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»Oder du«, vermutete Pia.

»Oder ich«, bestätigte Brack. »Es ist eben so, dass die Männer … nun ja … etwas anderes erwartet haben.«

Ja, das kann ich mir denken, dachte Pia böse. Sie schwieg.

»Vielleicht finde ich etwas Passendes für dich.«

»Bist du nebenbei auch noch Schneider?«, fragte Pia.

»Ich habe ein Gasthaus«, erinnerte Brack. »Da bleibt schon mal das eine oder andere liegen. Kommst du eben mit mir?«

Pia zögerte gerade lange genug, um Alicas Misstrauen zu wecken. »Soll ich vorsichtshalber mitkommen?«, schlug sie vor.

»Nicht nötig«, sagte Pia. »Aber wenn ich in fünf Minuten nicht zurück bin, dann solltest du nachkommen und sehen, ob unser geschätzter Gastgeber Hilfe braucht.«

Sie folgte Brack – der ja ihre Hälfte des Gesprächs verstanden hatte, sich aber nicht anmerken ließ, was er davon hielt – zurück zur Treppe und ins erste Stockwerk hinauf, wo er das letzte Zimmer auf dem langen Flur ansteuerte, auf dem auch ihre Unterkunft lag. Pia hatte erwartet, dass er das größte und luxuriöseste Zimmer im Weißen Eber bewohnte, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Das Zimmer war winzig, ein asymmetrischer Verschlag, der auf der einen Seite eine angesetzte Dachschräge hatte, sodass nicht einmal dieser knappe Raum zur Gänze nutzbar war. Es stank. Das winzige Fensterchen war so verdreckt, dass selbst das wenige Licht grau wirkte, und Bracks zerwühltes Bett bot einen Anblick, den sie lieber gar nicht so genau sehen wollte.

»Hier!« Brack deutete auf eine eisenbeschlagene Truhe, die einen nicht unbeträchtlichen Teil des vorhandenen Platzes einnahm. »Da drinnen findest du alles, was die Leute hier so im Laufe der Zeit vergessen haben. Ich bin sicher, dass dir etwas davon passt. Und deiner … äh … Freundin auch. Aber such du dir zuerst etwas heraus.«

Er klappte den Deckel hoch und sah sie erwartungsvoll an.

Pia rührte sich nicht.

»Worauf …?«, begann Brack, fuhr dann ganz leicht zusammen und hatte es plötzlich sehr eilig, das Zimmer zu verlassen. Pia wartete, bis er die Tür hinter sich zugezogen hatte, und suchte vergeblich nach einem Riegel oder irgendeiner anderen Möglichkeit, die Tür abzuschließen. Schließlich trat sie an die Truhe heran, betrachtete die unordentlich hineingestopften Kleider mit leicht angewidertem Gesichtsausdruck und begann einen Moment lang lustlos darin zu graben, bevor sie mit beiden Händen zugriff und die Lumpen auf Bracks Bett warf.

Das Wort traf Bracks gesammelte Schätze ganz gut, denn das meiste war tatsächlich kaum mehr als Lumpen; Mäntel, Umhänge und Röcke, die ebenso heruntergekommen aussahen, wie sie rochen. Manches davon würde sie nicht einmal mit der Kneifzange anfassen, und auch der kleine verbleibende Rest rief nicht unbedingt Begeisterungsstürme in ihr wach.

Schließlich entschied sie sich für ein schlichtes weißes Kleid, das aus einem kratzig aussehenden Stoff bestand (der sich als genau das herausstellte, als sie es überzog) und wie ein Sack an ihr herunterhing. Es gab keinen Spiegel in Bracks Zimmer, aber Pia schätzte, dass sie ungefähr so schick aussah wie eine Wurstpelle. Wenigstens fühlte sie sich so.

Es klopfte. »Darf ich … hereinkommen?«, drang Bracks Stimme durch das morsche Holz.

Pia zögerte nicht nur zu antworten, sondern suchte auch zuerst aufmerksam die Tür nach einem Schlüsselloch oder irgendeiner anderen Öffnung ab, durch die Brack sie möglicherweise beobachtet haben konnte, während sie sich umzog. Aber da war nichts. Vielleicht tat sie Brack ja unrecht.

Was ihm allerdings nur recht geschah, wenn er ernsthaft von ihr erwartete, so etwas zu tragen.

Das Klopfen wiederholte sich. Statt zu antworten, ging sie hin und riss die Tür auf, und Brack prallte erschrocken zurück, fing sich aber sofort wieder und maß sie mit einem langen Blick von Kopf bis Fuß. Ein einziges falsches Wort, dachte sie, und er würde es bitter bereuen – sobald er wieder zu sich gekommen war, hieß das.

»Perfekt«, sagte Brack.

