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»Schon gut«, sagte Pia hastig. »Ich rede mit ihr.«

»Ach?«, fragte Alica harmlos. »Worüber?«

»Das würde ich dir auch raten«, sagte Brack aufgebracht. »Du hast Istvan gehört. Er ist für die Sicherheit hier in WeißWald verantwortlich, und er nimmt diese Aufgabe sehr ernst.«

»Und er ist nicht unbedingt dein Freund«, vermutete Pia.

»Istvan ist niemandes Freund«, antwortete Brack. »Nicht einmal sein eigener. Dass er euch gestattet, vorerst hierzubleiben, ist schon beinahe mehr, als ich erwartet habe. Und er hat dir nicht geglaubt.«

»Die Geschichte von meiner Heimat?«, vermutete Pia.

»Kein Wort«, bestätigte Brack. »Danke Kronn dafür, dass er nicht weiß, wo ich euch vorhin aufgegriffen habe. Wenn er es erfährt, findet ihr euch schneller im Kerker wieder, als ihr euch das nur vorstellen könnt.«

»Der Turm des Hochkönigs? Ich wusste nicht, dass es verboten ist, dorthin zu gehen.«

»Das ist es auch nicht«, sagte Brack. »Aber niemand geht dorthin. Es ist ein schlechter Ort. Die Menschen fürchten ihn. Istvan könnte auf falsche Gedanken kommen, wenn er erfährt, dass ihr euch dafür interessiert.«

»Wir sind fremd hier«, erinnerte Pia. »Wir interessieren uns für alles.«

Aus irgendeinem Grund schienen diese Worte Brack eher zu erschrecken, statt zu beruhigen. »Und das solltet ihr noch viel weniger sagen.« Er machte eine Bewegung, wie um sich zu setzen, überlegte es sich dann anders und trat lediglich auf die andere Seite des Tisches, weiter weg vom Kamin, dessen Wärme ihm offensichtlich unangenehm war. »Ihr habt Istvan gehört. Ihr seid jetzt meine Gäste, und damit bin ich für euch verantwortlich. Für alles, was ihr tut oder sagt. Wenn du mir also Schwierigkeiten machen willst, dann nur weiter so.«

Natürlich war das nichts anderes als ein durchsichtiger Versuch, an ihr schlechtes Gewissen zu appellieren, wie Pia sehr wohl begriff – aber er funktionierte. »Das liegt nicht in meiner Absicht.« Alica setzte schon wieder dazu an, etwas zu sagen, und Pia fuhr eine Spur lauter fort: »Vielleicht ist es das Beste, wenn Alica und ich jetzt auf unser Zimmer gehen und uns eine Weile beraten.«

»Beraten?«, fragte Alica. »Worüber?«

Pia ignorierte sie.

»Das ist vielleicht eine gute Idee«, sagte Brack. »Ich … muss auch über das eine oder andere nachdenken. Vielleicht ist es am besten, wenn ihr nach oben geht.« Sein Blick irrte zur Theke, genauer gesagt zu der Tür, die sich in den Schatten dahinter verbarg. Er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, aber Pia entging seine Besorgnis keineswegs.

»Das passiert nicht noch einmal«, versprach sie. »Und was Brasil angeht …«

»Mach dir um diesen Dummkopf keine Sorgen«, unterbrach sie Brack. Er unterstrich seine Worte mit einer wegwerfenden Geste, die Pias Meinung nach ein bisschen zu überzeugt ausfiel. »Ich habe ihm klargemacht, dass es besser für ihn ist, wenn er diesen kleinen Zwischenfall … äh … vergisst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihm daran gelegen ist, wenn ganz WeißWald davon erfährt.«

Pia lächelte zwar flüchtig, dennoch war sie ziemlich sicher, dass Alica draußen auf dem Hof gerade nicht nur Brasil mit Füßen getreten hatte. Sie signalisierte Brack noch einmal mit einem stummen Blick, sich um die Angelegenheit zu kümmern, bedeutete Alica mit einer sehr viel unwilligeren Geste, vorauszugehen, und steuerte dann die Treppe an. Alica tat zwar ihr Möglichstes, um sie mit Blicken aufzuspießen, aber sie gehorchte ihr auch.

Bis sie ihr Zimmer im ersten Stockwerk erreicht hatten, hieß das. »Sklavin, wie?«, fauchte sie. Die Worte gingen beinahe in dem Knall unter, mit dem sie die Tür hinter sich zuwarf.

»Das … hast du verstanden?«, murmelte Pia betroffen.

»Ich verstehe jedes Wort, das Ihr sagt, Prinzessin Gaylen«, erinnerte Alica spöttisch. Der Blick, mit dem sie Pia dabei maß, war allerdings alles andere. Sie brodelte innerlich vor Wut.

