»Du willst doch nicht etwa dort rein?«, murmelte Alica. »Also, nichts gegen deinen Mut. Du musst mir nichts beweisen, aber …«
Sie verstummte, als Pia ganz offensichtlich gar nicht daran dachte, auf ihre Warnung zu hören, sondern ganz im Gegenteil schneller ging. Das Kind hatte sich immer noch nicht von der Stelle gerührt, doch als Pia es fast erreicht hatte, wirbelte es wieder herum und verschwand hinter dem schmalen Eingang. Pia versuchte in dem Sekundenbruchteil, den es dafür brauchte, einen Blick ins Innere des Zeltes zu werfen, sah aber nichts als vages rötliches Licht und durcheinander huschende Schatten.
Gerade als sie die Hand nach der Zeltplane ausstrecken wollte, kam auch Lasar bei ihnen an. Er war vollkommen außer Atem und trug ein unordentlich zusammengedrücktes, helles Bündel unter dem Arm. »Das solltet Ihr nicht tun, Erhabene«, stieß er hervor. »Das hier ist kein guter Ort.«
Pias Stiefel wollten weitergehen. Es kostete sie spürbare Überwindung, stehen zu bleiben und sich halb zu dem Jungen umzudrehen. »Wieso?«
Lasar warf einen ebenso raschen wie eindeutig beunruhigten Blick in die Runde, bevor er antwortete. »Ich kann hier nicht für Eure Sicherheit garantieren.«
Pia blinzelte, maß den kaum anderthalb Meter großen, schmächtigen Jungen mit einem beredten Blick und beließ es darüber hinaus bei einem Schulterzucken. Ohne ein weiteres Wort schlug sie die Zeltplane zur Seite und trat ein. Sie war nicht überrascht, als Alica ihr folgte, und noch viel weniger, als Lasar es nicht tat.
Das Innere des Zeltes erweckte auf den ersten Blick den schon fast unheimlichen Eindruck, deutlich größer als sein Äußeres zu sein, was wohl an der schwachen, aber äußerst geschickt eingesetzten Beleuchtung lag. Vielleicht auch daran, dass es bis auf einen niedrigen Tisch mit zwei noch kleineren dreibeinigen Schemeln vollkommen leer war. Erneut fiel ihr auf, dass jegliches Mobiliar hier gerade eine Winzigkeit zu klein war, um richtig auszusehen. Das knappe Dutzend ruhig brennender roter Kerzen erzeugte eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen anheimelnd und unheimlich lag, und die junge Frau, die an dem kleinen Tisch saß und ihr unverhohlen neugierig entgegensah, verstärkte dieses Gefühl noch. Sie hatte langes, bis weit über die Schultern fallendes, gelocktes Haar (erst jetzt, bei ihrem Anblick, wurde Pia klar, dass es überhaupt die erste Frau in WeißWald war, die sie ohne Kopfbedeckung sah – wenn sie Malu und ihr zweifelhaftes Etablissement einmal außen vor ließ), ein schmales Gesicht und ebenso schmale, gepflegte Hände mit nicht ganz so gepflegten Fingernägeln. Das war alles, was Pia von ihrer Gestalt erkennen konnte. Der Rest verbarg sich unter dem hier üblichen unförmigen …Etwas, von dem die Bewohner dieser Stadt glaubten, es wäre Kleidung. Das vielleicht Sonderbarste an ihr waren die Augen. Sie waren hell, wach und blickten durchdringend genug, dass es sich eigentlich unangenehm hätte anfühlen müssen, was es aber nicht tat. Pia konnte sich nicht dagegen wehren – sie fühlte sich sofort von dieser Frau eingenommen.
»So, jetzt hast du alles gesehen«, sagte Alica neben ihr. »Können wir wieder gehen?« Ohne dass es ihr wahrscheinlich selbst bewusst war, hatte sie ihre Stimme zu einem Flüstern gesenkt, aber Pia entging das sachte Zittern darin trotzdem nicht.
Sie ignorierte sie, trat mit zwei raschen Schritten an den Tisch heran und fragte sich beiläufig, wo das Kind geblieben war, das sie hierhergeführt hatte. Hier drinnen war es jedenfalls nicht, und es gab auch absolut nichts, wo es sich hätte verstecken können. Doch der Gedanke entglitt ihr, noch bevor sie ihn ganz zu Ende denken konnte.
»Setzt Euch, Erhabene.« Die dunkelhaarige Frau machte eine knappe Geste, von der Pia nicht ganz sicher war, ob sie befehlend oder einladend sein sollte. Jedenfalls gehorchte sie ihr. Der Blick der seltsam durchdringenden Augen ließ sie keine Sekunde los.
