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Sie wurde immer noch angestarrt, und es war immer noch sehr leise, auch wenn das eine oder andere Gespräch wieder aufgenommen worden war. Ihr Gefühl, sich im Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit zu befinden, wurde mit jedem Moment unangenehmer.

»Ich bin keine Kellnerin«, sagte sie. Und schon gar keine Putzfrau.

»Aber das … weiß ich doch«, antwortete Brack hastig. Sie hatte ganz unwillkürlich leise gesprochen, aber er gestikulierte ihr trotzdem verstohlen zu, noch leiser zu sein, und versuchte ihr mit einem noch verstohleneren Blick, dasselbe zu signalisieren. »Deswegen wollte ich auch mit deiner Sklavin reden.«

»Alica ist meine Freundin«, verbesserte ihn Pia. Nun ja, ungefähr wenigstens.

»Du … ähm … brauchst gar nichts zu tun«, fuhr Brack fort. Er schien jetzt mit jedem Wort nervöser zu werden. Vielleicht war Pia ja nicht die Einzige, die das Gefühl hatte, aus zwei Dutzend neugierigen Augenpaaren angestarrt zu werden. »Vielleicht reicht es schon, wenn du …«

»Ja?«, fragte Pia, als er nicht weitersprach, sondern nur unbehaglich von einem Fuß auf den anderen zu treten begann.

»Also es … es würde wahrscheinlich reichen, wenn du … einfach nur hier bist«, stammelte Brack. Mit einem Male schien es ihm ebenso schwerzufallen, ihrem Blick standzuhalten, wie gerade oben Lasar.

»Wenn ich nur hier bin? Sonst nichts?«

»Sonst nichts!«, versicherte Brack hastig. Er machte eine nervöse Geste auf das Durcheinander auf, unter und hinter der Theke. Etwas knirschte unter seinen Sandalen, als er sich bewegte. »Lasar kann das hier aufräumen, wenn die Gäste weg sind. Der faule Bursche tut sowieso viel zu wenig.«

Der faule Bursche tauchte gerade in diesem Moment hinter ihr auf, in jeder Hand gleich drei gefüllte Bierkrüge, unter deren Last er sichtbar wankte, und Brack nutzte die Gelegenheit, ihm einen drohenden Blick zuzuwerfen, woraufhin er sich noch mehr zu beeilen versuchte.

»Und ich soll einfach nur hier rumstehen?«, fragte Pia noch einmal, noch ein bisschen misstrauischer. Sie musste Brack schon ziemlich falsch einschätzen, wenn er in Wahrheit nicht doch ein wenig mehr von ihr erwartete, aber sie wollte, dass er es aussprach.

Brack ergriff sie noch einmal (und sehr viel vorsichtiger) am Arm und führte sie ein paar Schritte weiter hinter die Theke. Ein Dutzend Gesichter folgten der Bewegung, und Pia konnte regelrecht sehen, wie die dazu passende Anzahl von Ohren gespitzt wurde. Brack klang jetzt nicht nur nervös, sondern beinahe schon ängstlich. »All diese Männer sind nur gekommen, um dich zu sehen, Gaylen.«

»Was für eine Überraschung«, antwortete Pia kühl. »Und du hast nicht etwa dafür gesorgt, dass ein völlig haltloses Gerücht die Runde macht, in dem eine plötzlich wiederaufgetauchte Elfenprinzessin eine Rolle spielt?«

Brack versuchte mit wenig Überzeugung, den zu Unrecht Beschuldigten zu spielen. »Ich?«, hauchte er. »So etwas würde ich niemals tun!«

»Natürlich nicht«, sagte Pia. »Wie komme ich nur auf die Idee?«

Einer der Gäste verlangte lautstark nach mehr Bier, und Brack drehte sich widerwillig um und begann einen Krug nachzufüllen, in dem sich noch ein längst schal gewordener Rest befand. Pia sah ihm einen Moment lang kopfschüttelnd zu, nahm ihm den Krug dann wortlos weg und schüttete seinen Inhalt auf den Boden, bevor sie ihn unter den hölzernen Zapfhahn hielt und neu zu füllen begann. Brack betrachtete das verschüttete Bier, als wäre es sein Herzblut, sparte sich – fast zu Pias Erstaunen – aber jeden Kommentar. Pia hielt den Krug etwas weniger schräg, um eine möglichst große Schaumkrone zu bekommen; wenn auch mit einem Ergebnis, das weder Brack noch sie wirklich überzeugte.

