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Pia nahm (fast) alles zurück, was sie gestern Abend über das Kleid gedacht hatte, auf das sie in Bracks Truhe gestoßen war. Verglichen mit den schweren einheitlich grauen, braunen oder schwarzen … Säcken, die sie jetzt sah, war das Ding geradezu sexy.

»Vielleicht war das mit dem Schneidern doch keine so schlechte Idee von dir«, sagte Alica neben ihr. Sie wirkte regelrecht schockiert, und auch wenn die junge Frau auf der anderen Seite des Wagens ihre Worte nicht verstand, schien ihr der Ausdruck auf Alicas Gesicht doch genug zu sagen.

»Gefällt deiner Freundin unser Angebot nicht?«, fragte sie mit perfekt gespielter Enttäuschung. Pia fiel auf, dass sie einen raschen, aber sehr beredten Blick mit den beiden anderen Frauen tauschte, aber sie dachte sich nichts dabei.

»Nein, das ist es nicht«, sagte sie hastig. »Sie sind sehr hübsch, aber … ich fürchte, dass mir nichts davon passen wird.«

»Ja, deine Größe ist … wirklich ungewöhnlich«, pflichtete ihr die junge Frau bei. »Es muss schwer für dich sein, auch nur irgendetwas Passendes zu finden.« Heute Morgen, fügte ihr Blick hinzu, ist es dir jedenfalls nicht gelungen. »Aber du hast Glück. Meine Schwester ist eine ganz ausgezeichnete Schneiderin. Alles, was du hier siehst, hat sie gemacht.«

»Ja, das ist … beeindruckend«, murmelte Pia.

Die Verkäuferin zog mit einer routinierten Bewegung den Wagen zur Seite und gestikulierte ihr mit der anderen Hand zu, durch den Spalt zu treten. »Kommt einfach rein und sucht euch irgendwas aus, was euch gefällt. Bis morgen früh sind die Kleider in eurer Größe fertig.«

»Was hat sie gesagt?«, fragte Alica und winkte ab, noch bevor Pia auch nur Luft holen konnte, um zu antworten. »Nein, lass gut sein. Ich kann es mir denken. Aber das ist doch nicht dein Ernst, oder?«

Natürlich war es das nicht … doch wie es aussah, blieb ihnen kaum eine andere Wahl. Sie waren an verschiedenen Ständen und Buden vorbeigekommen, und auch wenn sie nur mit einem Auge hingesehen hatte, wäre ihr garantiert aufgefallen, wenn sich das Angebot dort deutlich von diesem Schreckenskabinett hier unterschieden hätte. Sie antwortete nicht gleich, sondern sah sich stirnrunzelnd und sehr aufmerksam um, wobei ihr Augenmerk vor allem den Kleidern der Frauen ringsum galt. Sie unterschieden sich kaum von den hier ausgestellten Schmuckstücken, und wenn, dann allenfalls dadurch, dass sie ein wenig abgetragener und zerschlissener wirkten.

Anscheinend war sie mit ihrer Beobachtung nicht allein. »Erklär mich meinetwegen für verrückt«, sagte Alica, »aber das hier scheint tatsächlich der letzte Schrei zu sein … wobei die Betonung eindeutig auf Schrei liegt, wenn du mich fragst.«

»Was sagt deine Freundin?«, fragte die Pummelige.

»Dass uns leider nicht so viel Zeit bleibt«, antwortete Pia. »Wir brauchen die Kleider schneller. Aber ihr verkauft doch sicher auch Stoffe.«

Ihr Gegenüber machte keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung. Doch sie fing sich auch fast sofort wieder. »Die besten überhaupt«, antwortete sie. »Und die größte Auswahl in der ganzen Stadt. Warte einen Moment. Ich hole dir ein paar Muster.«

Sie verschwand, ohne ihre Antwort abgewartet zu haben. Pia wünschte sich längst, nicht ausgerechnet an diesem Stand haltgemacht zu haben. Die junge Frau, die sie bediente, bemühte sich zwar nach Kräften, sie wie eine ganz normale Kundin zu behandeln, aber es blieb hauptsächlich bei dem gut gemeinten Versuch, und die beiden anderen versuchten nicht einmal, Alica und sie nicht ganz unverhohlen anzugaffen. Konnte es sein, dass mittlerweile jeder in dieser Stadt wusste, wer Alica und sie waren?

Vielleicht lag es an diesem Gedanken, dass das Gefühl, beobachtet zu werden, plötzlich regelrecht in ihr explodierte. Rasch drehte sie sich um und sah gerade noch einen Schatten davonhuschen, viel zu schnell, um ihn zu erkennen, aber auch nicht schnell genug, um nicht zu sehen, dass irgendetwas an ihm anders war. Sie konnte nicht einmal sagen, was.

»Was ist los?«, fragte Alica alarmiert.

»Nichts«, antwortete Pia.

