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Falls es hier so etwas wie Hühner gab.

Sie wandte sich vom Fenster ab, reckte sich noch einmal ungeniert und ausgiebig und wurde sich erneut der Tatsache bewusst, angestarrt zu werden. Fast erschrocken ließ sie die Arme sinken und drehte sich halb herum. Lasar war einen weiteren Schritt ins Zimmer hereingekommen und wieder stehen geblieben. Sein Gesicht war in dem schwachen Licht kaum zu erkennen. Trotzdem spürte sie, wie er sie anstarrte, und irgendetwas sagte ihr, dass das nicht nur daran lag, dass sie sich gekonnt vor der einzigen Lichtquelle im Raum geräkelt und ihm ihre Silhouette dabei deutlicher gezeigt hatte, als sie eigentlich wollte.

»Was?«, fragte sie harmlos.

»Euer … Euer Haar, Erhabene«, stammelte Lasar.

»Was ist damit?« Pia griff nach einer Strähne ihres langen blonden Haares, ließ sie durch die Finger gleiten und machte dann ein vage überraschtes Gesicht. »Es ist noch da.«

Lasar nahm die sanfte Ironie in ihren Worten gar nicht zur Kenntnis; Pia bezweifelte plötzlich auch, dass er sie überhaupt begriffen hatte. Der Junge wirkte mit jedem Moment nervöser. Sie sah ihn fragend an, und Lasar machte einen halben zögernden Schritt. »Darf ich … ich meine, ich weiß, es steht mir nicht zu, aber …«

»Aber was?«, fragte Pia. Sie nickte aufmunternd. »Nur zu. Was möchtest du?«

Lasar nahm sichtlich all seinen Mut zusammen. »Darf ich es anfassen?«, brachte er irgendwie heraus.

»Anfassen?«, wiederholte Pia überrascht.

»Bitte verzeiht, Erhabene!«, stieß Lasar hervor. Er musste ihren überraschten Tonfall vollkommen falsch gedeutet haben, senkte den Blick und begann mit den Füßen zu scharren. »Ich weiß, es steht mir nicht zu, und ich …«

»Nur zu«, sagte Pia lächelnd. Eine so heftige Welle von Mitleid ergriff sie, dass sie sich tatsächlich beherrschen musste, um den Jungen nicht tröstend in die Arme zu schließen, als sie sah, wie er sich regelrecht vor Scham zu winden begann, diesen ungeheuerlichen Wunsch überhaupt geäußert zu haben. Lasar hob den Kopf und blickte sie nun eindeutig fassungslos an, und Pia unterstrich ihre Worte mit einer entsprechenden auffordernden Geste und dem sanftmütigsten Lächeln, das sie nur zustande brachte. Lasar machte tatsächlich einen weiteren halben Schritt und blieb dann wieder stehen, offensichtlich erschrocken von seinem eigenen Mut. Erst als Pia ihre aufmunternde Bewegung mit beiden Händen und heftiger wiederholte, wagte er es, näher zu kommen, streckte unsicher den Arm aus und griff schließlich mit spitzen Fingern nach derselben Strähne, die sie gerade selbst betastet hatte und immer noch zwischen den Fingern hielt.

Sie konnte nicht sagen, welche Reaktion sie erwartet hatte – vermutlich keine –, aber Lasar erstarrte für einen Moment regelrecht vor Ehrfurcht. Seine Hand begann so heftig zu zit-tern, dass ihm die Haarsträhne um ein Haar entglitten wäre, dann sah er ihr aus großen Augen direkt ins Gesicht, und seine Stimme sank zu einem Flüstern herab. »Es … es ist echt.«

»Natürlich ist es das«, erwiderte Pia lächelnd. »Was hast du erwartet?«

»Dann … dann seid Ihr …?«

»O nein, ich bin gar nichts Besonderes«, unterbrach ihn Pia. »Da, wo ich herkomme, haben viele Frauen solches Haar. Manche Männer«, fügte sie nach einer winzigen Pause hinzu, »übrigens auch.«

Lasar starrte sie weiter aus großen Augen an, und obwohl sich an der Mischung aus Ehrfurcht und mühsam unterdrückter Angst auf seinem Gesicht rein gar nichts zu ändern schien, hatte sie plötzlich das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben. Nach einer weiteren Sekunde ließ er ihr Haar los und prallte zurück.

»Brack verlangt nach Euch«, sagte er, lauter und mit veränderter Stimme und jetzt wieder ohne sie direkt anzusehen. »Das sollte ich Euch nur sagen.« Und damit fuhr er auf dem Absatz herum und verließ beinahe fluchtartig das Zimmer.

