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»Stoff kaufen«, wiederholte Alica.

Brack wirkte nicht begeistert. »Ich weiß nicht, ob …«, begann er.

»… du uns allein auf die Straße lassen sollst?«, fiel ihm Pia ins Wort. Vielleicht waren diese Worte nicht besonders klug gewählt und ganz bestimmt alles andere als diplomatisch, aber sie drückten ganz genau das aus, was sie in diesem Moment empfand.

Brack war bisher freundlich zu ihnen gewesen und für seine Verhältnisse vermutlich sogar außergewöhnlich großzügig … dennoch traute Pia ihm nicht völlig. Sie kannte Typen wie Brack. Er mochte es ehrlich meinen – in diesem Moment –, aber er war auch ein Schlitzohr – und musste es wohl sein, um in einer Welt wie dieser überleben zu können – und letzten Endes auf seinen persönlichen Vorteil bedacht. Eine interessante Kombination im Zusammenhang mit dem, was er gerade über die Menschen in seiner Stadt gesagt hatte.

Und darüber hinaus ein ziemlich guter Schauspieler. Der Ausdruck von Verletztheit, mit dem er auf ihre Worte reagierte, hätte sie um ein Haar überzeugt.

»Ihr könnt gehen, wohin immer ihr wollt«, erklärte er leicht verschnupft. »Das hier ist eine freie Stadt, in der jeder tun und lassen kann …«

»… was er will, und hingehen oder bleiben, wo er will, und so weiter, ja, ich weiß«, unterbrach ihn Pia. »Aber es gefällt dir nicht, habe ich recht?«

»Nein«, gestand Brack unumwunden. »Und ich dachte, du würdest das verstehen.«

»Nimm einfach an, ich wäre ein bisschen begriffsstutzig«, antwortete Pia und fragte sich im Stillen, ob sie es vielleicht war. Alica maß sie aus spöttisch funkelnden Augen, griff nach ihrer Zigarettenschachtel und klappte sie auf und mit einem lautlosen, aber tiefen Seufzen wieder zu, als sie sah, dass sie nur noch fünf Zigaretten enthielt.

»Du weißt, wofür die Menschen hier dich halten«, sagte Brack. »Ich weiß, dass dir das wahrscheinlich unrecht tut, aber es ist nun einmal so. Es könnte ein wenig … unangenehm für dich werden, wenn du dich draußen zeigst.«

»Du meinst, die Leute würden mich anstarren«, vermutete Pia. Brack nickte, und sie fügte hinzu: »So wie gestern Abend?«

»Da warst du immerhin hier, und ich konnte auf dich aufpassen«, antwortete er trocken. Dennoch spürte sie, dass es noch einen anderen Grund für ihn gab, Alica und sie nicht wegzulassen.

»Du kannst uns ja begleiten«, fügte sie hinzu. Alica legte vielsagend die Stirn in Falten, sagte aber immer noch nichts, und nach einer kleinen Weile schüttelte Brack den Kopf.

»Das ist vielleicht eine noch schlechtere Idee«, sagte er. »Auf der anderen Seite … möglicherweise solltest du tatsächlich anfangen, WeißWald ein wenig besser kennenzulernen. Immerhin werdet ihr bis zum Frühjahr bleiben, und das ist eine lange Zeit …« Er überlegte einen Moment angestrengt und kam dann zu einem Entschluss. »Ich gebe euch Lasar mit.«

»Als Aufpasser?«

»Um eure Fragen zu beantworten. Ihr werdet bestimmt eine Menge davon haben. Und um dafür zu sorgen, dass ihr nicht von jedem Händler auf dem Markt übers Ohr gehauen werdet. Das sind alles Banditen, müsst ihr wissen.«

»Na, dann können wir ja von Glück sagen, dass wir an den einzigen ehrlichen Geschäftsmann der Stadt geraten sind«, erwiderte Pia – vorsichtshalber so leise, dass Brack die Worte nicht verstand. Oder vielleicht doch, denn er warf ihr einige schräge Blicke zu, bevor er den Kopf in den Nacken legte und brüllte, so laut er nur konnte: »Lasar, du nichtsnutziger, überflüssiger Fresser! Hör auf, dich irgendwo rumzudrücken und geh nach oben! Hol die Mäntel der Erhabenen und ihrer Freundin, und dann begleitest du sie auf den Markt! Und Kronn sei dir gnädig, wenn du dich wieder übervorteilen lässt oder gar etwas für dich abzweigst!«

Lasar zeigte sich nicht, aber über ihren Köpfen polterten plötzlich Schritte, und Brack machte eine ernste Geste und ein dazu passendes noch ernsteres Gesicht. »Du solltest dein Haar besser bedecken, Pia. Und auch die Kleidung deiner Freundin ist … vielleicht nicht unbedingt in der Öffentlichkeit angemessen.«

Alica sah sie fragend an, aber Pia zog es vor, auch das besser nicht zu übersetzen.