»Pia, was tust du da?« Alica war stehen geblieben, und aus irgendeinem Grund war Pia sicher, dass sie es einfach nicht wagte, sich dem Tisch und ihrer seltsamen Gastgeberin weiter zu nähern.
»Eure Begleiterin scheint mich zu fürchten«, fuhr die junge Frau fort. Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihre vollen Lippen und verschwand augenblicklich wieder. »Das ist nicht nötig.« Bei den letzten Worten schien fast so etwas wie Trauer in ihrer Stimme mitzuschwingen.
»Was soll das heißen, nicht nötig?«, ereiferte sich Alica. »Ich bin schließlich …« Sie brach ab, schwieg ein paar Sekunden, und als sie weitersprach, klang ihre Stimme regelrecht fassungslos. »He! Wieso verstehe ich Sie?«
»Weil ich die Dinge so sehe, wie sie sind«, antwortete die Dunkelhaarige, wobei Pia nicht sagen konnte, ob diese Worte ihr oder Alica galten.
»Wer sind Sie?«, murmelte sie.
»Ich bin Valoren«, antwortete ihr Gegenüber. »Jedenfalls ist das der Name, unter dem man mich in diesem Teil des Landes kennt. Ihr seid Gaylen.« Zum ersten Mal ließ ihr Blick Pia los und suchte Alica. »Und du bist Alica.«
Alica ächzte halblaut, und Pia wiederholte den Namen, den die Dunkelhaarige genannt hatte, ein paarmal in Gedanken. Valoren … das klang sonderbar, fremdartig und zugleich vertraut … und so falsch, wie es überhaupt nur ging. Ein Name, wie man ihn vielleicht in einem Fantasy-Roman las (in keinem besonders guten) oder in den Credits eines (ebenso mittelmäßigen) Hollywood-Filmes. Niemand hieß so.
Als hätte sie ihre Gedanken gelesen, lächelte Valoren, und etwas in ihrem Blick wurde weich. »Das ist nicht mein wirklicher Name«, sagte sie. »Aber hier und jetzt mag er genügen.«
»Und was …« willst du von mir?, wollte sie fragen. Stattdessen hörte sie sich fast zu ihrer eigenen Überraschung den Satz beenden: »… will ich von dir?«
Diesmal machte ihr Valorens angedeutetes Lächeln beinahe ein bisschen Angst, denn sie tat es auf eine Art, als hätte sie nicht nur gewusst, was Pia sagen würde, sondern es gewollt. »Vielleicht erfahren, warum du hergeschickt worden bist.«
»Hergelockt trifft es wohl besser«, sagte Alica, bevor Pia antworten konnte. »Dieses kleine Balg gehört doch zu dir, habe ich recht?«
Die Frau mit dem Elfennamen lächelte nur weiter und sah Pia stumm aus ihren hellen, so sonderbar wissenden Augen an, doch so schnell gab Alica nicht auf. Offensichtlich hatte sie nicht nur ihre Überraschung, sondern auch ihre Scheu überwunden, denn sie kam nun näher und blieb nicht nur hinter Pia stehen, sondern legte ihr auch in einer eindeutig beschützenden Geste die Hand auf die Schulter.
»Du bist so eine Art Wahrsagerin, habe ich recht?«, sagte sie. »Wo ist deine Kristallkugel?«
»Alica. Lass es«, sagte Pia leise.
»Davon träumst du«, schnappte Alica. »Du fällst doch nicht wirklich auf diesen Unfug rein?«
»Immerhin kennt sie unsere Namen«, gab Pia zu bedenken. Sie wollte zu Alica hochsehen, aber es ging nicht. Der Blick dieser unheimlichen Augen hielt sie fest, jedoch war an diesem Gefühl erstaunlicherweise rein gar nichts Erschreckendes oder gar Bedrohliches.
»Kunststück!«, sagte Alica abfällig. »Wahrscheinlich weiß mittlerweile jeder in der Stadt, wie wir heißen und wo wir herkommen. Brack ist die schlimmste Tratsche, der ich je begegnet bin.«
»Er ist ein aufrechter Mann«, sagte Valoren, »soweit ein Mann hier aufrecht sein kann und dabei überlebt. Ihr könnt ihm trauen … wenn auch nicht allzu weit.«
»Warum hast du mich gerufen?«, fragte Pia.
»Dreimal darfst du raten«, sagte Alica. »Aber ich muss dich enttäuschen, ehrwürdige Wie-auch-immer. Wir haben kein Geld. Bei uns ist nichts zu holen. Du kannst also mit deinem Hokuspokus aufhören.«