»Ich weiß«, nörgelte Pia. »Aber in deiner Lumpensammlung war …« Sie stockte. Blinzelte. »Wie?«

»Ja, ich weiß, du bist wahrscheinlich Besseres gewohnt, da, wo du herkommst, aber für den Moment wird es genügen«, sagte Brack. »Ich schicke Lasar gleich morgen früh auf den Markt, um Stoff zu kaufen, doch für heute Abend reicht das sicher. Es steht dir gut.«

»Gut?«, wiederholte Pia zweifelnd. Sie sah noch zweifelnder an sich hinab. Der Stoff dieses prachtvollen Kleidchens fühlte sich nicht nur ungefähr so weich und anschmiegsam an wie Schmirgelpapier, er bedeckte auch nahezu jeden Quadratzentimeter ihres Körpers. Dass der Saum nicht bis zum Boden reichte, lag einzig daran, dass seine ehemalige Besitzerin ein gutes Stück kleiner gewesen sein musste als sie. Die Ärmel bedeckten noch einen Großteil ihrer Handflächen, und das Dekolleté zeichnete sich vor allem durch Nichtexistenz aus. Alles oberhalb des Halses hing in Fetzen, aber wenn man diese Fetzen in Gedanken vervollständigte, dann kam man auf etwas, das ziemliche Ähnlichkeit mit einem spätmittelalterlichen Rüschenkragen hatte, wie ihn Geistliche und später reiche Kaufleute getragen hatten.

»Das ist … äh …«

»Für heute Abend wird es reichen«, sagte Brack noch einmal. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass so viele Gäste kommen.«

»Natürlich nicht. Deshalb hast du ja auch jedem in der Stadt erzählt, dass Alica und ich hier sind, nicht wahr?«

»Nicht jedem!«, versicherte Brack.

Nein, dachte Pia. Vermutlich nicht. Nur jedem, den du kennst. Gegen ihren Willen musste sie lachen. »Also komm. Sorgen wir für ein bisschen Umsatz in deiner Kaschemme. Wahrscheinlich sind wir dir das schuldig.«

XIV

Der nächste Morgen begann mit einer für Pia fast erschreckenden Erfahrung: Es war das zweite Mal hintereinander, dass sie mit dem ersten Licht des neuen Tages ganz von selbst wach wurde, obwohl ihr der vergangene Abend (beziehungsweise die Nacht) noch gehörig in den Knochen steckte. Sie hatte es irgendwann aufgegeben, ständig auf ihre innere Uhr zu sehen und sich zu fragen, wer zuerst schlappmachen würde: die Meute trinkfester Gäste, die immer betrunkener und lauter wurde und dem Weißen Eber einen Umsatz bescherte, der wahrscheinlich größer war als der der zurückliegenden drei Monate zusammen, oder sie.

Brack hatte nicht einmal viel von ihr verlangt; im Grunde nicht mehr, als hinter der Theke zu stehen, sich von den Gästen begaffen zu lassen und dann und wann einen Krug Bier zu füllen, den Alica und Lasar dann an die Tische brachten, während Brack selbst seine Aufgabe eher darin sah, mit den Gästen zu tratschen und immer wieder viel zu laut und viel zu unecht zu lachen und Unmengen von Münzen einzustreichen. Irgendwann, vielleicht gegen drei oder noch später, hatte er den letzten Zecher vor die Tür gesetzt, und sie war zu Tode erschöpft nach oben gewankt und praktisch auf der Stelle eingeschlafen.

Trotzdem erwachte sie mit dem ersten Sonnenstrahl, der durch das schmale Fenster fiel. Und nicht nur das. Sie fühlte sich noch immer wie gerädert und hatte zu allem Überfluss hämmernde Kopfschmerzen, aber tief in sich verspürte sie das absurde Wissen, dass es richtig war, so früh aufzustehen.

Nein, diese Welt bekam ihr ganz eindeutig nicht.

Sie schloss noch einmal die Augen, versuchte, erneut einzuschlafen und wieder in ihrer ganz normalen, gewohnten Welt aufzuwachen, in der die größte Absurdität vielleicht im Anblick Jesus’ bestand, der ein Buch las, oder allenfalls in dem Alicas, die mit ihm darüber diskutierte (nein, daswar eindeutig zu albern), gab es schließlich auf und krabbelte müde aus dem Bett. Zu Tode erschöpft, wie sie gestern gewesen war, hatte sie sich nicht mehr die Mühe gemacht, das Kleid oder auch nur die Stiefel auszuziehen, sodass ihr zwar kühl, aber wenigstens nicht unerträglich kalt war. Mit einem müden Blick auf die andere Betthälfte überzeugte sie sich davon, dass Alica tatsächlich schon vor ihr aufgestanden sein musste, fuhr sich noch müder mit beiden Händen durchs Gesicht und machte auf dem Weg zur Tür einen kurzen Bogen am Fenster vorbei. Wider besseres Wissen und gegen jede Logik klammerte sie sich daran, mit dem Anblick einer heruntergekommenen, von schmalen, aus Wellblech, Holz und Bauabfällen errichteten Hütten flankierten Straße belohnt zu werden, und sie war tatsächlich auf eine trotzige Art enttäuscht, als sie stattdessen die spitzen Dächer WeißWalds sah. Der Schnee darauf schien mehr geworden zu sein. Und ihre Stimmung sank noch weiter, als sie zum ersten Mal bewusst registrierte, dass zwar jedes einzelne Haus einen Kamin hatte, sich aber aus kaum einem davon Rauch kräuselte. Gut, dann war das hier eben doch kein Albtraum.