Es war genau wie beim ersten Mal, als sie an diesem Fenster gestanden und hinausgeblickt hatte, nur war das Gefühl jetzt ungleich intensiver, und sie war sich seines sehr viel bewusster. Sie war noch nie hier gewesen. Noch vor einem Tag hätte sie nicht einmal von einem solchen Ortgeträumt. Und doch war ihr alles hier vertraut; nicht in der Art eines Ortes, den sie kannte, aber eines Ortes, an den sie gehörte. So absurd es ihr selbst vorkam: Sie fühlte sich hier zu Hause.
Und wenn alles wahr ist?, dachte sie. Wenn Prinzessin Gaylen und ich …
Zornig auf sich selbst drehte sie sich mit einem Ruck vom Fenster weg und brach den Gedanken ab, der erstens vollkommen unsinnig war und den sie zweitens auch gar nicht denken wollte.
Alica deutete ihre Reaktion falsch: »Sag nicht, da ist schon wieder einer von den Kerlen.«
Pia verstand auf Anhieb nicht einmal, wovon sie sprach. Dann schüttelte sie umso heftiger den Kopf. »Nein. Keine Angst. Sie sind nicht hier.«
»Und woher willst du das wissen?«, fragte Alica.
Weil ich es spüren würde. Was voll und ganz der Wahrheit entsprach … aber Alica diese Antwort zu geben, hätte die fruchtlose Diskussion von heute Morgen nur wieder neu entfacht. Sie hob die Schultern. »Warum hätte der Kerl uns allein verfolgen sollen, wenn seine Kumpels hier wären?«
»Vielleicht hat er uns ja einfach unterschätzt. Zwei hilflose junge Frauen, die es ganz bestimmt nicht mit einem gestandenen Mann aufnehmen können?« Alica lachte, leise und ohne echten Humor. »Und jetzt ist er tot. Dumm gelaufen.«
Dieses Mal stimmte Pia nicht in ihr Lächeln ein. Doch sie konnte Alica verstehen. Der Fremde hätte sie umgebracht, ohne mit der Wimper zu zucken – oder ihnen Schlimmeres angetan –, und sie hatte ihn ja nicht einmal selbst getötet. Warum fühlte sie sich dann so, als hätte sie es getan?
»Vielleicht sollten wir zuerst einmal herausfinden, wer die Kerle überhaupt sind und was sie von dir wollen.« Alica gähnte ungeniert, ließ den Umhang mit einer achtlosen Bewegung von den Schultern zu Boden gleiten und setzte sich auf das vom Morgen noch ungemachte Bett. Als Pia sich wieder zum Fenster drehte, konnte sie hören, wie sie sich nach hinten sinken ließ und noch einmal und noch ausgiebiger gähnte.
»Woher willst du eigentlich so genau wissen, dass sie hinter mir her sind, und nicht hinter dir?«
»Weil ich niemandem zwei Millionen geklaut habe«, antwortete Alica. »Außerdem: Wer ist denn hier die verschollene Elfenprinzessin? Du oder ich?«
»Ich«, antwortete Pia. »Aber nur, wenn du dann auch wirklich meine Sklavin bist.«
Sie bekam keine Antwort, und als sie sich nach einigen Sekunden wieder vom Fenster abwandte, sah sie, dass Alica eingeschlafen war, in derselben unbequemen Haltung, in der sie sich gerade zurückgelehnt hatte: beide Füße noch auf dem Boden und mit überdehntem Nacken. Wenn sie in dieser Haltung länger als ein paar Minuten schlief, dann würde sie mit grässlichen Rücken- und Nackenschmerzen aufwachen und vermutlich noch schlechter gelaunt sein. Kopfschüttelnd und mit einem leisen Lächeln auf den Lippen, dessen sie sich nicht einmal bewusst war, bugsierte Pia sie in eine Position, aus der sie wenigstens nicht mit dem Gefühl aufwachen würde, eine Woche auf einer mittelalterlichen Streckbank verbracht zu haben; und das so behutsam, dass Alica dabei nicht wach wurde. Sie bewunderte Alica beinahe dafür, sich in einem Moment wie diesem einfach hinlegen und schlafen zu können, als wäre gar nichts geschehen, empfand zugleich aber auch einen dünnen Stich von Neid. Sie selbst würde wahrscheinlich für die nächsten drei Monate kein Auge mehr zutun können …
XIII
Oder vielleicht doch, denn das Nächste, was sie empfand, war ein leises Erstaunen darüber, wo das Licht geblieben war. Es war dunkel im Zimmer. Die Sonne musste untergegangen sein. Alica schnarchte leise neben ihr, und sie hatte sich nicht nur im Schlaf umgedreht, sondern auch den Arm über ihre Brust gelegt; ihre Finger befanden sich an einer Stelle, an der sie absolut nichts zu suchen hatten. Ihr erster Impuls war, sie wegzuschubsen, aber dann griff sie ganz im Gegenteil sehr behutsam nach ihrem Handgelenk und hob ihren Arm vorsichtig von sich herunter. Erst in diesem Moment wurde Pia klar, dass sie nicht allein waren.