Alica wirkte keineswegs überzeugt, sondern suchte nun ihrerseits aus eng zusammengekniffenen Augen die Menge ab, doch in diesem Moment kam die Marktfrau zurück und brachte die versprochenen Muster. Allerdings waren es keine Stoffballen, sondern nur eine Handvoll roh aus größeren Stücken herausgerissene Fetzen, die für Pias Geschmack auch ganz gut als Putzlappen durchgegangen wären. Sie waren rau wie Sackleinen und mindestens ebenso schwer. Pia schätzte, dass man ein Bajonett brauchte, um irgendetwas daraus zu nähen.

»Sind das …?«, begann sie.

»Unsere besten Stoffe, ja«, bestätigte die junge Frau. »Ich sage es gleich, sie sind nicht billig, aber dafür von ausgezeichneter Qualität. Du wirst im Umkreis von zehn Tagesreisen nichts Besseres finden. Ein Kleid aus diesem Stoff hält mindestens fünf Jahre, wenn nicht zehn.«

Was genau das war, wovon sie schon immer geträumt hatte: fünf Jahre in demselben Kleid herumzulaufen, und noch dazu in so einem. Sie versuchte sich zu einem Lächeln zu zwingen, aber es fiel ihr wirklich schwer.

»Was ist denn das da hinten?« Alica deutete auf ein helles Bündel, das hinter den drei Verkäuferinnen auf dem Boden lag.

»Das?« Die junge Frau machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ach, das ist nichts. Nur ein paar alte Fetzen. Wir benutzen sie zum Saubermachen, oder wenn eine von uns …« Sie lächelte, flüchtig und zugleich auch ein bisschen verlegen. »… du weißt schon.«

»Zeig sie mir«, verlangte Pia.

»Aber das ist wirklich nur …«

»Bitte«, fügte Pia hinzu, und das in einem Ton, der aus dem Wort eindeutig einen Befehl machte.

Das Lächeln blieb auf dem Gesicht der jungen Marktfrau, doch es war jetzt nur noch eine Maske. Mit einer abgehackten Bewegung wandte sie sich um, klaubte das Bündel vom Boden auf und knallte es regelrecht vor ihr hin. »Wie ich gesagt habe: nur ein paar alte Fetzen. Sie hätten gar nicht hier liegen sollen.«

Pia hatte noch immer das Gefühl, angestarrt zu werden, aber diesmal gestattete sie sich nicht, ihm nachzugeben und sich schon wieder erschrocken umzusehen. Stattdessen begutachtete sie den Stoff, der zumindest schmuddelig genug war, um der Beschreibung zu entsprechen, die seine Besitzerin abgegeben hatte.

Trotzdem kam sie dem, was Pia unter der Bezeichnung Stoff verstand, noch am nächsten. »Das nehmen wir«, sagte sie.

Die Marktfrau wirkte regelrecht empört. »Aber das ist wirklich nur …«

»Pack es zusammen«, sagte Pia. »Und alles, was wir sonst noch brauchen. Nadel, Faden und so weiter. Lasar wird dich bezahlen.«

Sie reichte dem Jungen das Geld, das Brack ihr gegeben hatte. Einen einzigen Augenblick lang schien sich noch einmal so etwas wie Widerspruch im Gesicht der Marktfrau zu regen, dann zuckte sie mit den Schultern und begann aus dem unordentlichen Stoffbündel ein anderes, nicht minder unordentliches zu kneten. Die Mischung aus Interesse und Gier auf ihrem Gesicht machte endgültig reiner Verachtung Platz.

Jemand zupfte an ihrem Umhang. Pia drehte sich halb um und senkte schon ganz automatisch den Blick und dann noch einmal und noch weiter, denn vor ihr stand jemand, der deutlich kleiner war, als sie ohnehin erwartet hatte.

Das Kind zupfte zum zweiten Mal an ihrem Umhang, fuhr dann auf dem Absatz herum und verschwand in der Menge. Vielleicht hatte es versucht, sie zu bestehlen, oder es hatte die sonderbare Fremde, von der die ganze Stadt sprach, einfach nur einmal anfassen wollen.

Pia lächelte flüchtig und drehte sich wieder herum, folgte dem Kind aber weiter mit Blicken. Zu ihrem Erstaunen wurde es nach wenigen Schritten langsamer, blieb dann ganz stehen und rannte erst weiter, nachdem es sich davon überzeugt hatte, dass sie es auch wirklich sah. Seltsam.

Pia wandte sich erneut dem Stand zu. Lasar hatte mittlerweile damit begonnen, heftig um den Preis des Stoffbündels zu feilschen, dessen wahrer Wert von seiner Besitzerin erst in diesem Moment wirklich erkannt worden zu sein schien. Pia hörte nur mit halbem Ohr hin, aber allein der Tonfall machte ihr klar, dass sich die Sache wohl noch eine Weile hinziehen würde. Schon wieder etwas, dachte sie, das anscheinend zu allen Zeiten und in allen Welten gleich war.