Sie hatte nicht gesagt, wohin, doch das schien der Junge auch gar nicht erwartet zu haben. Er eilte weiter, blieb nach fünf oder sechs Schritten wieder stehen und überzeugte sich mit einem raschen Blick davon, dass sie ihm auch folgten, eilte ein weiteres Stück voraus und blieb noch einmal stehen, bis er es schließlich aufgab und darauf wartete, dass sie ganz zu ihm aufschlossen. Pia fand dieses Benehmen zunächst ziemlich albern, doch nachdem sie nur ein kleines Stück in die schmalen Gassen zwischen den Verkaufsständen und Karren eingedrungen waren, musste sie ihm im Stillen recht geben. Außer den bunten Zelten, Schaustellern und unterschiedlichen Musikanten, die sich gegenseitig zu überbrüllen versuchten, hatte dieser angebliche Markt noch etwas mit einer Kirmes gemeinsam, wie sie sie kannte: Er wimmelte nur so von Menschen, und obwohl Alica und sie die meisten hier fast um Haupteslänge überragten, hätten sie sich in der dicht gedrängten Menge wahrscheinlich schon nach wenigen Schritten verloren, hätte Lasar nicht so aufmerksam darauf geachtet, dass sie zusammenblieben. Sie tat etwas, was sie unter normalen Umständen verabscheut hätte: Ihre Hand suchte die Alicas und schloss sich fest um ihre Finger – was ihr einen sehr überraschten Blick der jungen Frau eintrug. Alica protestierte jedoch nicht, sondern griff ganz im Gegenteil ihrerseits fester zu.
Sie waren gekommen, um Stoff zu kaufen – und natürlich um diese Stadt und ihre Bewohner kennenzulernen –, doch das hatte Pia schon nach dem ersten Dutzend Schritten beinahe vergessen. Sie war ein Stadtkind und durch die Umgebung, in der sie aufgewachsen war, viele Menschen auf engem Raum gewohnt, sodass ihr das Gedränge und Geschiebe nichts ausmachte, hatte Dinge wie Jahrmarkt, Kirmes oder gar den Karneval aber bisher instinktiv verabscheut. Sie mochte keine angeordnete Fröhlichkeit, und sie hasste es, wenn andere ihre angeborene Fluchtdistanz unterschritten und ihr näher als bis auf Armeslänge kamen. Dieser Anblick hier aber schlug sie sofort in seinen Bann. Alles war viel bunter, viel lauter und viel aufdringlicher, als sie es je erlebt hatte, aber da war etwas Vertrautes, noch einmal und in noch viel stärkerem Maße als bisher, das Gefühl, hierherzugehören, hier zu Hause zu sein.
Darüber hinaus gab es wirklich eine Menge interessanter Dinge zu entdecken. Ließ sie alle ihre komplizierten und verwirrenden Gefühle einfach beiseite (was ihr natürlich nicht gelang, aber sie versuchte es), dann war dies sicherlich einer der bemerkenswertesten Orte, an denen sie jemals gewesen war. Ein bisschen kam sie sich vor wie auf einer jener albernen Mittelalter-Shows, die sie noch viel grässlicher fand als die ohnehin nervigen Volksfeste und Karnevalsveranstaltungen, die Rio de Janeiro sowohl mit der Regelmäßigkeit als auch mit der Unerbittlichkeit von Naturkatastrophen heimsuchten und auf denen sie zwei- oder dreimal gewesen war, um Jesus einen Gefallen zu tun. Es war hier sogar noch lauter, enger und aufdringlicher (von der grässlichen Musik und den tausenderlei nicht immer angenehmen Gerüchen, die über ihnen zusammenschlugen, gar nicht zu reden), doch dieser Ort hatte etwas, das all diese Nachteile nicht nur ausglich, sondern ihn schon fast wieder angenehm machte, sosehr sie diese Erkenntnis auch selbst verwirrte. Er hatte Authentizität. Nichts hier war gespielt. Nichts war billig nachgemacht oder existierte nur um des Effektes willen. Das hier war echt, und sie begriff, dass man diesen Unterschied wohl nur spürte, wenn man es wirklich erlebt hatte.