Pia sah ihm verwirrt nach. Der Lärm und das Stimmengewirr aus dem Erdgeschoss schienen lauter zu werden, jetzt, wo sie allein war, und sie verstand die Reaktion des Jungen mit jedem Augenblick weniger. Was hatte sie falsch gemacht?

Sie würde es nicht herausfinden, wenn sie hier herumstand und die offene Tür anstarrte. Pia zögerte, sah auf die schlafende Alica hinab und überlegte, sie vielleicht zu wecken – schließlich hatte Lasar unmissverständlich gesagt, dass Brack sie beide sprechen wollte, und vielleicht war es ja wirklich etwas Wichtiges –, beschloss dann aber, sie weiterschlafen zu lassen, und machte sich auf den Weg nach unten.

Das Stimmengewirr und der Lärm offensichtlich zahlreicher Zecher nahmen weiter zu, als sie die Treppe hinunterging, und als sie weit genug gekommen war, um einen Blick in die Gaststube zu werfen, erlebte sie eine Überraschung. Nach allem, was sie gestern gesehen und heute von Brack und Lasar gehört hatte, hätte sie erwartet, den Wirt allein oder höchstens mit einem oder zwei seiner Stammgäste (möglicherweise Brasil) anzutreffen, aber das Gasthaus war erstaunlich gut besucht. Ihr Blick begegnete dem Bracks, und das strahlende Lächeln auf seinem runden Gesicht belehrte sie eines Besseren. Und wenn nicht das, dann die beinahe vollkommene Stille, die mit einem Male einkehrte.

»Gaylen!« Der dickbäuchige Wirt kam mit kleinen, fast schon watschelnd wirkenden Schritten auf sie zu und gestikulierte aufgeregt mit beiden Armen. »Wo ist deine Sklavin?«

Pia verzichtete darauf, ihn zu verbessern (nahm sich aber fest vor, noch einmal über dieses Thema mit ihm zu reden, und zwar bevor Alica erwachte und vielleicht doch lernte, das eine oder andere Wort der hiesigen Sprache zu verstehen), und sah Brack nur stirnrunzelnd und ein bisschen alarmiert an. Es war noch immer unnatürlich still. Alle starrten sie an, was sie nach allem, was sie bisher hier erlebt hatte, eigentlich gar nicht hätte überraschen dürfen, es aber tat, und das auf eine ganz und gar nicht angenehme Art.

»Sie hält Siesta«, sagte sie. Brack blickte ein bisschen hilflos, und sie fügte erklärend hinzu: »Eine Sitte aus unserer Heimat. Sie ist müde. Du wolltest mich sprechen?«

»Eher deine Sklavin«, antwortete Brack. »Wenn du sie holen willst …«

Pia blickte ihn nur weiter fragend und noch ein bisschen durchdringender an, und Brack hob die Schultern. »Du siehst, es ist viel zu tun. Ich fürchte, ich brauche ihre Hilfe.«

Es dauerte noch einmal einen Moment, bis Pia wirklich be-griff. Dann drehte sie den Kopf nach rechts und links und sah sich noch einmal und jetzt sehr viel aufmerksamer in dem fast schon überfüllten Schankraum um. Ausnahmslos jeder, der ihrem Blick begegnete, sah hastig weg oder setzte sein gerade unterbrochenes Gespräch mit seinem Tischnachbar fort, aber ihr war trotzdem klar, dass sie gerade eine weitere Gemeinsamkeit zwischen WeißWald und ihrer Heimatstadt entdeckt hatte. Neuigkeiten machten hier offensichtlich sehr schnell die Runde. Sie musste Brack nicht fragen, um zu wissen, dass all diese Männer nur ihretwegen gekommen waren.

»Hast du uns nicht heute Morgen noch selbst erzählt, dass du keine Hilfe brauchst?«

Brack lächelte ein wenig gequält, ergriff sie am Oberarm und zog die Hand dann fast erschrocken wieder zurück, als Pia stirnrunzelnd auf seine Finger hinabblickte. Ohne sie ein weiteres Mal anzurühren, bugsierte er sie heftig gestikulierend und mit einem immer verlegener werdenden Lächeln durch den Schankraum und hinter die improvisierte Theke. Deren Anblick unterschied sich radikal von dem, den sie gestern geboten hatte: Zahlreiche halb gefüllte Bierkrüge standen herum, benutzte Teller mit oder ohne Essensreste, schmutziges Besteck (von dem sie nicht ganz sicher war, ob es bereits gebraucht war) und Lachen von ausgeschüttetem Bier und klebrigem Wein bildeten ein einziges unappetitliches Chaos. Brack hatte vollkommen recht, dachte Pia. Er brauchte Hilfe. Aber von ihr?