»Ihr werdet Geld brauchen«, fuhr Brack fort, stand auf und kam einen Moment später mit einem Lederbeutel zurück, aus dem er eine Anzahl Münzen nahm, die er vor ihr auf den Tisch legte, sie einen Atemzug lang stirnrunzelnd ansah, um dann drei oder vier davon wieder wegzunehmen und in den Beutel zurückzuwerfen. »Das wird reichen, um Stoff für zwei Kleider zu kaufen. Lasar wird euch bei den Preisen behilflich sein. Ich strecke euch die Summe vor. Schließlich müsst ihr anständig gekleidet sein, wenn ihr in einem Haus wie dem meinen arbeiten wollt.«

Pia konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, irgendeine Zusage in dieser Richtung gemacht zu haben, griff aber trotzdem nach den Münzen und schloss die Hand darum. »Du musst uns nichts vorstrecken«, sagte sie freundlich. »Ich hasse es, Schulden zu haben. Da, wo wir herkommen, nennt man so etwas Arbeitskleidung. Wenn wir zurück sind, reden wir darüber, was du Alica und mir für den gestrigen Abend schuldest.«

»Aber …«, begann Brack.

»Wir müssen natürlich nicht für dich arbeiten, wenn dir unsere Kleider nicht gefallen«, fuhr Pia lächelnd fort und streckte die Hand aus, wie um ihm sein Geld zurückzugeben.

Brack starrte ihre Hand ungefähr so begeistert an, als hielte sie eine abgezogene Handgranate. »Kann es sein, dass ich dich unterschätzt habe?«, fragte er schließlich.

»Ganz bestimmt sogar«, antwortete Pia, »aber mach dir nichts draus. Du bist nicht der Erste, dem das passiert.«

Lasar kam zurück, Alicas und ihren Mantel über dem einen und einen dritten, viel zu dünnen und hoffnungslos zerschlissenen Umhang über dem anderen Arm. Er wich ihrem Blick aus.

Pia stand auf, schlüpfte in ihren Mantel und überzeugte sich davon, dass ihre Haare bis auf die letzte Strähne unter dem improvisierten Kopftuch verborgen waren, bevor sie die Kapuze hochschlug und sich zur Tür wandte, was sich als gar nicht so einfach erwies. Sie würde ihr Spesenkonto um einen weiteren Betrag strapazieren müssen, um sich eine anständige Kopfbedeckung zu beschaffen.

Die Kälte, die sie draußen erwartete, schien noch grimmiger geworden zu sein; aber das war eine Täuschung, der sie nicht nur jetzt, sondern auch an jedem der folgenden Tage erliegen sollte, die sie noch in WeißWald verbringen würden; und das würden eine Menge sein. Jetzt jedoch war sie felsenfest davon überzeugt, dass sich die Natur ganz bewusst gegen Alica und sie (vor allem gegen sie) verschworen hatte, um sie noch ein bisschen mehr zu quälen. Weil sie ja noch nicht genug am Hals hatten.

Sie blieb stehen und wartete, bis Alica und als Letzter Lasar auf die Straße herausgetreten waren. Mit einem ganz und gar nichtschuldbewussten Gefühl von Schadenfreude registrierte sie, wie Alica unter der Kälte zusammenfuhr und ganz automatisch versuchte, einen Mantelkragen hochzuschlagen, den es nicht gab.

»Du hast Brack gehört«, wandte sie sich an Lasar. »Bring uns zum Markt. Geh voraus … bitte.«

Lasar hastete ein paar Schritte weiter, blieb dann stehen und sah ein bisschen hilflos zu ihr zurück. »Erhabene?«, murmelte er.

Pia schluckte alles hinunter, was ihr zu dieser nervigen An-rede auf der Zunge lag. »Geh voraus«, sagte sie nur noch einmal.

»Aber das … tue ich doch.« Der Junge wirkte jetzt so hilflos, dass er ihr beinahe leid tat. Aber nur beinahe.

»Ja, das stimmt. Aber nicht weit genug.«

»Und wie weit … soll ich vorausgehen?«, fragte er schüchtern.

»Nicht sehr weit. Nur gerade bis außer Hörweite.«

Lasar wirkte nun vollkommen hilflos, aber nach einer weiteren Sekunde verstand er doch, drehte sich auf dem Absatz um und ging weiter. Pia und Alica schlossen sich ihm an.

»Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft«, sagte Alica, »muss ich die Sprache dieser netten Leute hier lernen.« Das war nicht nur eine Feststellung, sondern eine Frage. Wenn auch eine, die Pia ganz und gar nicht hören wollte. Und noch sehr viel weniger beantworten.