»Kein Wunder, dass du Taschendiebin geworden bist«, sagte eine spöttische Stimme hinter ihr. »Als Kellnerin wärst du wahrscheinlich elend verhungert.« Alica nahm ihr kopfschüttelnd den Krug aus den Händen und hielt ihn gerade und ein deutliches Stück tiefer unter den Hahn. Diesmal bildete sich eine appetitliche Schaumkrone, bei deren Anblick Brack anerkennend nickte. Erst dann sah sie sich demonstrativ in der Runde um und fragte: »Was ist denn hier eigentlich los?«

»WeißWald hat eine neue Attraktion, wie es aussieht«, erklärte Pia säuerlich.

Alica reichte den Krug an Brack weiter, der ihn zwar entgegennahm, aber nur achtlos auf die Theke stellte und Lasar einen bösen Blick zuwarf, ihn abzuholen. Als er Alica einen neuen Krug reichen wollte, ignorierte sie ihn. »Und was genau bedeutet das?«, fragte sie.

»WeißWald ist ein Dorf«, sagte Brack. »Und die Leute sind neugierig. Ist das da, wo du herkommst, etwa anders?« Bevor Pia antworten konnte, drehte er sich mit einer wieselflinken Bewegung um und eilte zu Lasar, der gerate dabei war, eine Handvoll Münzen von einem Gast einzustreichen, der unweit der Tür saß. »Was soll das, du Tölpel?«, polterte er los, ohne dass ganz klar wurde, wen genau er eigentlich damit meinte. »Das Bier kostet zehn Kreuzer, nicht sieben!«

»Aber gestern noch …«, protestierte der Gast.

»Das war gestern!«, fiel ihm Brack unwirsch ins Wort. »Wenn es dir hier zu teuer ist, dann geh ruhig woanders hin!«

»Manche Dinge sind anscheinend tatsächlich überall gleich«, seufzte Alica. Noch leiser und mit einem irgendwie hilflos wirkenden Stirnrunzeln fügte sie hinzu: »Was zum Teufel ist hier los? Sag mir nicht, die sind alle nur deinetwegen hier!«

»Nein«, verbesserte sie Pia. »Unseretwegen.«

Brack kam zurück. »Es tut mir leid, wenn ich euch um Hilfe bitten muss, aber ihr seht ja, was hier los ist.« Er maß den Krug, den Alica so gekonnt gefüllt hatte, mit einem anerkennenden Blick. »Du machst das gut. Hast du Übung in so etwas?«

»Was hat er gesagt?«, wollte Alica wissen.

»Dass er dir den doppelten Lohn zahlt, wenn du ihm ein bisschen zur Hand gehst«, antwortete Pia.

»Also, eigentlich habe ich das nicht gesagt!«, protestierte Brack. »Vereinbart mit Istvan war, dass deine Freundin für Kost und Logis arbeitet.«

»Na, das ist doch mal ein Wort«, sagte Alica.

»Sie verlangt das Dreifache«, übersetzte Pia kreativ.

Brack ächzte. »Das ist Erpressung!«

»Er ist einverstanden«, sagte Pia.

»Aber heute Morgen …!«, protestierte Brack.

»… war heute Morgen«, unterbrach ihn Pia. »Ist das etwa hier anders als da, wo ich herkomme?«

Brack starrte sie beinahe feindselig an. »Gut«, grollte er schließlich. »Aber dann …«

»Dann?«, fragte Pia, als er nicht weitersprach, sondern plötzlich noch nervöser wirkte. Außerdem schien er nicht mehr so recht zu wissen, wohin mit seinem Blick.

»Vielleicht könntest du …also, ein wenig an deiner Kleidung ändern.«

»Meiner Kleidung?«, wiederholte Pia. »Was gefällt dir daran nicht?«

»Nichts«, sagte Brack hastig. »Sie ist … ähm … interessant. Ein wenig exotisch vielleicht, aber interessant.«

Pia antwortete nicht gleich, sondern sah einen Moment lang nachdenklich an sich hinab. Sie trug – genau wie Alica – die Kleidung, in der sie hier angekommen waren: Jeans, eine leichte Sommerbluse und eine noch leichtere Lederjacke, die einzig und allein modischen Sinn machte (und selbst in diesem Punkt war Alica vermutlich anderer Meinung) und auf gar keinen Fall den klimatischen Bedingungen hier angepasst war. Dennoch war sie bisher nicht einmal auf die Idee gekommen, sie gegen irgendetwas Einheimisches auszutauschen.

Schon gar nicht gegen etwas, das Brack herausgesucht hatte.

»Und was genau schwebt dir vor?«, fragte sie lauernd.

»Oh, wirklich nichts … äh … Außergewöhnliches«, versicherte Brack. »Es ist nur … ich möchte nicht, dass du am Ende Ärger bekommst …«