Außerdem wurden Alica und sie schon wieder von allen angestarrt, aber damit hatte sie gerechnet und sich innerlich darauf vorbereitet, sodass es ihr schon beinahe überraschend leichtfiel, es hinzunehmen. Sie versuchte, sich auf die angebotenen Waren, die Marktstände und deren Besitzer zu konzentrieren. Vieles von dem, was sie sah, war ihr vertraut, denn manche Dinge ändern sich einfach nie. Manches war fremdartig und interessant und einiges auch abstoßend, vor allem wenn es um das ging, was die Leute hier offensichtlich zu essen pflegten. Von Hygienevorschriften schien man nicht allzu viel zu halten (falls es das Wort hier überhaupt gab), und zwei- oder dreimal kam sie sich vor wie in einer chinesischen Garküche, bei der man sich unwillkürlich fragte, ob es nicht vielleicht ästhetischer (und gesünder) wäre, den Koch zu essen, statt dem, was er in seiner Pfanne brutzelte.
Pia schüttelte den albernen Gedanken ab, als sie nicht nur Lasars Blick schon wieder auf sich spürte, sondern auch seine Ungeduld. Er wagte es nicht, auch nur eine entsprechende Bemerkung zu machen, aber sie fühlte seine Nervosität. Vielleicht hatte die ja einen Grund. Wenn dieser Ort hier so viel mit seinen Gegenstücken in ihrer Heimat gemein hatte, wie es aussah, dann trieben sich hier vielleicht nicht nur ehrbare Bürger herum …
Sie schloss ganz instinktiv die andere Hand noch fester um die Münzen, die Brack ihr gegeben hatte, bedeutete Lasar mit einem Blick vorauszugehen und folgte ihm durch das Gewirr aus Menschen und überfüllten Gässchen auf einen anderen Teil des Jahrmarkts, wo keine Lebensmittel, Blumen oder Küchengeräte (jedenfalls vermutete sie es, auch wenn manches davon ihrer Meinung nach ganz passables mittelalterliches Folterwerkzeug abgegeben hätte) angeboten wurden, sondern eher die Art von Waren, derentwegen sie eigentlich hergekommen waren: Kleider, Schuhe und Stoffe.
Lasar führte sie zielsicher zu einem großen, aus drei flachen Karren mit überdimensionierten Rädern und geschickt drapierten Stoffbahnen improvisierten Stand mit Kleidern, Mänteln, Blusen und Schals und anderen Kleidungsstücken. Drei junge Frauen standen hinter ihren Auslagen und versuchten ebenso lautstark wie gestenreich, die Aufmerksamkeit potenzieller Kunden auf ihre Waren zu lenken. Gleich zwei von ihnen stürzten sich mit dem untrüglichen Gespür ihrer Spezies auf Pia, kaum dass sie auch nur einen vorsichtigen Blick aus den Augenwinkeln auf ihre Auslagen geworfen hatte; aber zumindest einer der beiden verschlug es die Sprache, als sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihr ins Gesicht zu sehen. Pia sagte nichts dazu, sondern gönnte sich den kleinen Luxus, den Moment einfach zu genießen.
Die andere fand ihre Fassung rascher wieder. »Lass mich raten«, begann sie in professionell vertraulichem Ton. »Du suchst ein neues Kleid, habe ich recht?«
Das war ein ungemein scharfsinniger Schluss, fand Pia, vor allem für jemanden, der nichts anderes verkaufte als Kleider. Bevor sie antwortete, ließ sie ihren Blick prüfend über die auf groben hölzernen Bügeln aufgereihten Kleider und Röcke hinter ihr schweifen. Eines erschien ihr hässlicher als das andere. Diplomatisch ausgedrückt.
»Sieht man das so deutlich?«, fragte sie und ahmte unbewusst eine von Bracks Angewohnheiten nach, indem sie ihre eigene Frage gleich in Gedanken selbst beantwortete: ganz eindeutig ja. Ihr schäbiger Umhang vermochte den zerschlissenen Fetzen darunter nicht wirklich zu verbergen, sondern musste die kundigen Blicke der Händlerin im Gegenteil wohl eher noch darauf aufmerksam machen, dass sie wortwörtlich in Lumpen gekleidet hergekommen war.
Ihr dunkelhaariges Gegenüber – eine junge Frau, kaum älter als sie, die vermutlich recht hübsch gewesen wäre, wäre sie zwanzig Zentimeter größer und ebenso viele Pfunde leichter gewesen – lächelte nur diplomatisch, signalisierte aber mit ihren Blicken etwas ganz anderes, und Pia trat noch einen Schritt näher an den Stand heran, um die ausgestellten Kostbarkeiten einer zweiten und etwas gründlicheren Inspektion zu unterziehen. Das Ergebnis fiel beinahe noch deprimierender aus als beim ersten Mal. Wenn es überhaupt noch eines Beweises dafür bedurft hätte, dass es Alica und sie in eine vollkommen fremde Welt verschlagen hatte, dann wären es diese Kleider gewesen. So etwas konnte doch niemand ernsthaft anziehen wollen!