.«
Pia verzichtete darauf, irgendetwas zu erwidern. Sie bedeutete Alica mit einer Kopfbewegung, sich wieder zu setzen, und überzeugte sich dann mit einem schnellen Blick in die Runde, dass sie allein waren. Wenn Lasar sie belauschte, dann tat er es so geschickt, dass sie nichts davon bemerkte. »Ich fürchte, das wird allmählich kompliziert«, sagte sie.
Alica schnaubte. »Wir sollten von hier verschwinden, bevor es etwas ganz anderes wird als nur kompliziert.«
»Gute Idee«, stimmte ihr Pia zu. »Und wohin?«
Alica setzte zu einer sichtlich noch schärferen Antwort an, aber dann schien sie sich daran zu erinnern, was heute Morgen passiert war, und machte nur ein ärgerliches Gesicht.
»Wo wir gerade von kompliziert sprechen«, fuhr sie fort, »täusche ich mich, oder hast du diesem Halsabschneider gerade unser ganzes Geld gegeben?«
»Genau genommen hat er es sich genommen«, antwortete Pia.
»Und wovon«, fragte Alica, »sollen wir jetzt leben?« Sie schien zumindest eine der örtlichen Gewohnheiten bereits angenommen zu haben, nämlich die, Fragen zu stellen und sie auch gleich selbst zu beantworten. »Wir könnten natürlich einen kleinen Ausflug nach draußen machen und darauf hoffen, dass ein weiterer Blödmann auf die Idee kommt, uns zu überfallen. Scheint sich ja zu lohnen.« Sie machte ein noch ärgerlicheres Geräusch. »Nur falls es dir nicht aufgefallen ist, Süße – wir sind jetzt pleite.«
Bevor Pia antworten konnte, kam Brack zurück. Er wirkte gleichermaßen erschrocken wie zornig.
»Was hast du getan?«, wandte er sich an Alica.
Alica sah ihn an, lächelte und hob dann in einer perfekt geschauspielerten Ich-verstehe-dich-leider-nicht-Geste die Schultern. Brack wirkte nur noch zorniger.