Die Tür war aufgegangen. Stimmengewirr, Gelächter und die typischen Geräusche einer Kneipe drangen aus dem Erdgeschoss herauf, und in dem flackernden Licht zeichnete sich eine schmale, nicht besonders große Gestalt ab, die unter der Tür erschienen war und Alica und sie anstarrte. Irgendwie spürte Pia, dass sie schon eine geraume Weile dort stand; eine Vorstellung, die ihr umso unangenehmer war, als sich Alica in diesem Moment unruhig im Schlaf bewegte und schon wieder nach ihr griff. Das Erste, worum sie Brack gleich morgen früh bitten würde, war ein Zimmer mit zwei separaten Betten.
Oder besser gleich ein eigenes Zimmer.
»Erhabene?«, fragte eine schüchterne Stimme. Der Schatten unter der Tür bewegte sich unbehaglich. Pia blinzelte, stemmte sich umständlich auf die Ellbogen hoch und kramte in ihrem Gedächtnis. Erhabene? Das letzte Mal, dass jemand sie so genannt hatte, war genau … nirgendwann gewesen. Erhabene?
»Was?«, nuschelte sie noch ein bisschen schlaftrunken.
Der Schatten unter der Tür bewegte sich erneut und noch unbehaglicher; aber sie konnte seinen Blick spüren.
»Ich … also … Bitte verzeiht die Störung, Erhabene, aber Brack hat mich geschickt, um Euch zu holen.«
Erhabene? Euch?, wiederholte Pia träge in Gedanken. Anscheinend war sie immer noch nicht ganz wach und träumte sich diesen ganzen Humbug nur zusammen. Erst dann erkannte sie die Gestalt unter der Tür, nicht weil sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hätten, sondern weil sie so klein und schmalschultrig wie ein Kind war, und die Auswahl der Leute hier, die Alica und sie kannten, nicht besonders groß. »Lasar?«
Der Küchenjunge nickte hektisch und kam einen einzelnen Schritt näher, blieb dann aber erschrocken wieder stehen, als wäre ihm plötzlich klar geworden, was für einen ungeheuerlichen Frevel zu begehen er im Begriff war. Pia stemmte sich weiter hoch, schwang die Beine vom Bett und war plötzlich froh, nicht nur komplett angezogen, sondern auch mit den Stiefeln an den Füßen eingeschlafen zu sein. Selbst durch die dicken Sohlen hindurch konnte sie spüren, wie kalt der Boden war.
»Brack?«, wiederholte sie. Wer zum Teufel war noch einmal Brack? Dann klärten sich ihre Gedanken endgültig, und Pia verabschiedete sich mit einem lautlosen Seufzen von der Hoffnung, nur einen schlechten Traum gehabt zu haben.
»Er hat nach Euch geschickt«, bestätigte Lasar. »Ich wollte Euch nicht stören. Ich habe ihn darauf hingewiesen, dass Ihr vielleicht schlaft, aber er …«
Pia machte eine wegwerfende Geste. »Geschenkt.«
Der Junge sah sie nur verständnislos an. »Ich meine damit, es macht nichts«, fügte Pia erklärend hinzu und hatte zugleich alle Mühe, ein herzhaftes Gähnen zu unterdrücken. »Hat er gesagt, was er von mir will?«
»Nein«, versicherte Lasar hastig. »Nur, dass ich Euch und Eure Sklavin holen soll.«
Pia warf einen raschen Blick auf das Bett und die Sklavin, die darauf lag und ungerührt weiterschnarchte, und war wieder einmal froh, dass Alica nicht jedes Wort verstand, das hier gesprochen wurde. »Ich fürchte, sie ist im Moment ziemlich erschöpft. Wir sollten sie noch eine Weile schlafen lassen.«
»Aber Brack …«, begann Lasar.
»… wird wohl auch mit mir vorliebnehmen«, unterbrach ihn Pia. Sie reckte sich ausgiebig, trat ans Fenster und warf einen mäßig interessierten Blick hinaus. Sie hatte nicht erwartet, irgendetwas Außergewöhnliches zu sehen, und wurde auch nicht enttäuscht. Die Stadt lag ebenso dunkel und still da wie vergangene Nacht, als Alica und sie aus dem Haus getreten waren. Nur hinter sehr wenigen Fenstern brannten noch vereinzelte Lichter, und selbst hier drinnen meinte man die Stille spüren zu können, die über den Straßen lag. Aber vielleicht war das ja schon außergewöhnlich, dachte sie. Trotz allem spürte sie, dass sie nicht allzu lange geschlafen hatte; die Sonne war wohl erst vor kurzer Zeit untergegangen. Dort draußen war es jedoch so dunkel und still, als wäre Mitternacht schon längst vorbei. Die Leute in WeißWald schienen tatsächlich mit den Hühnern ins Bett zu gehen.