Ein bisschen konnte Pia ihre Reaktion ja sogar verstehen, fand sie aber zugleich auch hoffnungslos übertrieben. »Alica, bitte«, sagte sie, so ruhig sie konnte. »Meinst du nicht, dass wir im Moment Wichtigeres zu tun haben, als uns über diesen Unsinn zu streiten?«

»Ganz wie Ihr befehlt, Prinzessin«, erwiderte Alica und machte einen übertriebenen Hofknicks. Ziemlich gekonnt, fand Pia.

»Das Ganze hier könnte in einer Katastrophe enden«, sagte sie ernst. »Das ist dir doch klar, oder?«

»Könnte?«, ächzte Alica. Sie machte eine empört wirkende Geste zum Fenster hin. »Also, wenn du das da draußen nicht als Katastrophe bezeichnest, dann müssen wir uns vielleicht erst einmal über die genaue Bedeutung dieses Wortes unterhalten!«

»Damit hast du vollkommen recht«, sagte Pia.

»Ach?«

»Aber es wird nicht besser, wenn wir uns gegenseitig an die Kehle gehen«, fuhr sie fort. »Wir müssen jetzt vor allem einen klaren Kopf bewahren. Du hast diesen Istvan gesehen, und du hast gehört, was er gesagt hat.«

»Gehört schon, aber nicht verstanden«, entgegnete Alica. »Dafür habe ich umso deutlicher gesehen, wie er dich angestarrt hat.«

»Was meinst du damit?«

»Noch nie mit einem Blinden gesprochen?«

»Wie?«, fragte Pia verwirrt.

»Der hätte es dir erklären können«, fuhr Alica mit einem bekräftigenden Nicken fort. »Wenn der eine Sinn ausfällt, dann werden die anderen dafür umso schärfer.« Sie machte eine kreisende Bewegung mit dem Zeigefinger zum Ohr. »Ich bin im Moment vielleicht ein bisschen taub, aber noch lange nicht blind!« Alica machte ein obszönes Geräusch. »Der Kerl hat dich mit Blicken doch regelrecht ausgezogen! Und jetzt erzähl mir bitte nicht, das wäre dir gar nicht aufgefallen!«

Aber das war es nicht. Istvan hatte sie sonderbar angesehen, das stimmte … doch ganz und gar nicht so, wie Alica anzunehmen schien. Außerdem … Pia sah an sich hinab und schüttelte den Kopf, um ihre eigene Einschätzung noch einmal zu bekräftigen. Sie bot im Moment nun wirklich keinen verführerischen Anblick. Der zerschlissene Umhang, den sie trug, hätte bei ihnen zu Hause allenfalls noch Verwendung als Hundedecke gefunden (für einen Hund, den dessen Besitzer nicht besonders leiden konnte), und darüber hinaus verbarg er ihre Figur nicht nur vollständig, sondern entstellte sie regelrecht. Sie trug noch immer das Kopftuch, das das Schönste an ihr – ihr Haar – versteckte, und obwohl sie nicht in einen Spiegel gesehen hatte, wusste sie einfach, dass ihr Gesicht ebenso müde wie schmutzig aussah. Ihre Finger waren aufgerissen und verschorft, und die dunklen Ränder unter ihren Fingernägeln waren zu einem Gutteil eingetrocknetes Blut, von dem sie selbst nicht genau sagen konnte, von wem es stammte. Die Säume ihrer Jeans, die darunter hervorlugten, waren zerrissen, völlig verdreckt. Vielleicht hatte Istvan vorhin ja gar nicht ihre Stiefel so nachdenklich angestarrt …

Dann wurde ihr klar, was für einen Unsinn sie dachte, und sie musste selbst darüber lachen.

»Was ist so komisch?«, wollte Alica wissen.

»Nichts«, antwortete Pia. Ihr Lächeln erlosch so schnell, wie es gekommen war, und ließ ein Gefühl von Leere zurück, das beinahe körperlich wehtat. »Nichts«, sagte sie noch einmal, streifte den Umhang ab und warf ihn achtlos aufs Bett, während sie wieder an das schmale Fenster trat und hinausblickte.

Das Bild dort unten hatte sich nicht verändert, allenfalls der Anteil von Weiß darin war größer geworden. Es hatte den ganzen Vormittag über leicht geschneit, und die Straßen waren jetzt von einer dünnen Schicht aus gefrorenem Morast bedeckt, die das lautlose weiße Rieseln vom Himmel schneller erneuerte, als die wenigen Passanten, die es im Moment dort unten gab, sie zertreten konnten. Pias Blicke tasteten beinahe ohne ihr Zutun kurz und prüfend jede einzelne Gestalt ab, aber sie erblickte nichts Verdächtiges.

In Wahrheit sah sie weder die bizarr geformten, schmalen Häuser noch die kleinwüchsigen Gestalten, die sich zwischen ihnen bewegten. Viel … unheimlicher war das, was sie spürte.